Thomas Antonic: Plagiatsdiskussion 

14. November 2014, 18:03
6 Postings

Vorwürfe zu Urs Mannharts "Bergsteigen im Flachland"

Ich fasse mich kurz, um die Leser des Standard nicht mit der leidigen Debatte um die Plagiatsvorwürfe zu Urs Mannharts Bergsteigen im Flachland weiter zu langweilen. Fakt ist: Ich wurde im März 2013 von der Deutschen Bibliothek in Helsinki eingeladen, einen Vortrag über österreichische Autoren in Finnland zu halten, auf den eine Lesung Thomas Brunnsteiners folgte.

Im Zuge der Arbeit an diesem Vortrag las ich auch einige Texte des in Finnland lebenden Brunnsteiner. Ich fand die Texte bemerkenswert, weshalb ich mich mit ihnen näher zu beschäftigen begann. Das mündete in einen literaturwissenschaftlichen Essay, der in wenigen Wochen in der US-amerikanischen Fachzeitschrift Journal of Austrian Studies nach einem Peer-Review-Verfahren erscheinen wird (und den Herr Zepelin also noch nicht gelesen hat). Dieser ist kein "Lob", sondern eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Werk eines zeitgenössischen Autors.

Und nachdem im Juli der Plagiatsverdacht aufkam, war es für Brunnsteiner naheliegend, den einzigen Literaturwissenschafter zu kontaktieren, der mit seinem Werk bestens vertraut ist. So kam es dazu, dass ich für ihn ein Privatgutachten erstellte, in dem ich die besagten 114 plagiierten Textstellen entdeckte, die Brunnsteiner weitergab (entgegen Zepelins Aussagen nicht umgekehrt). Ein paar Wochen später wandte ich mich an den Standard, da mir die Berichterstattung bislang sehr ein seitig vorkam – und zwar nicht mit einem wissenschaftlichen Text, sondern mit einem journalistischen Artikel.

Dass man als Literaturwissenschafter, der sich mit Gegenwartsliteratur beschäftigt, zwangsläufig in persönlichen Kontakt mit den Autoren gerät, über die man arbeitet, lässt sich kaum vermeiden. Von "Freundschaftsgesten" und "Gefälligkeiten" kann aber wohl nicht die Rede sein. Dass Brunnsteiner Mitglied des u. a. von mir gegründeten Künstlerkollektivs William S. Burroughs Hurts ist, ist eine Erfindung Zepelins.

Fakt ist, dass das Schweizer Handelsgericht der Klage Brunnsteiners stattgegeben und somit die Plagiatsvorwürfe gegenüber Mannharts Buch bestätigt hat. Das Buch darf seit Ende September weder verkauft noch präsentiert werden. (Thomas Antonic, Album, DER STANDARD, 15./16.11.2014)

Nachlese

Entgegnung von Joachim von Zepelin: Flachsteigen im Bergland

Thomas Antonic: Ich frage mich... Was ist ein Plagiat – und was nicht?

Update Juni 2015

Das Handelsgericht Wien wies im Juni 2015 eine Klage von Joachim von Zeppelin in erster Instanz ab und entschied zu Gunsten von Thomas Antonic:

"1. Das Klagebegehren, der Beklagte sei ab sofort schuldig, die Behauptung und/oder Verbreitung der Äußerung, der Kläger hätte die Mitgliedschaft Thomas Brunnsteiners im Künstlerkollektiv William S. Burrough Hurts erfunden, und/oder sinngleicher Äußerungen zu unterlassen, wird abgewiesen.

2. Das Klagebegehren, der Beklagte sei schuldig, die oben unter Pkt 1 genannte Äußerung öffentlich gegenüber den Lesern des periodischen elektronischen Mediums "derStandard.at" und des periodischen Druckwerks "Der Standard" zu widerrufen und ... auf eigene Kosten veröffentlichen zu lassen, wird abgewiesen."

Update Juli 2015

Laut Secession Verlag hat Thomas Brunnsteiner seine Klage gegen Urs Mannhart und den Secession Verlag vor dem Handelsgericht Zürich am 22. Juli zurückgezogen und sich verpflichtet, Verlag und Autor 20.000 Franken Schadenersatz zu zahlen.

Update September 2015

Das Oberlandesgericht Wien hat Joachim Zeppelins Berufung in diesem Verfahren Folge geleistet und das erstinstanzliche Urteil aufgehoben. Die Sache wurde nun zurück an die Erstinstanz verwiesen. Die nächste Verhandlung ist auf den 4. Dezember terminiert.

Share if you care.