Geld in der Tasche, das Wasser bis zum Hals

17. November 2014, 17:13
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Uraufführung von Sistigs "Was es bedeutet baden zu gehen" im Wiener Schauspielhaus

Wien - Das eine Mittdreißigerpaar möchte beim anderen Mittdreißigerpaar zu Abend essen. Doch das erste Wort hat im Wiener Schauspielhaus Morrissey, der im Verein mit den Smiths via Bandeinspielung das Sehnsuchtslied There Is A Light That Never Goes Out anstimmt: "Take me out tonight / Where there's music and there's people ..."

Was es bedeutet baden zu gehen nennt sich das neue Stück des blutjungen Berliner Dramatikers Bastian Sistig. Wer meint, ein solcher Titel sei, abgesehen von der neudeutschen Zeichensetzung, redselig, für den hat der Autor noch eine Fortsetzung der Überschrift auf Lager. Was das "Badengehen" bedeutet, "ist", wie es heißt, "gar nicht so einfach zu sagen, wenn überall die Menschen ins Wasser laufen, um sich umzubringen." Titel Ende, das Stück beginnt.

Das Lied der Smiths stammt aus dem Jahr 1986. Heute, im Jahr 2014, stehen zwei Wohlstandspaare vor einer Wand aus Pressholzplatten. Die Gastgeberin (Myriam Schröder) checkt flink noch ein paar E-Mails. Der Hausherr (Steffen Höld) trägt mit gesucht spöttischer Miene Bildungsprosa über den Homo sapiens vor.

Paare der gehobenen mittleren Einkommensklasse treffen aufeinander. Man versichert einander, die nämlichen Interessen zu teilen. Die Gäste David (Simon Zagermann) und Franziska (Barbara Horvath) sind Werbedesigner und Museumspädagogin. Es könnte genauso gut umgekehrt sein. Als Voraussetzung für einen "gelungenen" Abend dient die Vorstellung, Menschen, die einander ähneln, würden einander auch wohlwollend gegenübertreten.

Das Gegenteil ist der Fall. Fast ohne Requisiten, allein unter Zuhilfenahme der Mundwerkzeuge, entwickeln die Figuren eine Zimmerschlacht. Es spannt sich ein unsichtbarer Bogen von den rhetorischen Überspanntheiten der französischen Hochklassik (Racine! Phedre!) hinüber ins Loft der unselbstständig Angepassten. Irgendwo in der Mitte zwischen den beiden läge Albees Wer hat Angst vor Virginia Woolf?, vielleicht auch Rezas Gott des Gemetzels.

Regisseur Sebastian Schug tut das Richtige. Unter seinen Händen behalten der Zyniker (Höld) wie der einfache Kraftmensch (Zagermann) ihr Geheimnis. Die Damen ringen verbissen um Selbstständigkeit. Vier Personen suchen nach einem Ausdruck für ihr Unbehagen. Kein Gott gab ihnen zu sagen, was sie leiden. Das Gastpaar erzählt von seinem Plan, auszuwandern. Genauso gut könnte ein Familienselbstmord in den Meeresfluten beabsichtigt sein. Es gibt viel zu lachen während dieser streitbaren Zusammenkunft. In Wahrheit ist alles bloß zum Heulen. Und kein Morrissey weit und breit, der den Weltschmerz in Liedzeilen zu fassen verstünde. Ein großer "kleiner" Abend. (Ronald Pohl, DER STANDARD, 18.11.2014)

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