Ärger über Putin bei G-20-Gipfel in Brisbane

16. November 2014, 17:45
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Russlands Präsident Putin erklärt seine vorzeitige Abreise mit Schlafmangel. Intern heißt es, die heftige Kritik sei dem Kremlchef auf den Magen geschlagen

Bei der Abschlusspressekonferenz hatte Russlands Präsident Wladimir Putin nur lobende Worte für den Gastgeber des G-20-Gipfels übrig: Der Eindruck, den er von Australiens Premier Tony Abbot gewonnen habe, sei "sehr gut", die Atmosphäre in Brisbane "freundlich und sachlich zugleich". Mit dem Ergebnis des Gipfels sei er zufrieden, sagte er den versammelten Journalisten.

Die von Putin so gelobte Harmonie war zuvor allerdings nicht zu spüren. Die Verlegung von vier russischen Kriegsschiffen an die australische Küste im Vorfeld des Gipfels wurde im Westen als Muskelspiel verstanden. Die russische Presse ihrerseits beklagte den Mangel an Respekt gegenüber Putin. Die Wochenzeitung Expert echauffierte sich darüber, dass Putin am Flughafen nur vom australischen Vizeverteidigungsminister begrüßt und später beim Gruppenfoto am Rand platziert wurde, "um zu demonstrieren, dass er ein Ausgestoßener ist".

Ringen um Contenance

Auch die Provokation von Kanadas Premier Stephen Harper, der Putin fast den Handschlag verweigerte und ihn aufforderte, aus der Ukraine "zu verschwinden" - was Harpers Sprecher später wenig diplomatisch auch noch der Presse steckte -, dürfte dem Kremlchef nicht geschmeckt haben.

Und doch bewahrte er zum Abschluss die Contenance und versuchte, den Skandal um seine vorzeitige Abreise kleinzuhalten. Das Arbeitsfrühstück habe er wegen seines ausgefüllten Terminkalenders ausfallen lassen müssen: "Von hier bis Wladiwostok müssen wir neun Stunden fliegen und dann von Wladiwostok nach Moskau noch einmal neun Stunden. Dann muss ich noch nach Hause kommen und am Montag zur Arbeit. Und wenigstens vier bis fünf Stunden muss ich auch noch schlafen", entschuldigte er sich.

Aus Delegationskreisen war aber schon vorher durchgesickert, dass Putin, verärgert über die harte Tonart der westlichen Staatschefs, vorzeitig abreisen wolle. Der russische Staatschef beklagte den Druck, den vor allem die USA auf Russland ausübten. Zu einer Aussprache mit Barack Obama kam es diesmal nicht. Dafür traf Putin sich beim Gipfel mit EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker, Großbritanniens Premier David Cameron, Frankreichs Präsident François Hollande und der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel, konnte im Streit um die Ukraine-Krise aber keine Annäherung erzielen. Die traditionell guten Beziehungen zu Berlin sind nach der gegenseitigen Ausweisung von zwei Diplomaten ohnehin gespannt.

Kritik an Kiew

Während sich Putin ein Nachtreten gegenüber seinen Gesprächspartnern verkniff, sparte er nicht mit Kritik an der ukrainischen Führung: Präsident Petro Poroschenko warf er eine Blockade gegenüber den von den prorussischen Rebellen gehaltenen Gebieten in Donezk und Luhansk vor. "Mir scheint, das ist ein großer Fehler, weil sie damit eigenhändig diese Regionen von sich abschneiden", sagte Putin.

Aus Russland traf zugleich ein weiterer Konvoi im umkämpften Gebiet ein. Laut dem russischen Katastrophenschutz wurden 450 Tonnen an Hilfsgütern, daneben aber auch Baumaterialien und Elektrotechnik geliefert. Trotz der Kritik aus Kiew, mit den unsanktionierten Lieferungen die Souveränität des Landes zu verletzen, wird in Moskau bereits ein weiterer Konvoi zusammengestellt.

Bergung der MH17-Wrackteile begonnen

Fortschritte gibt es beim Bemühen um die Aufklärung der MH17-Katastrophe in der Ostukraine. Die Separatisten, die das Absturzgebiet kontrollieren, haben niederländische Experten zur Absturzstelle durchgelassen. Erstmals wurde ihnen auch erlaubt, Trümmer einzusammeln. "Wir erwarten, dass die Bergung etwa zehn Tage in Anspruch nimmt", erklärte ein Rebellensprecher.

Von den Trümmerteilen erhoffen sich die Experten mehr Aufschlüsse über die genaue Ursache der Katastrophe. Rebellen und ukrainische Regierung beschuldigen sich gegenseitig, das Passagierflugzeug abgeschossen zu haben.

Im russischen Fernsehen präsentierte der kremlnahe Journalist Michail Leontjew dazu am Freitag Satellitenbilder, die den Abschuss der malaysischen Maschine durch ein ukrainisches Flugzeug beweisen sollen. Blogger fanden aber zahlreiche Indizien dafür, die auf eine Fälschung der Aufnahmen hinweisen. (André Ballin aus Moskau, DER STANDARD, 17.11.2014)

  • Ob wegen des Schlafmangels oder aus Ärger darüber, wie er von seinen westlichen Amtskollegen behandelt wurde: Wladimir Putin reiste am Sonntag vorzeitig Richtung Moskau ab.
    foto: reuters/g20 australia/handout

    Ob wegen des Schlafmangels oder aus Ärger darüber, wie er von seinen westlichen Amtskollegen behandelt wurde: Wladimir Putin reiste am Sonntag vorzeitig Richtung Moskau ab.

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