Die Kinderschuhe der Kunstgewerbler

14. November 2014, 17:22
posten

Der Schnee von gestern: Peter Turrinis "Bei Einbruch der Dunkelheit" im Wiener Burgtheater

Wien - Eine gefühlte Sekunde lang war der Kärntner Ort Maria Saal Wiege der heimischen Kunstmoderne. Das Musikerehepaar Gerhard und Maja Lampersberg lud gegen Ende der 1950er-Jahre angehende Künstler auf sein Mustergut ein, den Tonhof. Die Betreuung, die angehende Dichter wie H. C. Artmann oder Thomas Bernhard dort erfuhren, muss aufopferungsvoll gewesen sein. Sie erstreckte sich fallweise auf die Intimzone der geladenen Gäste.

Bernhard, der spätere Weltverfinsterer der österreichischen Literatur, gewann dem Landaufenthalt sogar einen Skandalroman ab (Holzfällen). Peter Turrini, der italienischstämmige Tischlerbub, hat aus der Affäre Lampersberg immerhin ein Konversationsstück gezimmert. Bei Einbruch der Dunkelheit, eine von ferne an Tschechow erinnernde Nostalgie-Show, schwebt jetzt als bunt lackierte Seifenblase über die Bühne des Wiener Burgtheaters.

Den Regisseur Christian Stückl hat man - gut acht Jahre nach der Klagenfurter Uraufführung - aus München eingeflogen. Sein Amt ist das eines Beschwichtigungsonkels. Turrinis Vorlage wäre eigentlich herzzerreißend. Ein korpulentes, frühreifes Kind (hier: Matthias Hecht, alternierend mit Sebastian Kranner) verfolgt mit ungläubigem Staunen das exzentrische Verhalten der Maria Saaler Kunst- und Gunstgewerbler. Diese gebärden sich, als wären sie wahlweise André Breton und Antonin Artaud, oder Jean Marais und Jean Cocteau.

Doch sosehr die Herrschaften auch darum ringen, Kunst und Lebenspraxis in Übereinstimmung zu bringen: Über dem Musiker "Philippe" (Markus Meyer) und seiner ganzen Entourage mit ihren mondänen Frisuren und grellen Outfits hängt die schwarze Wolke der Provinzialität. In einem bunkergrauen Verlies (Ausstattung: Stefan Hageneier) taucht die wunderschöne Kärntner Natur nur noch als Zitat auf.

Konversationsmonster

Ein kohlrabenschwarzes Baumdickicht dient den reichen Ziervögeln als Zufluchtsort. Davor aber ist, als verbale Richtstätte, eine lange Tafel aufgeschlagen. An dieser verbreitet "die Gräfin" (Barbara Petritsch) als konversierendes Monster Angst und Schrecken. Wenn ihr nicht gleich überhaupt schwefeldampfende Fürze entfahren, deren Hochsteigen sie jedes Mal mit "Köstlich!" quittiert. Noch öfter sinkt die steinreiche Witwe, die sich mit den lokalen "Nazis" (Falk Rockstroh) famos zu arrangieren versteht, in todesähnlichen Sekundenschlaf.

Die Künstler, die man hier aushält, werden später einmal für Furore sorgen. Die Bernhard-Karikatur des Lyrikers "Vinzenz" (Sven Dolinski) lebt derweil nur von der grellen Farbe der ihr aufgemalten Pickel. Das Geheimnis von Turrinis Stück bestünde in der zwingenden Logik der Verfremdung. In den Augen eines Kindes sind die auf Krawall gebürsteten "Künstler" auch nur sentimentale Spießer. Immer dann, wenn Philippe/Lampersberg nicht weiterweiß, winselt er seine Claire (Dorothee Hartinger als Domina) um ein bisschen Liebe an. Hier, in Stückls mauer Travestie, sind die Vögel bloß halb schräg. Man hätte Jubilar Turrini (70) auch etwas mutiger beschenken können. (Ronald Pohl, DER STANDARD, 15.11.2014)

Share if you care.