Der russische Bär und die Demut

14. November 2014, 17:32
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Tabellenführer Österreich kickt am Samstag in der EM-Quali gegen den Favoriten Russland. Kapitän Christian Fuchs und Teamchef Marcel Koller werden aber erst in Frankreich jubeln

Wien - Tritt Christian Fuchs auf, ist das Ereignis nah. Der Kapitän der österreichischen Fußballnationalmannschaft setzt traditionell den verbalen Schlusspunkt einer Vorbereitung. Er fasst am Tag vor dem Match die Vorbereitung zusammen, erzählt über Befindlichkeiten, Stimmung, Anspannung, Freund, Erwartungen. Seit Monaten, fast Jahren, ist das Fazit ähnlich. Sätze wie "Alle waren voll bei der Sache", "Jeder ist für den anderen da", "Wir sind bereit, ans Limit zu gehen" und "Im Endeffekt hängt alles von uns ab" gehören zum Standardrepertoire. Es gibt freilich Abweichungen. "Marko Arnautovic hat Gas ohne Ende gegeben, ein Vorbild."

Der zu besprechende Gegner wechselt logischerweise. Im konkreten Fall ist es Russland: "Russland ist ein schwerer Brocken. Sie sind der Favorit auf den Gruppensieg", sagte Fuchs. "Sie sind defensiv sehr gut organisiert, haben schnelle, gefährliche Leute. Es könnte ein Geduldspiel werden. Wir haben Respekt vor jedem Gegner. Doch zu viel Respekt und Angst wird nicht aufkommen, weil wir ein Ziel haben, das wir erreichen wollen." Für Unkundige: Die Teilnahme an der EM 2016.

Fuchs warnte sich selbst und die Abwehr-Kollegen vor der hängenden Spitze Alexander Kokorin. "Ein Stürmer, der alles mitbringt: Dynamik und Kopfballstärke." Der 28-jährige Außenverteidiger lässt sich nicht auf das "Was-wäre-wenn-Spielchen" ein. Auch im Falle eines Sieges säße man noch lange nicht im Flieger nach Frankreich: "Die EM ist in weiter Ferne, man darf nicht vergessen, dass wir gegen alle unser Konkurrenten noch auswärts antreten müssen."

Teamchef Marcel Koller wurde auch vorstellig, die russischen Journalisten wollten kaum Weltbewegendes wissen. Ein Schweizer Landsmann war da weit interessierter. Ob es ihn rührt, in Österreich derart beliebt und geschätzt zu sein? Koller: "Ja, aber das haben wir alle gemeinsam erreicht, die Mannschaft und das Betreuerteam." Man dürfe sich nicht blenden lassen. "Ich setze mich nicht auf einen Thron und schaue runter. Es ist wichtig, Demut zu bewahren. Es ist viel schöner, wenn wir uns freuen, sobald wir es wirklich geschafft haben. Vorher jubeln und dann nicht dabei sein, bringt nichts."

Zwölfter Mann

Koller lobte den zwölften Mann, das Wiener Publikum: "Die Unterstützung ist ein Wahnsinn. Sehen die Leute, dass jeder alles gibt, wird der Funke überspringen. Das ist entscheidend, um gegen den russischen Bären zu bestehen." Koller weiß natürlich, wer für den verletzten David Alaba nachrückt, er verrät die Aufstellung traditionell nicht. Christoph Leitgeb und Veli Kavlak sind die Anwärter. Im Vergleich zum 1:0 gegen Montenegro werde er, Koller, nicht "fünf oder sechs Veränderungen" vornehmen. "Es sei denn, sie schlagen sich im Abschlusstraining die Köpfe ein." Sie schlugen nicht ein. Sollte es nach 70 Minuten unentschieden stehen, "bedeutet das nicht, dass wir alles riskieren. Wer Favorit ist, entscheidet sich immer auf dem Platz."

Russlands Teamchef Fabio Capello, der seit fünf Monaten aufs Gehalt wartet, sagte, Österreich sei auch ohne Alaba "sehr stark. Natürlich wollen wir die drei Punkte mitnehmen. Ich glaube an meine Mannschaft." Ob der Italiener an eine Überweisung vom russischen Verband glaubt, wurde nicht groß thematisiert.

Das Happel-Stadion ist ausverkauft, vor Anpfiff wird Alaba als Sportler des Jahres geehrt. Sogar Skipräsident Peter Schröcksnadel stellt sich als Gratulant ein. Kanzler Werner Faymann kommt, Scouts von Milan, Manchester City, Juventus etc. sind angesagt. Andreas Gabalier sitzt auf der Ehrentribühne. Zur Beruhigung: Er singt nicht die Hymne. Fuchs: "Noch haben wir nichts erreicht." (Christian Hackl, DER STANDARD, 15.11.2014)

  • Der Schweizer Marcel Koller hat das österreichische Nationalteam intensiv vorbereitet: "Kraft und Power werden vorhanden sein. Wir gehen mit viel Selbstvertrauen in das Spiel."
    foto: apa/ jaeger

    Der Schweizer Marcel Koller hat das österreichische Nationalteam intensiv vorbereitet: "Kraft und Power werden vorhanden sein. Wir gehen mit viel Selbstvertrauen in das Spiel."

  • Russland Teamchef Fabio Capello wäre wohl noch besser gelaunt, würde er sein Gehalt pünktlich bekommen. Der Italiener hat einen Vertrag bis zur WM 2018.
    foto: apa/ schlager

    Russland Teamchef Fabio Capello wäre wohl noch besser gelaunt, würde er sein Gehalt pünktlich bekommen. Der Italiener hat einen Vertrag bis zur WM 2018.

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