Irland: Vom Pleitestaat zu Europas Musterschüler

17. November 2014, 05:31
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Die Anti-Krisen-Strategen der Eurozone haben endlich ein Vorzeigemodell gefunden: Irland, das am stärksten wachsende EU-Land. Aber es gibt Schönheitsfehler

Wien/Dublin – Die Idee ist spektakulär. Der Lobbyverband der britischen Transportunternehmen (CILT) schlug vergangene Woche den Bau eines Eisenbahntunnels zwischen Großbritannien und Irland vor. Für 19 Milliarden Euro wäre das 120 Kilometer lange Verbindungsstück zwischen Dublin und der Stadt Holyhead in Wales realisierbar. Für die britische Wirtschaft könnte die direkte Anbindung an die Nachbarinsel mehr Handel bringen und zu einem Wachstumsschub führen.

Das Bemerkenswerteste an dem Vorschlag: Niemand hat die CILT-Experten für verrückt erklärt. Einige Ökonomen haben die Idee aufgegriffen, in britischen Medien wurde der Plan seriös diskutiert.

Ein Wachstumsschub durch eine Anbindung an Irland? Wie sich die Zeiten ändern. Nach dem Kollaps der irischen Wirtschaft 2009 befand sich das Land lange im freien Fall. Die Arbeitslosigkeit erreichte Rekordwerte, die Staatsverschuldung explodierte. "Irland taumelt dem Kollaps entgegen", war noch eine der zurückhaltenderen Schlagzeilen aus jener Zeit.

Gerade rechtzeitig

Heute ist das anders. Irland wird heuer und 2015 das am stärksten wachsende EU-Land sein, sagt die Kommission in Brüssel voraus. Um 4,6 Prozent soll das Bruttoinlandsprodukt (BIP) 2014 wachsen. Österreich kommt maximal auf Plus 0,7 Prozent. Während der Rest Europas schwächelt und es in der Eurozone weiterhin kracht, zieht der Inselstaat davon.

Der Erfolg kommt für viele zur rechten Zeit. Irland erhielt 2010 einen Milliardenkredit mitsamt Auflagen von der Eurozone und dem Währungsfonds (IWF). Seht her, die Reformen waren nicht umsonst, lautet die Botschaft nun.

Schafft der Inselstaat die Wende, kann der Mix aus Kürzungen und Liberalisierungen auch in Spanien, Griechenland und Portugal funktionieren. Der Chef der Europäischen Zentralbank, Mario Draghi, lobte die Arbeitsmarktreformen Irlands als vorbildhaft. "Die Medizin war bitter für die Bevölkerung – aber Irland kehrt zurück", schwärmte der neue EU-Kommissar für Wachstum, Jyrki Katainen, in Brüssel. "Beginnen sich die Reformen endlich auszuzahlen?", fragte Guntram Wolff, der gern zitierte Chef des Thinktanks Bruegel, via Twitter.

Aber taugt Irland als Reformvorbild für die Südländer Europas? Die Antwort darauf ist eindeutig: Nein – oder zumindest nicht so, wie dies Draghi und die EU-Kommission gern behaupten.

"In Wahrheit gab es keine nennenswerten Neuerungen in der Wirtschaftspolitik", sagt der Ökonom Philip Lane vom Trinity College in Dublin, "und schon gar nicht auf dem Arbeitsmarkt."

USA, wir kommen

Tatsächlich haben IWF und EU Irland "nur" zwei Vorgaben gemacht: Bankensektor aufräumen und Staatsausgaben kürzen. Beides sei geschehen, sagt der Wirtschaftsforscher John Fitzgerald, habe aber mit dem Aufschwung nichts zu tun. Das Land profitiert von seinem Platz in der globalen Produktionskette. Den größten Beitrag zum Wachstum leistet derzeit der Exportsektor. Irland führt Chemikalien, Medikamente sowie Computersoftware und IT-Dienstleistungen (Google, Facebook) aus. Um acht Prozent haben die Exporte seit 2013 zugelegt.

Denn Irlands Firmen sind traditionell weniger als andere von der schwachen Eurozone abhängig – die Insel kann sich abkoppeln. 40 Prozent der Ausfuhren gehen in die USA und nach Großbritannien, wo die Wirtschaft brummt. Irlands Industrie sei im Gegensatz zu Südeuropa gut aufgestellt, sagt Ökonom Lane. Die 2009 geplatzte Immobilienblase und der Größenwahn der Banker habe zum Crash geführt – tiefere Ursachen gab es nicht. Nachdem die Firmen jahrelang in einer Schockstarre verharrten, hätten sie wieder angefangen zu investieren.

Zu den Streitfragen gehört, welche Rolle die Lohnentwicklung spielt. Die Stundenlöhne stagnieren seit 2008 wegen der Flaute und der hohen Arbeitslosigkeit (schlechte Lohnabschlüsse). Deshalb ist das Land im internationalen Vergleich billiger und wettbewerbsfähiger geworden, sagt Ökonom Fitzgerald. Dieses Argument würde die EU-Strategie stützen, wonach Arbeit in Südeuropa billiger werden muss, damit die Länder dort wieder wachsen können.

Mangel an Investitionen

Dagegen argumentiert Frank Connolly von Irlands größter Gewerkschaft Siptu: Zuletzt seien gerade in der Industrie die Löhne gestiegen, an Lohnzurückhaltung könne der Exporterfolg nicht liegen. Überhaupt warnt er vor zu viel Euphorie: Die Arbeitslosigkeit geht zwar kontinuierlich zurück, "aber der Rückgang ist langsam, die Quote bleibt insgesamt hoch, und viele der neuen Stellen sind schlecht bezahlte Teilzeitjobs".

Der Sparkurs der vergangenen sieben Jahre ist zwar vorbei – investieren wird der Staat aber weiterhin nicht. Und es bahnen sich neue Konflikte an: Anfang November gingen mehr als 120.000 Iren auf die Straße, um gegen die Einführung einer verbraucherabhängigen Wassergebühr zu protestieren. Es war die größte Demo seit der antibritischen Bewegung von 1918, sagt Gewerkschafter Connolly. Die Abgabe selbst sei nicht das große Problem, "aber nach all den Sparpaketen haben die Menschen einfach genug". (András Szigetvari, DER STANDARD, 17.11.2014)

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    quelle: eu-kommission, oecd, wko; illustration: friesenbichler, klausner
  • Irland wird heuer und 2015 das am stärksten wachsende EU-Land sein, sagt die Kommission in Brüssel voraus.
    foto: reuters/cathal mcnaughton

    Irland wird heuer und 2015 das am stärksten wachsende EU-Land sein, sagt die Kommission in Brüssel voraus.

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