Dollar, Dealer, Damen und auch Depressionen

14. November 2014, 17:27
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Uraufführung von "Seelenkalt" im Werk X

Wien - Der russische Bestsellerroman Seelenkalt hat, als er 2010 auf Deutsch erschien, einschlägige Vermutungen bestätigt: Das postkommunistische Wirtschaftsgebaren, das Herausbilden neuer Finanzeliten hat in den Moskauer Clubnächten Spuren hinterlassen. Die Dekadenz umfing die Generation der in den 1970er-Jahren Geborenen auf der Schattenseite der totalen Vermarktung mit Drogen und Depressionen. Es wurde gekokst - zur Not auch auf dem Klo.

Auch der Autor des Romans gehört zu diesen nächtlichen Protagonisten. Sergej Minajew (Jahrgang 1975) hat in Seelenkalt seine eigenen Erfahrungen verarbeitet. Eine Bühnenfassung dieses als "literarischer Amoklauf" bezeichneten Buches hatte am Donnerstag Uraufführung im Werk X.

Auf der breiten Bühne des ehemaligen Kabelwerks haben Christoph Ernst und Renato Uz die diversen Schauplätze der "Generation Putin" in einer weißen Zimmerlandschaft versammelt. Was man aus dem Zuschauerraum folglich nicht sehen kann, wird auf drei Videoleinwände projiziert, ein Verfahren, das seit dem Poptheater der 1990er die Theater im Würgegriff hält.

Dabei weist der Videoeinsatz in Ali M. Abdullahs Regie über die bloße Verdopplung der Realität nicht hinaus. Meist sieht man - wie zeitgleich auf der Bühne auch - den Musiker (Imre Lichtenberger-Bozoki, rauchend) in seinem Setup sitzen, auf den nächsten Einsatz wartend. Oder die Kamera vergrößert in dieser traurigen Männerwelt das exemplarische Antlitz dieser deprimierten Generation (Tim Breyvogel als Hauptfigur Alexander), die ihre Chancen nicht zu nutzen verstand.

Constanze Passin mutiert im schnellen Highheels- und Perückenwechsel von Jula zu Lena, Dennis Cubic markiert einen profunden Buddy, Daniel Wagner einen charakterstarken Konzernkollegen, Christian Dolezal ist leider allzu versunken in seinem nuschelnden Wiener Slang. Handwerkliche Schwächen (am Publikum wird oft vorbeigebrabbelt) machen die dreistündige Vorstellung zäh. Sie will selber einfach zu cool sein. (Margarete Affenzeller, DER STANDARD, 15.11.2014)

Bis 31. 1.

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Werk X

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