Studie: 2046 doppelt so viele Muslime in Wien

18. November 2014, 09:06
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In dreißig Jahren wird nur noch ein Drittel der Wiener katholisch sein, schätzen Forscher der Akademie der Wissenschaften

Wien – Vor allem Säkularisierung und Migration verändern die Wiener Glaubenslandschaft, die noch in den 70er-Jahren homogen christlich war. In rund dreißig Jahren werden nur noch ein Drittel der Wiener katholisch sein, der Anteil der Muslime wird sich dann mit 21 Prozent hingegen beinahe verdoppeln.

Das sind die Ergebnisse des WIREL-Projekts der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, das die Struktur der Religionszugehörigkeit und des Glaubens in Wien untersucht. Die Religionszugehörigkeit wurde bis 2046 hochgerechnet. Ab Donnerstag werden die Detailresultate bei einer Konferenz in Wien vorgestellt. Zudem will man die Bundeshauptstadt mit anderen großen Städten Europas vergleichen, wie Projektmitarbeiter Ramon Bauer erklärte.

41 Prozent Katholiken 2011

Schon die religiöse Gegenwart ist dabei statistisch nicht einfach zu erfassen. Die letzten konkreten Zahlen gibt es aus dem Jahr 2001, als die letzte offizielle Volkszählung mit Religionszugehörigkeitserfassung durchgeführt wurde. Seit diesem Zeitpunkt können die Wissenschafter nur noch rekonstruieren. 2011 haben in Wien nach diesen Schätzungen 41 Prozent Katholiken, vier Prozent Protestanten, neun Prozent Orthodoxe, vor allem Serbisch-Orthodoxe, zwölf Prozent Muslime, 0,5 Prozent Juden, drei Prozent mit anderen Religionen und 30 Prozent ohne Bekenntnis gelebt.

Wien hat "Vorreiterrolle"

Seit den 1970er-Jahren treten immer mehr Menschen aus der katholischen Kirche aus, Migration stärkte vor allem die Gruppen der Muslime und der Orthodoxen. "Der Trend geht in Richtung Privatisierung und Individualisierung der Religion", sagt Bauer. Statt institutionalisierter Kirche, mit etwa einem fixen Messebesuch am Sonntag, bewege sich die Hauptstadt in Richtung Spiritualität und privaten Glaubens. Dabei habe Wien sowohl bei der Diversifizierung der Religionen als auch bei der Abwendung von der traditionellen Kirche im Vergleich zu den anderen Bundesländern eine "Vorreiterrolle".

Keine weiteren Austritte erwartet

Bauer geht davon aus, dass die Zahl der Kirchenaustritte den Plafond erreicht hat. "Jetzt ist nur noch der religiöse Kern übrig, der auch in Zukunft nicht vorhat auszutreten." Deshalb wird auch die Zahl der Menschen ohne Bekenntnis laut den Prospektionen von WIREL nicht steigen, sondern sogar leicht sinken: Sind es heute 30 Prozent, werden es 2046 27 Prozent sein. Katholiken wird es dann allerdings nur noch 33 Prozent geben, Protestanten bleiben konstant bei vier Prozent.

Islam als "junge Religion"

Ein Grund, warum der Anteil der Muslime sowie der Orthodoxen in Zukunft steigen wird: Sie sind vergleichsweise "junge" Religionen – muslimische Jugendliche gehören zu den religiösesten ihrer Altersklasse, generell ist der Altersdurchschnitt der muslimischen Bevölkerung geringer. Deshalb rechnen die Experten 2046 mit 21 Prozent Wienern, die dem Islam angehören (2011: zwölf Prozent). Die Orthodoxen wachsen von neun auf elf Prozent. Keine Veränderung prognostizieren die WIREL-Ergebnisse bei Juden und anderen Religionen.

"Zusätzlich spielen künftig Geburtenraten innerhalb der Religionen sowie Partnerschaftsentscheidungen eine große Rolle. Denn Religion wird vererbt", sagt Bauer. Für die Hochrechnungen bis 2046 hat man sich deshalb auch diese Faktoren angesehen. Dabei zeigte sich, dass vor allem muslimische und jüdische Frauen überdurchschnittlich viele Kinder bekommen – allerdings waren auch diese Zahlen in den vergangenen Jahren im Sinken. Gleichzeitig gibt es einen Anstieg bei interreligiösen Partnerschaften. Hier steht die Religion aber oft im Hintergrund, gemischt-religiöse Familien bekommen durchschnittlich weniger Kinder, und diese werden meist ohne Bekenntnis erzogen.

Keine Ghettos

Neben Trends und Zahlen hat sich WIREL die geografische Verteilung der einzelnen Glaubensgemeinschaften und Ethnien angesehen. "Der Großteil der Wiener lebt in gemischten Grätzeln, starke Konzentrationen, sogenannte Ghettos, gibt es nicht", schilderte Bauer. Grundsätzlich gelte: je innerstädtischer und dichter besiedelt, desto diverser. Nur an den wenig besiedelten Stadträndern gebe es noch einen hohen Anteil an Katholiken. (APA, 18.11.2014)

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