1989: Erinnerungen eines einstigen Kindes

Kommentar der anderen16. November 2014, 17:13
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Der Transformationsprozess in Tschechien ist unkoordiniert, schwarz-weiß und manchmal schief verlaufen

Es dürfte ein paar Wochen vor dem 17. November gewesen sein, als wir in der vierten Klasse Volksschule anlässlich des tschechoslowakischen Nationalfeiertags am 28. Oktober 1989 das Geburtshaus von Klement Gottwald malten. Ein Schaufenster in unserem Gang sollte an die Leistung des tschechoslowakischen kommunistischen Politikers erinnern, der nach der Übernahme des Landes durch die Kommunisten 1948 dessen erster Präsident war.

Als die Demonstration der Studenten am 17. November 1989 die Samtene Revolution startete, wurde das Schaufenster, wie vieles andere in unserer Schule, rasch umgeräumt. Ende Mai 1990 saßen wir in der gleichen Klasse, mit der gleichen Lehrerin, und malten diesmal die Wahlplakate für das Bürgerliche Forum, weil die Tschechoslowakei im Juni die ersten freien Wahlen organisieren konnte. Sieben Monate, in denen wir als Kinder Geschichte miterleben durften. Sieben Monate, in denen uns freilich niemand so richtig erklärt hatte, wieso sich weder Ort noch Person veränderten, wohl aber die Wahrheiten, die wir ab sofort lernen durften.

Diese Anekdote zeigt die fehlende Geschichtsverarbeitung unserer Generation, einer Generation, die ihre ersten Schuljahre noch im Kommunismus erlebt hat, um dann die Jugend in der blühenden Demokratie genießen zu dürfen. Sie offenbart mit dem Bild des verwirrten Kindes auch den brüchigen Weg einer neuen Demokratie. Dass Geschichtsverarbeitung in Zeiten der turbulenten Demokratieentwicklung etwas vernachlässigt wird, ist für Revolutionen typisch. Das Ausmaß, mit dem sich dies bis heute auf den politischen Alltag Tschechiens auswirkt, ist jedoch anlässlich des 25-jährigen Jubiläums zu bedenken, und solche Reflexionen finden derzeit in allen tschechischen Medien statt.

Im Reifeprüfungsjahr habe ich im Geschichteunterricht kein Lehrbuch gesehen. Teils haben wir aus alten Lehrbüchern gelernt, teils haben wir Auszüge aus neu und hastig geschriebenen Sachbüchern verwendet. Am Gymnasium hat uns die Lehrerin alles selbst erzählt. Bei der Reifeprüfung wurde vom Schulinspektorat ausgemacht, dass die Prüfungsfragen mit dem Jahre 1945 enden. Nur keine Missverständnisse.

Das fehlende Lehrbuch ist für die Verarbeitung des Kommunismus und der Revolution in Tschechien symptomatisch. Ohne Lehrbuch lief ja auch die Revolution: unkoordiniert, etwas schwarz-weiß und manchmal schief. Ohne Lehrbuch fand der Transformationsprozess der Institutionen und der politischen Kultur statt: ebenso unkoordiniert, etwas schwarz-weiß und manchmal schief.

So waren die 1990er auf den ersten Blick Ausdruck des lang ersehnten Traums. Plötzlich gab es Bananen nicht nur unter dem Weihnachtsbaum. Ab sofort war alles im Fernsehen zu sehen. Man hätte jede Menge Länder besuchen können, wenn man das Geld dafür gehabt hätte. "Geld" wurde überhaupt zu jener Doktrin, die die Handhabung der öffentlichen Gelegenheiten im Lande bestimmt hat. Endlich konnte man richtige Unternehmen gründen. Endlich musste man nicht auf eine Parteilegitimation warten, sondern durfte an die eigene Leistung glauben und durch diese aufsteigen.

Ideologie im Hintergrund

Die postrevolutionäre Stimmung hat den ideologischen Streit der im Protest verbundenen Revolutionäre weiter im Hintergrund stehen lassen. Der Markt wachte über die Transformation der Institutionen und über die Reorganisierung des politischen Alltags samt der Arroganz der Politiker gegenüber den Bürgern. Nach mehreren schiefgelaufenen Privatisierungen, nach Korruptionsaffären in der Politik und nach der damit verbundenen Verschärfung der sozialen Lage in manchen Regionen des Landes, wurde das Argument als unrealistisch erkannt und somit etwas lächerlich.

Man könnte meinen, das wäre das Erwachen aus einem Traum der Revolution. Die Kinder sind groß geworden und werden mit gewöhnlichen Problemen einer Demokratie im 21. Jahrhundert konfrontiert. Bemerkenswert aber war die Reaktion der nun etablierten politischen Elite Tschechiens auf dieses Erwachen: Sie bestand hauptsächlich darin, eine kindische Skizze des alten Gespenstes des Kommunismus zu malen. Das hat politisch immer noch genug Zugkraft. Doch das Problem mit dem Kommunismus war nicht die Parteifarbe, mit der er auftrat, sondern die Macht des Regimes über individuelle Leistungen und Meinungen. Nach 25 Jahren Korruption und Arroganz gegenüber der Zivilgesellschaft zeigt sich, dass diese Macht zum Teil geblieben ist; Farben hin oder her.

Die historische Leistung der Samtenen Revolution bleibt das klare Nein gegen die kommunistische Regierung. Wie sich das Land aber weiter entwickeln soll, und vor allem: wie politische Macht gerecht und demokratisch ausgeübt werden soll; das sind längst fällige, aber Jahr für Jahr verschobene Diskussionen. (Anna Durnová, DER STANDARD, 17.11.2014)

Anna Durnová ist Politikwissenschafterin an der Uni Wien und Gastkolumnistin für "Hospodárské Noviny" und "Právo".

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