Tumor Town: Wo unser Haus war

14. November 2014, 22:13
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Gewidmet D., der in dieser überaus traurigen Geschichte Franjo heißt

Ich habe wieder Post aus Tumor Town. Dort haben die Gassen noch immer keine Namen. Nur Zimmernummern. Doch jetzt wusle ich im Gassengewirr rund um die Sechshauserstraße, während ich darauf warte, dass die Ordination von Doktor B. öffnet, damit er mir die Ergebnisse der Untersuchungen mitteilt.

Es war einmal ...

Die Gelegenheit, meine Befunde selbst zu lesen, nutze ich nicht. Ich will nicht allein sein, wenn es so weit ist. Und auch nicht in Gesellschaft von Menschen aus meinem Alltag. Auch wenn die Besuche bei Doktor B. seit geraumer Zeit zu meinem Alltag gehören. Es bleibt allein meinen Beinen überlassen, wohin dieser Spaziergang in der Warteschleife führt.

So lande ich in der Grimmgasse. Hier lebt meine Familie von 1971 bis 1977 im Eckhaus zur Oelweingasse. Die nach einem Techniker aus der Monarchie benannt ist. Doch damals weiß ich nur, wer die Brüder Grimm sind. Weil mir meine Mutter, bevor sie ins Zauberland Austrija aufbricht und nur noch zweimal im Jahr wieder auftaucht, ihre Märchen vorliest. Nun bin ich neun und lebe in der Grimmgasse, wo es zu Weihnachten nach Lebkuchen riecht, weil die Österreicher, die hier leben, sie damals ihren Kindern noch selbst backen.

Im Winter heizen viele mit Kohle oder, wie wir, mit Heizöl. Deswegen riecht es in unserer Zimmer-Küche-Klo-am-Gang-Wohnung immer ein wenig nach Tankstelle. Draußen riecht man oft die billige oder feuchte Kohle, die nach verbrannten Kaffeebohnen und Gummi stinkt. Manchmal sind es aber doch Kaffeebohnen, die da stinken, weil sie einer Oma anbrennen, die den Kaffee noch selbst brennt. Wie meine Oma in Beograd. In den lauen und warmen Jahreszeiten duften die Blüten der Bäume aus dem nahen Auer-Welsbach-Park und aus Schönbrunn.

Hier, in der manchmal stinkenden und oft duftigen Grimmgasse der frühen 70er, sind wir, nach für Kinder unendlich scheinenden fünf Jahren, endlich wieder eine Familie. Und das wird zum Problem.

Nicht für uns. Aber für Franjo.

Das Kind im Nebel

Da, wo unser Eckhaus damals steht, ist heute ein Altersheim. Ich gehe langsam Richtung Sechshauserstraße, weil die Ordination von Dr. B. in zehn Minuten öffnet. Ich nehme den Umschlag mit den Befunden aus meinem Rucksack. Und stecke ihn ungeöffnet wieder hinein. Hier, wo die Grimmgasse fast endet, sehe ich damals Franjo zum letzten Mal. Im Nebel sieht er aus wie der Schatten eines Kindes. Franjo zittert vor Angst und versucht, in diesem Nebel unsichtbar zu sein, damit sein Vater ihn nicht findet. Jetzt stehe ich da, wo Franjo einst lebt.

Er ist acht, als meine Eltern in die Grimmgasse ziehen und ihn wohl aus Sehnsucht nach uns nachmittags mit den Spielzeugen spielen lassen, die sie in Erwartung unserer Ankunft in der kleinen Hausmeisterwohnung anhäufen. Für Franjo ist das ein Paradies. Weil sein Vater ein dürrer, prügelnder Alkoholiker ist. Weil seine auch nicht nüchterne Mutter ihn nie vor den Prügeln beschützt, sondern froh ist, selbst ungeschoren davonzukommen, und weil Franjo mit seinen Eltern und zwei jüngeren Geschwistern in einer feuchten, schmutzigen und zu kleinen Kellerwohnung leben muss.

Bei meinen Eltern ist es immer sauber, trocken und im Winter warm. Hier schlägt ihn niemand, sein Vater sucht ihn hier nicht, weil er Angst vor meinem Vater hat. So wird Franjo zu einer Art Ersatzkind für meine traurigen Eltern, und die Stunden bei ihnen werden zu Franjos Ersatzkindheit. Der einzigen, die er jemals hat.

Niemand denkt an den Tag, an dem wir, die "echten" Kinder, kommen werden.

Im Wartezimmer

Die Praxis von Dr. B. besuche ich schon als Kind. Vor Dr. B. ordiniert hier der greise Dr. V., und meine Eltern bringen mich immer zu ihm, wenn mein Hals entzündet ist. Dann übernimmt Dr. B. die Praxis. Nun ist er "der Alte" und betreibt die Ordination mit seinen Söhnen, die Zwillinge sind. Heute sitze ich wieder in diesem Wartezimmer, einer der beiden Doktor-Brüder, vielleicht sogar beide abwechselnd, befasst sich mit meinen Wehwehchen. Und jetzt gleich mit meinen Befunden.

Die Wochen und Monate, die vergehen, während Franjo statt uns mit den Spielzeugen bei meinen Eltern spielt und während meine Eltern auf unsere Ankunft warten, mögen ihm nur allzu schnell verfliegen. Meinen Eltern hingegen muss es scheinen, als sei die Zeit ein zäher, endloser Teig. Wie es in Wartezimmern so ist. Inzwischen – und das kann ich nur meiner Vorstellung entnehmen – ist Franjo an diesen langen Nachmittagen in der Grimmgasse im Spiel versunken. Wahrscheinlich kniet er über (meinen) kleinen Autos, ordnet sie entlang des Musters im Teppich zu einer wirren Autobahn. Und träumt vielleicht von sonnigen Tagen ohne Prügel, Schmutz und Tränen. Nur hier, im wohligen Refugium, das meine Eltern ihm geben, kann Franjo Kind sein. Doch dass dieses kleine Kinderglück nur aus geborgter Zeit zehrt, diese Wahrheit verbergen meine Eltern wohl in ihren Herzen. Vor Franjo. Vor sich selbst.

Und dann, eines Tages im frühen September, kommen wir in die Grimmgasse.

Raumforderung

Einer der beiden Zwillingssöhne von Dr. B. – ich weiß allerdings nicht welcher, weil ich das nie weiß – öffnet das Kuvert mit meinen Befunden, liest lautlos, nickt und sagt: "Super! Das Stichwort ist Raumforderung! Da ist nichts in deiner Blase, das Raum fordert. Und die Tumormarker sind auch Okay! Hör auf zu rauchen und trink weniger Bier, dann bleibt das!"

Selbstverständlich kommt es, wie es nicht kommen muss. Bald gehören Franjos Nachmittage mit unseren Eltern und unseren Spielzeugen nicht mehr nur Franjo. Und wir, nach fünf Jahren verzweifelt hungrig nach unseren Eltern (und unseren neuen Spielzeugen), wollen, dass sie (und unsere neuen Spielzeuge) nur uns gehören. Und die Nachmittage und die Vormittage und alle Tage.

Vor unseren ratlosen Eltern entfalten sich nun die Folgen ihrer guten Absicht. Sie können nur machtlos zusehen, wie wir Franjo immer gröber aus ihrer Wärme und Zuneigung, aus dem kleinen Fluchtpunkt vor seinem kleinen, zugeschissenen Leben, aus diesem wohligen, sauberen Zimmer in der Grimmgasse, hinauswerfen. Gnadenlos, gemein und zielstrebig, wie es nur Kinder in ihrer kindlichen Gewissenlosigkeit und ihrem ungezügelten Egoismus können. Und alle haben ihren Teil der Schuld: Franjos Eltern, meine Eltern, ich. Nur Franjo ist schuldlos. Nur er ist am Ende wieder ein einsames, geprügeltes Kind. Mit vor Schmerz, Angst und Wut aufgerissenen Augen.

An diesem nebeligen Tag, als ich Franjo zum letzten Mal sehe, torkelt sein betrunkener Vater durch die Grimmgasse. Er sucht Franjo, um ihn zu verprügeln. Doch im Rausch und im Nebel sieht er nicht, dass Franjo nur ein Stück weiter, knapp vor der Einmündung in die Sechshauserstraße, steht. Und vor Angst zittert. Ich stehe zwischen den beiden, hebe die Hand, zeige mit dem Finger auf Franjo und sage: "Da ist er!" Bevor Franjos Vater, besoffen fluchend, an mir vorbeitorkelt, geschieht etwas, das ich nur einem anderen Nebel, dem Nebel der Erinnerung, zuschreiben kann. Es ist, als ob Franjo einige Schritte zurückweicht, in den Nebel hinein. Und es ist, als ob dabei jemand das Licht dimmt, sodass Franjo erst ein Umriss ist, dann ein Schatten. Und dann wird Franjo, der stumm zitternde Kinderschatten im Nebel, unsichtbar. Sein Vater bleibt stehen. Auch ich stehe noch immer mit ausgestrecktem Zeigefinger in der leeren Grimmgasse.

Ich weiß, dass ich damals nur ein Neunjähriger bin, der die letzten fünf Jahre damit zubringt, die langen Abschiede von Mama und Papa zu beweinen, und dass ich nun, da es keine Abschiede mehr gibt und keine Tränen, Mama und Papa ganz allein für mich haben will. Ich schäme mich trotzdem immer noch wegen meines vor 43 Jahren erhobenen Zeigefingers.

Am Ende der Gasse

Ein weiterer Besuch in Tumor Town ist vorläufig abgesagt. An der Ecke der Grimmgasse und der Oelweingasse, genau gegenüber unserer früheren Adresse, in dem uralten Haus, das hier schon steht, als Rudolfsheim noch ein Dorf bei Wien ist, richten einige Bewohner ein kleines Gebrüder-Grimm-Museum ein. An der Fassade und über dem Torbogen, durch den einst Pferdefuhrwerke in den Hof fahren, sind die Köpfe von Märchenwesen angebracht, das Werk eines talentierten Skulpteurs.

Ich sehe Franjo nie wieder. Vielleicht lebt er noch in Wien.

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