Ein langer Zungenkuss überträgt 80 Millionen Bakterien

17. November 2014, 16:59
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Niederländische Studie zeigt erheblichen Austausch der oralen Mikrobiota – Häufiges Küssen führt demnach zur Angleichung der bakteriellen Mundflora

Amsterdam/Wien - "Küssen kann man nicht alleine", weiß der deutsche Schlager. Diese zweisame Tätigkeit ist bei fast allen Kulturen von Homo sapiens geläufige Praxis. Zungenküsse wurden aber auch schon bei Bonobos und Orang-Utans beobachtet.

Niederländische Forscher um Remco Kort (Uni Amsterdam) haben nun erstmals ermittelt, wie viele Mikroben bei einem Zungenkuss übertragen werden und kommen auf eine auf den ersten Blick erstaunliche Zahl - nämlich 80 Millionen. Angesichts der 100 Billionen Mikroorganismen, die unser Verdauungssystem beherbergt, nimmt sich diese orale Gabe freilich eher bescheiden aus.

Die Forscher haben für ihre Studie, die im Open-Access-Fachblatt "Microbiome" veröffentlicht wurde, einige Hochrechnungen anstellen müssen. Eigentlich untersuchten sie 21 Paare, bei denen ein Partner zuvor ein probiotisches Getränk mit entsprechenden Bakterien konsumiert hatte. Nach einem innigen Kuss stieg die Menge der probiotischen Bakterien im Speichel des Empfängers um das Dreifache an. Die daran anschließenden Kalkulationen, die das Speichelvolumen, die Kontaktfläche, die Dauer und ähnliche Variablen berücksichtigten, ergaben dann etwa 80 Millionen transferierte Bakterien bei einem zehnsekündigen Zungenkuss.

Rätselhafte Kussfrequenzen

Die Forscher haben aber noch etwas Neues herausgefunden. Bekannt war bereits, dass unsere Mundhöhlen rund 700 verschiedene Bakterienarten enthalten, deren Zusammensetzung von Mensch zu Mensch stark variiert. Wie Kort und Kollegen herausfanden, kommt es bei häufig schmusenden Paaren zu einer Angleichung des "Mund-Zoos". Dafür müssen die Partner aber mehrmals täglich intensiver schmusen.

Schließlich förderte die Studie noch eine weitere Erkenntnis zutage: Die männlichen Studienteilnehmer gaben in den Fragebögen im Schnitt deutlich höhere Kussfrequenzen pro Tag an als ihre Partnerinnen. Während die männlichen Versuchspersonen täglich durchschnittlich zehn Küsse zu Protokoll gaben, konnten sich ihre Partnerinnen nur an fünf erinnern. Waren da womöglich auch noch andere Mitküsserinnen beteiligt? Oder kann man(n) vielleicht doch alleine küssen? (tasch, DER STANDARD, 18.11.2014)

  • Beim Schmusen wechseln viele Mikroben den Mundraum, was im Normalfall das Immunsystem stärkt.
    foto: apa/dpa/paul zinken

    Beim Schmusen wechseln viele Mikroben den Mundraum, was im Normalfall das Immunsystem stärkt.

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