Der Handel vergrault die Lehrlinge

18. November 2014, 05:30
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Lehrlinge klagen über unfreiwillige, unbezahlte Überstunden, mehr als die Hälfte würde lieber in anderen Branche arbeiten

Wien – Unregelmäßige Arbeitszeiten, viele Überstunden und Samstagsdienste, überwiegende Einsätze im Lager und als Regalschlichter statt im Verkauf – und das alles für wenig Geld: Jobs im Einzelhandel sind für viele Jugendliche in Ermangelung von Alternativen nur die zweite Wahl. Vor allem Lebensmittelketten geht in größeren Städten der Nachwuchs aus. Auch individuelle Prämien lassen das schlechte Image nur noch bedingt vergessen. Und Österreichs Händler ziehen im Kampf um Lehrlinge zunehmend den Kürzeren.

Knapp 58 Prozent der Lehrlinge im Handel sehen ihre aktuelle Arbeit nicht als Wunschberuf. Rund 82 Prozent zeigen sich zwar generell mit ihrer Ausbildung zufrieden. Im Detail räumen viele aber ein, fast nichts oder etwas anderes zu lernen, als sie eigentlich wollten. Sie klagen über wenig Kundenkontakt, da sie großteils im Lager eingesetzt würden, und berichten über ungeplante Mehrarbeit.

Das geht aus der jüngsten Umfrage der Gewerkschaft GPA-djp unter 16.330 Lehrlingen in Österreich hervor, an der knapp 13 Prozent teilnahmen, 77 Prozent unter ihnen arbeiten im Einzelhandel.

Unfreiwillige Mehrarbeit

Wer jünger als 18 ist, darf hierzulande keine Überstunden schieben – außer es liegen dafür dringende Gründe vor. 18 Prozent der unter 16-Jährigen und 54 Prozent der bis zu 18-Jährigen tun es dennoch regelmäßig. Die Hälfte von ihnen laut eigenen Angaben nicht aus freien Stücken, gut 36 Prozent mitunter auch unbezahlt.

Helmut Gotthartsleitner, Bundesjugendsekretär der GPA-djp, ist überzeugt, dass "viele Junge als Puffer für Dienstplanlücken herhalten". Der entsprechende Paragraf im Gesetz sei zahnlos.

An mehr als zwei Samstagen im Monat sieht sich ein Fünftel der Jugendlichen arbeiten, mehr als 66 Prozent von ihnen unfreiwillig. Den Mut, dagegen zu protestieren, haben die wenigsten. Gerade auf dem Land seien viele froh, überhaupt eine Lehrstelle gefunden zu haben, sagt Gotthartsleitner. Und wer verdirbt es sich schon gern mit Branchen wie dem Lebensmittelhandel, die aus wenigen großen Anbietern bestehen.

Mehr als ein Viertel der Jugendlichen gab an, Angst um die Lehrstelle zu haben. Dass Junge unter 200 Lehrberufen wählen können, ist aus Sicht des Gewerkschafters leichtfertig gesagt, "weil es viele dieser Jobs auf dem Land regional einfach nicht gibt".

Zweite Wahl

Bettina Lorentschitsch, Obfrau der Bundessparte Handel, stellt das schwache Image ihrer Branche nicht in Abrede. "Der Handel ist gerade in den Städten oft nur die zweite Wahl. Und wir haben viele Schulabbrecher, die nichts anderes finden." Für den Handel spreche aber, dass das Gros der Jugendlichen in den Lehrbetrieben bleibe. Zudem biete der Handel an sich eine breite Palette an Berufen.

Lorentschitsch sieht in den Klagen gegen unbezahlte Überstunden und unfreiwillige Samstagsarbeit kein System, sondern Einzelfälle – der Aufforderung, diese konkret aufzuzeigen, sei die Gewerkschaft bisher nicht gefolgt.

Ausbildner auf dem Prüfstand

Zwei Jahre lang haben die Sozialpartner an einem neuen Berufsbild im Handel gearbeitet, das kommenden März verordnet werden soll. Lehrlinge sollen künftig etwa verpflichtend Englisch und mehr Sozialkompetenzen lernen: von Kommunikations-Know-how über Konfliktmanagement bis hin zum richtigen Verhalten bei Überfällen.

Ein entsprechender Leitfaden wird demnächst über die Betriebe ausgerollt. Lorentschitsch sieht darin einen großen Schritt nach vorn. Gotthartsleitner hofft, dass die Aufwertung tatsächlich in der Praxis bei den einzelnen Filialen ankommt. Seinen Erfahrungen nach gehörten Ausbildner alle fünf Jahre überprüft, gerade auch dann, wenn in Unternehmen die Eigentümer wechseln. "Es gibt genug Vorschriften und keine Notwendigkeit für neue Kontrollen", entgegnet Lorentschitsch.

Stadt-Land-Gefälle

Österreichs Handel zählte 2013 gut 18.000 Lehrlinge, um 1000 weniger als 2009. Aktuell meldet das Arbeitsmarktservice in den Bereichen Handel und Verkehr 485 offene Lehrstellen. Wobei Lorentschitsch ein starkes Stadt-Land-Gefälle ausmacht. "In Wien suchen viele Betriebe händeringend Lehrlinge." Auch in Salzburg gebe es mehr offene Lehrstellen als Lehrstellensuchende.

Die neuaufgeflammte Debatte um Arbeit an Sonntagen macht Jugendlichen den Job im Handel im Übrigen nicht gerade schmackhafter: 96 Prozent der Befragten halten nichts davon. Fast die Hälfte würde in diesem Fall auf eine andere Branche umsatteln wollen. (Verena Kainrath, DER STANDARD, 18.11.2014)

  • Viel Arbeit im Lager statt Dienst am Kunden: Eine aktuelle Umfrage der Gewerkschaft malt ein wenig verlockendes Bild der Jobs im Handel.
    foto: ap/roland

    Viel Arbeit im Lager statt Dienst am Kunden: Eine aktuelle Umfrage der Gewerkschaft malt ein wenig verlockendes Bild der Jobs im Handel.

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