Gebeuteltes Sackerlverbot

Kommentar18. November 2014, 15:00
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Das kostenlose Plastiksackerl ist zwar kurzfristig praktisch, aber ökologisch untragbar

Statt eines Verbots kommt nun ein verwässerter Kompromiss: Die EU-Kommission erlaubt bei den dünnen Plastiksackerln im Supermarkt verpflichtende Gebühren. Die Mitgliedsstaaten sollen jedoch selbst entscheiden, ob sie die bisher kostenlosen Einwegsackerln an der Kassa oder in der Obst- und Gemüseabteilung kostenpflichtig machen. Der Rat hat noch kein grünes Licht gegeben.

Dabei zeigt das Beispiel Irland, dass verbindliche Gebühren greifen: Innerhalb weniger Monate ging der Verbrauch um 90 Prozent zurück. Das Problem ist zu drängend, um weitere Zeit zu vergeuden. Die EU braucht ein gemeinsames Ziel zur schnellen Reduzierung. 200 Plastiksackerln verwendet jeder der 506 Millionen EU-Bürger pro Jahr, die meisten davon nur einmal und nur rund 20 Minuten. Dabei handelt es sich zum Großteil um dünne Gratissackerln.

Die Plastiksackerln landen in den Meeren und Landschaften, in den Mägen von Fischen und Vögeln. Es handelt sich um Abfall, der Jahrhunderte braucht, um in Mikropartikel mit weniger als einem Millimeter Durchmesser zu zerfallen. Vollständig verrottet das Material nie und gelangt über den Speisefisch wieder auf unsere Teller.

Die Verantwortung für die Verschmutzung tragen nicht nur Länder mit Meereszugang. Zentraleuropa trägt durchaus seinen Teil bei, die Müllstrudel zu vergrößern. Etwa acht Milliarden Sackerln aus dem EU-Raum gelangen jedes Jahr durch achtloses Wegwerfen und durch Wind und über Flüsse in die Weltmeere.

Zudem wird das Material oft außerhalb der EU hergestellt. Die ökologischen Folgen werden dadurch schon bei der Produktion ausgelagert. Seit Jahren wird daher in der EU über ein Verbot diskutiert. Bisher mit wenig Folgen. Erst im vergangenen Jahr präsentierte EU-Umweltkommissar Janez Potocnik erstmals einen Vorschlag für verpflichtende Maßnahmen.

Scharfe Kritik kommt natürlich von den mehr als 250 Plastiksackerlproduzenten im EU-Raum. Ihr Argument lautet, dass ein Verbot im Konflikt mit den Regeln des EU-Binnenmarktes stünde. Ein Bann in einzelnen Ländern verzerre den Markt und sei daher nicht mit EU-Recht vereinbar.

Es ist politisch kurzsichtig, bei diesem Thema die Kosten des Umweltschutzes mit jenen der Wirtschaft zu vergleichen. Denn vermüllte Strände schaden auch dem Tourismus, verendete Meerestiere und zerstörte Ökosysteme der Fischerei und Lebensmittelindustrie. Laut Schätzungen der UN im Vorjahr verursacht der Plastikmüll in den Weltmeeren einen Schaden von rund zehn Milliarden Euro pro Jahr, ein Teil davon stammt eben auch von Plastiksackerl.

Eine Sofortmaßnahme wären verpflichtende Gebühren. Das kostenlose Plastiksackerl ist zwar kurzfristig praktisch, aber ökologisch untragbar. Verbraucher sollten zumindest Produktion und Entsorgung zahlen müssen. Eine Studie der EU-Kommission von 2012 empfiehlt zudem, die Abgabe regelmäßig zu erhöhen, damit sich Kunden nicht daran gewöhnen. Sobald das Sackerl etwas kostet, wird es weniger genutzt. (Julia Schilly, derStandard.at, 18.11.2014)

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