Gewalt als Epidemie ohne Notstand

17. November 2014, 17:35
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UNO-Sonderberichterstatterin: Gewalt gegen Frauen hat epidemische Ausmaße

Wien/Europa-weit - Würde es sich um ein medizinisches Problem handeln, wäre schon längst der Notstand ausgerufen: Mit diesem Vergleich verdeutlichte UNO-Sonderberichterstatterin Rashida Manjoo am Montagnachmittag bei der WAVE-Konferenz in Wien das - ihrer Überzeugung nach epidemische - Ausmaß der weltweiten Gewalt an Frauen.

Gewalt an Frauen werde mittlerweile zwar als Verletzung der Menschenrechte betrachtet, es gebe aber noch immer eine Zweiteilung: Gewalt im öffentlichen Raum und Gewalt in der Familie, wobei letzterer nicht die Aufmerksamkeit zukommt, die eigentlich notwendig wäre, sagte Manjoo, Sonderberichterstatterin über Gewalt gegen Frauen. Sie ist es, wie sie nach fast zehn Jahren in ihrer Funktion bekundete, eigentlich schon leid, "immer das gleiche zu sagen und zu schreiben": Der Schutz vonFrauen vor Gewalt ist Aufgabe des Staates, und der hat dafür zu sorgen, dass Täter bestraft und Opfer geschützt werden.

"Beim Umgang mit Opfern von Gewalt kommt zuallererst der Polizei eine wesentliche Bedeutung zu", sagte Manjoo. Und da hapert es in vielen Ländern ganz gehörig: Sei es, dass weibliche Gewaltopfer nicht ernst genommen werden oder dass sie mit der Aufforderung nach Hause und damit zurück zum Täter geschickt werden. Oder dass ihnen zugemutet wird, selber für die Schlichtung des Streits zu sorgen oder sie überhaupt als Urheberinnen dargestellt werden.

Ein permanentes Phänomen

Mangelndes Verständnis, fehlende Ausbildung, Personalknappheit oder die eigene kulturelle oder soziale Prägung können hinter dem Verhalten von Polizisten stehen, meinte Manjoo. "Traditionelle Gesellschaften entscheiden tendenziell eher zugunsten von Männern", stellte die UNO-Sonderberichterstatterin fest. Gewalt gegen Frauen sei aber ein permanentes Phänomen, die Zahlen stiegen massiv an, meinte die Expertin. Einen verlässlichen Überblick gibt es allerdings nicht. "Wenn Frauen als Opfer von Gewalt nicht ernst genommen und stigmatisiert werden, gehen sie nicht zu den Behörden", sagte Manjoo und wies speziell auf Angehörige von Minderheiten hin, die von diesem Problem betroffen seien.

Um Verletzungen von Frauenrechten festzustellen oder das Ausmaß von Gewalt richtig einzuschätzen, empfiehlt Manjoo, einen Blick vor die eigene Haustür zu werfen. Vor einer Jordanien-Mission hätten Kollegen von ihr unwillkürlich das Problem "Ehrenmorde" mit dem Land im Nahen Osten assoziiert. "Aber im selben Zeitraum, in dem in Jordanien zehn bis 15 'Ehrenmorde' verübt wurden, sind in Italien 103 sogenannte Tötungsdelikte aus Leidenschaft registriert worden", sagte die UNO-Sonderberichterstatterin. (APA, 17.11.2014)

  • "Traditionelle Gesellschaften entscheiden tendenziell eher zugunsten von Männern", stellte die UNO-Sonderberichterstatterin  Rashida Manjoo fest.
    foto: apa/peter klaunzer

    "Traditionelle Gesellschaften entscheiden tendenziell eher zugunsten von Männern", stellte die UNO-Sonderberichterstatterin Rashida Manjoo fest.

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