Die kubanische Moschee

Einserkastl17. November 2014, 17:46
122 Postings

Erdogan hat die Rolle des absurden Selbstüberhöhers übernommen

Wie schon bei Fritz von Herzmanovsky-Orlandos Stück Sellawie oder Hamlet als Osterhase nachzulesen, wurde die chemische Textilputzerei bereits im Ungarn des Mittelalters erfunden ("weil so blutig wor ungarische Geschichte, bitte!"). Auch über das russische nationale Selbstbewusstsein, das sich vor allem in der Zeit des Kalten Krieges daran aufrichtete, dass alle wesentlichen Erfindungen von der Sowjetunion gemacht worden seien, wurde seinerzeit viel gewitzelt.

Die Rolle des absurden Selbstüberhöhers hat nun endgültig der türkische Premier Erdogan übernommen, und zwar nicht nur für seine Türken, sondern für alle Muslime. Die hätten nämlich, wie er in einer Rede sagt, schon "314 Jahre vor Kolumbus, nämlich im Jahr 1178, den amerikanischen Kontinent erreicht". Zeuge sei Kolumbus selbst, denn der erwähnt in seinen Memoiren eine Moschee auf einem Berggipfel an der kubanischen Küste. Dass Kolumbus vermutlich von einer Kuppel "wie einer Moschee" schreibt, passt nicht in Erdogans Denkmuster vom Primat des Islam.

Natürlich ist das absurd, aber es ist deswegen nicht harmlos. Dahinter steckt eine Heilsideologie, die schon in früheren Äußerungen (mit der Eroberung Konstantinopels durch die Osmanen sei erst "die Zeit der Erleuchtung" gekommen) durchbrach. Muslime sind einfach überlegen: So muss man diesen Selbstbetrug von der muslimischen Entdeckung Amerikas dekodieren. (Hans Rauscher, DER STANDARD, 18.11.2014)

Share if you care.