Smartphone-App für Paare: Handygeschichten und Liebessachen 

23. November 2014, 11:30
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In Seoul sorgt eine Smartphone-App für Furore, die nur Paare gemeinsam verwenden - Sie zeichnen damit auf, was sie erleben und wie sie fühlen

Es war ein Samstagnachmittag im Juni, die Sonne stand bereits tief und tauchte die Bürotürme von Seouls Geschäftsviertel Gangnam in ein sattes Orange. Sie, Musikstudentin, 22 Jahre alt, traf ihn in einem koreanischen Restaurant. Er, 25, BWL in Boston, war so nervös, dass er noch während der Vorspeise sein Anzughemd mit Kimchi beschmierte. Komisch, dachte sie sich damals, selbst bei dieser tollpatschigen Geste, die sie normalerweise stören, wenn nicht gar abschrecken würde, schaut er irgendwie süß aus. Kurz nach dem Dessert zückten beide ihre Smartphones, die neueste Generation, und tauschten Nummern aus. Noch bevor sie im Bett lag, summte ihr Handy am Nachttisch: seine erste Nachricht.

So fing alles an, erzählt Kim Yae-yun in einem Kaffeehaus im Studentenviertel Sinchon. Wimperntusche betont ihre schwarzen Kulleraugen, vor ihr türmt sich ein überdimensionaler Eisbecher. Kims Geigenkoffer lehnt an einem Wandregal voller Bücher, die in diesem Setting wie Relikte aus einem fernen Jahrhundert wirken. Im Hintergrund lungert ein Pärchen auf Sitzsäcken, beide halten sich kichernd ihre Displays unter die Nase - sie am Smartphone, er am Tabloid.

"Beim dritten Date hat es wirklich Klick gemacht", erinnert sich Kim. Als er eines Abends unangekündigt vor dem Apartment ihrer Eltern stand, sie am Telefon bat runterzukommen und mit zittriger Stimme fragte, ob sie seine Freundin sein möchte. Sie antwortete sofort.

Doch zusammen zu sein, das merkte sie nur wenige Wochen später, ist nicht mehr genug. Bei einem Mädelsabend zeigte ihr eine Freundin eine neue App namens "Between", die auch zeigen würde, wie wichtig die Beziehung ihrem Freund sei. Kim Yae-yun fühlte sich plötzlich ausgeschlossen. Sie wollte auch diesen virtuellen Verlobungsring.

Premiere für Paare

"Es gibt dutzende Apps zum Flirten und Kennenlernen, aber der Pärchen hat sich damals niemand angenommen. Wir waren die Pioniere", sagt Edward Lee in einem improvisiert wirkenden Konferenzraum. "Wir wussten ja, was die Leute wollen: Auf herkömmlichen sozialen Netzwerken fehlt den Nutzern die Privatsphäre", meint Jake Park. Also entwickelten die beiden Südkoreaner eine Art antisoziales Netzwerk: eine App, auf die nur zwei Nutzer zugreifen können. Die Grundfrage lautete: Wie lässt sich Liebe digital übersetzen?

Wer die Macher der Between-App besucht, wähnt sich eher in einer Start-up-Garage in Palo Alto denn im Land der militärisch geführten Konglomerate: Nerdige Endzwanziger in Shirt und Sneakers hocken vor Macbooks, Anzugträger sucht man vergeblich. Ein positiver Unternehmer-Spirit weht durch das Großraumbüro in Seoul. Um die strengen sozialen Hierarchien ihres Heimatlandes gar nicht erst aufkommen zu lassen, nennen sie sich alle mit westlichem Namen. Als sie Between vor drei Jahren auf den Markt brachten, waren sie nichts weiter als befreundete Studenten. Heute leiten sie ein 30-köpfiges Team, ihre App wurde mittlerweile über neun Millionen Mal heruntergeladen. Rund die Hälfte aller Nutzer stammt aus Südkorea.

Eine von ihnen ist Kim Yae-yun. Kurz nach dem Aufstehen schickte sie die erste Nachricht an ihren Freund, kurz vor dem Einschlafen die letzte. Täglich stellten sie Pärchenfotos von sich online, Gedichte und Tagebucheinträge. Ein integrierter Kalender erinnerte sie daran, dass schon bald ihr 100-Tages-Jubiläum bevorstand - für koreanische Pärchen ein wichtiger Meilenstein, der stets mit opulenten Geschenken gefeiert wird. Und hier setzt das Geschäftsmodell von Between an: In Kooperation mit Fluglinien und Hotelketten, Autoverleihern, Restaurants, Blumengeschäften und Konzertveranstaltern bietet die App ihren Nutzern günstige Rabatte an. Wohin das nächste Date gehen soll? Between schickt regelmäßig Vorschläge. Auch kleinere Aufmerksamkeiten wie Kaffee oder Schokolade können per Knopfdruck als Coupon verschickt werden. Bezahlt wird via Handyrechnung.

Potenzielle Kunden

Bei Between werden die Pärchen zu potenziellen Kunden, und auch nach deren Heirat bleiben die meisten ihrer App treu. Natürlich wollen die Entwickler ihre Nutzer möglichst lange bei Laune halten. Doch in diesem Punkt hinken südkoreanische Pärchen hinterher: Nur 11 Monate dauert hier die durchschnittliche Beziehung von Between-Nutzern, in Japan sind es zumindest 13 und in den USA 16 Monate. Die Entwickler denken darüber nach, ihren Nutzern vergünstigte Paartherapien anzubieten.

Seoul ist die bestvernetzte Stadt der Welt, über 98 Prozent aller Twens besitzen ein Smartphone, mit dem sie selbst in fahrenden U-Bahn-Wagons, 30 Meter unter dem Meeresspiegel, im stabilen 4G-Netzwerk surfen. Kann es Zufall sein, dass ausgerechnet hier die Wachstumsraten an Singlehaushalten am höchsten sind?

Als Kim Yae-yuns Freund nach Ende der Semesterferien zurück an seine Uni nach Boston musste, fiel der Abschied den beiden schwer. Doch eine Fernbeziehung schien ihnen möglich, schließlich trugen sie ihre digitalisierte Beziehung auf dem Smartphone immer bei sich. Die App zeigte ihr, wie das Wetter bei ihrem Freund ist und wie lange ihr erster Kuss zurückliegt.

Doch es dauerte nicht lange, da stritten sie sich immer häufiger. Oft wurde er sauer, weil sie seine Nachrichten zwar gesehen hatte, aber erst Stunden später antwortete. Nur zehn Tage nach seiner Abreise trennten sie sich, natürlich auch auf Between. Doch im Zeitalter von Smartphones wird das Schlussmachen ungleich komplizierter: Die App-Entwickler haben eine 30-tägige Schonfrist eingebaut, innerhalb der man die verflossene Beziehung wiederherstellen kann. Und auch darüber hinaus kommt die Hälfte aller Between-Nutzer wieder zurück und legt sich einen neuen Account an, knapp 50 Prozent wieder mit ihrem Ex.

Auch Kim hat es bislang nicht übers Herz gebracht, ihren Beziehungsaccount zu löschen. Manchmal schaut sie sich die alten Fotos an, doch dass die beiden wirklich noch einmal zusammenkommen, daran glaubt sie nicht. Wieso ihr es dennoch so schwerfalle, einen endgültigen Schlussstrich zu ziehen? "Es fühlt sich an, als ob man seine Erinnerungen löscht." (Fabian Kretschmer aus Seoul, DER STANDARD, 19.11.2014)

  • Den Spaziergang mit dem Liebsten festhalten und auf die  Pärchen-Plattform Between stellen: eine Alltagsszene aus der  südkoreanischen Hauptstadt Seoul.
    foto: reuters/kim hong-ji

    Den Spaziergang mit dem Liebsten festhalten und auf die Pärchen-Plattform Between stellen: eine Alltagsszene aus der südkoreanischen Hauptstadt Seoul.

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