Arik Brauer: Unter Quallensonnen ist das Grauen nicht grau

14. November 2014, 17:19
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Er hat getanzt, gesungen und gemalt: Die große Retrospektive zum OEuvre des Phantastischen Realisten im Leopold-Museum ist aber insbesondere von seinem bildnerischen Werk geprägt: Erzählmalerei

Wien - Häuschen wie aus Zuckerguss säumen den Horizont, rotten sich zu Dörfern, die ihrer sanften, verschwimmenden Kanten wegen wie aus Marzipan geformt wirken: Manche ähneln Hütchen, andere Kürbissen oder gar Amöben, kaum eines wie das andere.

Es ist eine bunte, fantasiereiche Welt, in die Arik Brauer mit seinen Bildern entführt: ein Kosmos aus manchmal die Größenverhältnisse verkehrenden Blumen und Pflanzen, Tieren, Fabelwesen. Sich mysteriös wandelnde Landschaften, in denen sich insbesondere die Himmel zu surrealen Gebilden verformen - mit Sonnen wie Feuerbällen, Gestirnen wie Quallen, dämonischen Wolken. Bisweilen scheint es, als hätte Brauer eine komplette Unterwasserwelt aufs Trockene gezerrt (Regenmacher von Karmel, 1964). Und mittendrin in diesen an Hieronymus Bosch erinnernden Wimmelbildern voller verschlüsselter Episoden: der Mensch.

Bei Arik Brauer, dem man zum 85. Geburtstag eine riesige Gesamt.Kunst.Werk betitelte Schau im Leopold-Museum widmete (darunter allein 85 Gemälde), ist es ein Mensch in Auflösung, mal durchscheinend, mal wie vom Wind verweht oder mit der Umgebung hingebungsvoll verschmelzend. Ein visueller Effekt, der aussieht, als wäre die Farbe mit dem Pinsel aufgestupft; statt scharfer Silhouetten ergibt sich ein Glimmen und Schimmern, ein Farbnebel der Übergänge. Am radikalsten aufgelöst ist die Figur etwa in Die Heiligung des Namens (Kiddush ha-Shem) von 1973/74; darin wird ein Mann stellvertretend für das jüdische Volk wie der heilige Laurentius auf dem glühenden Rost von den Flammen buchstäblich verzehrt. Auch beim Bild des Vaters, der von den Nationalsozialisten ermordet wurde, wirkt dieser auflösende Effekt existenziell.

Dem Umweltschutz, dem Krieg und der Unterdrückung sowie dem Judentum sind die großen Themenblöcke der Schau gewidmet, die 1945 mit dem Beginn des Studiums an der Akademie der bildenden Künste einsetzt - also lange bevor die Wiener Schule des Phantastischen Realismus "passierte" (Brauer). Es waren Freunde, die sich ganz ohne Manifest dem Erzählerischen und dem Gegenständlichen verpflichteten. Der Begriff fand sich später; und als 1959/60 erstmals unter diesem Namen im Belvedere ausgestellt wurde, war Brauer gar nicht dabei - er lebte zu jener Zeit in Paris.

Dem OEuvre, anachronistisch und von der Avantgarde belächelt, ist das Glühen für die Kunst des Narrativen anzumerken. Der Konsequenz, in die sich nun etwas viel Barbusigkeit mischt, ist Respekt zu zollen, und zwar ganz gleich, ob man an der bunten, weichen Ästhetik der teils etwas spirituell-naiven, Kinderbuch- oder Fantasy-Genre-Illustrationen ähnelnden Malerei Gefallen findet oder nicht. Die Fröhlichkeit der Farbe, freilich auch Ausdruck der ungebrochenen Lebenslust Brauers, der das Schicksal der Verfolgung erleben musste, lenkt leicht davon ab, welch brutale Szenen die Leinwand trägt. Grauen ist nicht grau. Das vergisst man zu leicht, angesichts der von Schwarz-Weiß-Dokumenten geprägten Vorstellung vom letzten Weltkrieg. Das Verbrechen hat Farbe. (Anne Katrin Feßler, DER STANDARD, 15.11.2014)

Bis 16. 2.

  • Die jüdische Volksmusiktradition Klezmer heißt wörtlich "Gefäß des Liedes": Arik Brauers Gemälde von 2003 scheint dies zu verbildlichen.
    foto: arik brauer

    Die jüdische Volksmusiktradition Klezmer heißt wörtlich "Gefäß des Liedes": Arik Brauers Gemälde von 2003 scheint dies zu verbildlichen.

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