Bescheidenheit statt Großkotzigkeit

16. November 2014, 17:54
284 Postings

Teamchef Koller ist selbstverständlich zufrieden. Weihnachten kann kommen. Aber davor kommt noch das vielleicht übermächtige Brasilien

Wien – Es ist mittlerweile eine wunderbare Konstante im Wortschatz von Teamchef Marcel Koller, dass er am Tag nach einem Länderspiel zu sagen pflegt: "Es fühlt sich gut an." Und weil er ein Meister des Understatements ist, legte er Wert darauf, "dass Österreich nicht bei der EM in Frankreich ist". Er lobte den Gegner, Russland sei der erwartet harte Brocken gewesen.

Ob sich die ÖFB-Auswahl schön langsam an die Top Ten Europas nähert? "Ich denke, da fehlt noch einiges, wir sind lediglich auf dem Weg." Eine gewisse Nachhaltigkeit habe das 1:0 gegen die Russen allemal. "Wir verbringen Weihnachten als Tabellenführer." Koller hat mit seinem Betreuerstab am Samstagabend noch ein zweites Mal angestoßen, Grund war das 1:1 zwischen Montenegro und Schweden. "Die Teams nehmen sich gegenseitig die Punkte weg. Wir sind momentan die Einzigen, die nicht teilen."

Leise Töne

Die Bescheidenheit und Tiefstapelei hat der Schweizer eins zu eins auf die Spieler übertragen. Die Demut nach Siegen ist erstaunlich, grenzt fast an Unglaubwürdigkeit. Übermut oder Großkotzigkeit wären abzulehnende Alternativen. Kapitän Christian Fuchs: "Wir lassen uns von der Bescheidenheit nicht abbringen."

Die Mannschaft ist in der Lage, Ausfälle zu verkraften. Nicht irgendwelche, sondern die von David Alaba und Julian Baumgartlinger, prominenter geht es kaum. Baumgartlinger musste das Aufwärmen aufgrund einer Sehnenreizung im Knie abbrechen, Stefan Ilsanker sprang kurzfristig ein. Der Salzburger machte einen guten Job: "Wir mussten unser Herz und unsere Lunge vorgeben, haben es gemeinsam kompensiert." Christoph Leitgeb war der Alaba, das Herz, Ilsanker der Baumgartlinger, die Lunge. Wobei Alaba und Baumgartlinger nichts zu befürchten haben, sie bleiben gesetzt. Koller: "Diese Erfahrung dürfte das Selbstvertrauen weiter steigern. Man kann als funktionierendes Team alles auffangen,"

Okotie und seine Geschichte

Der österreichische Fußball liefert nahezu kitschige Geschichten. Koller nannte den Fall des Rubin Okotie ein "Märchen". Fuchs: "So ein Drehbuch kann einem gar nicht einfallen." Der gegen Russland überragende Abwehrchef Aleksandar Dragovic: "Ich freue mich wahnsinnig für ihn."

Okoties Karriere ist aufgrund eines schweren Knorpelschadens im Knie auf der Kippe gestanden. Bei der Austria und bei Sturm hat er sich nicht nachhaltig, in Nürnberg überhaupt nicht durchgesetzt. Im Jänner 2013 heuerte er beim dänischen Klub
SönderjyvskE an, er war dort so auffällig, dass er im Sommer von 1860 München verpflichtet wurde. Die Mannschaft steckt zwar im Abstiegssumpf der zweiten Liga, aber der 27-jährige Okotie trifft und trifft.

Doppelsiegestorschütze

Gegen Montenegro hat er das einzige Tor geschossen, gegen Russland gab es die Wiederholung. Nach einer Stunde für Marc Janko eingewechselt, fand er sofort in die Partie. In der 72. Minute wurde sein regulärer Treffer nicht gegeben (Ball war hinter der Linie), einen Angriff später netzte er aus leicht abseitsverdächtiger Position ein. "Ausgleichende Gerechtigkeit oder Ungerechtigkeit." Er fühle sich nicht als Held. "Nach dem Tor sind meine Gefühle explodiert. Harte Arbeit zahlt sich aus. Man muss nach Rückschlägen aufstehen."

Am Dienstag wartet kein Rückschlag, sondern Brasilien. Okotie: "Ein Schmankerl, ein Traum." Janko ist übrigens am Sonntag nach Australien zurückgeflogen. Koller kündigte an, dass "wir nicht wie die Puppen dastehen und zuschauen werden. Gegen Brasilien sind wir klarer Außenseiter. Das ist kein Understatement, das unterschreibe ich. Wir wollen lernen." Österreich ist heuer in neun Spielen ungeschlagen. Die Gefahr, dass diese Serie im letzten Moment reißt, scheint nicht gering zu sein. Koller: "Trotzdem sind wir zu Weihnachten Tabellenführer." (Christian Hackl, DER STANDARD, 17.11.2014)

  • Rubin Okotie fühlt sich nicht als der Held, als der er sich für Fußball-Österreich derzeit anfühlt.
    foto: apa

    Rubin Okotie fühlt sich nicht als der Held, als der er sich für Fußball-Österreich derzeit anfühlt.

Share if you care.