Vom Fasten und Völlern

16. November 2014, 09:00
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Die Weihnachtszeit steht bevor und damit auch wieder die Kekssaison. Was Nahrungsaufnahme in der Evolution bedeutet und was Fasten mit Anti-Aging zu tun hat,
war kürzlich Thema einer Tagung der Uni Graz

Mit Rotwein, Schokolade und Pasta gesund alt werden - das klingt doch gar nicht schlecht. Frank Madeo, im Ruhrgebiet aufgewachsener Professor für Molekularbiologie an der Grazer Karl-Franzens-Uni, propagiert so etwas nicht etwa, weil er väterlicherseits aus Kalabrien stammt, obwohl diese Region den Altersforscher auch beruflich interessiert. "Fasten - Chancen, Grenzen, Selbsterfahrung" war der Titel einer Tagung der Uni Graz, wo der Forscher seine überraschenden Erkenntnisse präsentierte.

So viel vorneweg: Madeo hat mit seinem Team an der Uni Graz bereits vieles herausgefunden, was den gängigen Ernährungsratschlägen zu widersprechen scheint. Im Zentrum seiner Forschungen steht die sogenannte Autophagie, ein Prozess, bei dem die Zellen sich selbst aufräumen, ihren Zellmüll, etwa deformierte oder beschädigte Proteine, entsorgen. Dass genau das eine lebensverlängernde Wirkung hat und beim Fasten automatisch passiert, war vielen neu. Ums Abnehmen im Sinne von weniger Kilos geht es Madeo dabei allerdings nicht.

Aufräumen in der Zelle

Das Aufräumprogramm der Zellen passiert beim "alternate day fasting" automatisch. Dabei isst man jeden zweiten Tag nichts, trinkt nur Tee, Wasser, Kaffee und Suppe. Am nächsten Tag isst man wieder - und zwar alles. An den Fastentagen wird die Autophagie eingeschaltet, sie "hält Schäden, die im Alter akkumulieren können, in Grenzen", sagt Madeo und meint damit einen Anti-Aging-Effekt.

Auch was die Nahrungsaufnahme betrifft, überraschte Madeo. Hörte man bisher, dass viele kleine, über den Tag verteilte Mahlzeiten gesund seien, ergab der Versuch an Modellorganismen mit Mäusen Erstaunliches. Jene Mäuse, die eine extrem kalorienreiche Diät über den Tag verteilt fraßen, wurden fett und bekamen eine Fettleber - jene Tiere, die das gleiche Futter auf einmal bekamen, blieben schlank und gesund. Ab März 2015 startet Madeo zusammen mit Thomas Pieber von der Med-Uni Graz eine Studie mit 100 Probanden, um die Wirkung vom "alternate day fasting" näher zu untersuchen.

Madeo betont: "Wir wissen, dass Fasten die Autophagie einschaltet." Ergo: Lieber längere Essenspausen, als "ein Portiönchen für jedes Hungerchen", so Madeo, denn das sei "gegen die Biologie". Auch evolutionsgeschichtlich sei das Unsinn. Da gab der Biologe und Philosoph Franz Wuketits Madeo bei der Fastentagung recht: Er rollte die Nahrungsaufnahme in der gesamten Evolutionsgeschichte auf. Heute befindet sich die Menschheit in der Phase der "Nahrungsverschwendung", die mit der industriellen Herstellung von Lebensmitteln im 18. Jahrhundert einsetzte.

Kultur des Fastens

Bewusstes Fasten, so Wuketits, ist zwar eine "evolutionäre Anomalie", eine "kulturelle Errungenschaft" aus religiösen Gründen oder fürs Wohlbefinden. Das "Fasten unter sozialem Druck, also dem vorherrschenden Schlankheitswahn", sei aber die größte Anomalie: "Kein Tier würde aus sozialem Druck sein Gewicht reduzieren", sagt Wuketits.

Anders ist das mit der Völlerei, also der Aufnahme von sehr viel Nahrung in einem kurzen Zeitraum. Diese sei zwar auch kultiviert worden - etwa zum bewussten Anfüttern für körperliche Höchstleistungen -, sie sei aber auch evolutionär erklärbar, weiß Wuketits: Denn wenn ein Jäger und Sammler ein Wildschwein erlegte und verzehrte, "wusste er ja nicht, wann und ob überhaupt ihm so ein Wildschwein wieder begegnen würde".

Sinnvolle Essenspausen

Das erklärt vielleicht auch, warum unsere Zellen Essenspausen ganz gut zu nutzen wissen. Mit der Nachricht, dass Autophagie auch durch bestimmte Substanzen angeworfen werden kann - ganz ohne Fasten -, hat Madeo heuer international Furore gemacht. Er und sein Team entdeckten, dass ein Stoff namens Spermidin diesen Prozess der Zellreinigung einschaltet. Spermidin ist in hoher Konzentration im menschlichen Sperma enthalten, aber auch in Hülsenfrüchten, bestimmten Pilzen, Fleischsorten sowie in Zitrusfrüchten und Weizenkeimen.

Es soll sogar einen positiven Effekt auf altersbedingte Demenz haben, zumindest haben das Versuche an Fruchtfliegen ergeben, die Madeo und sein Kollege Stephan Sigrist von der Universität Berlin durchgeführt haben. Mit Spermidin im Trinkwasser gefütterte Fliegen schnitten, was das Erinnern an Belohnungen betrifft, deutlich besser ab.

Entschlackung und Diäten

Dass Fasten Krankheiten heilen kann, glaubte auch Otto Buchinger, der 1920 eine Klinik für Trinkdiäten gründete. Nach seinem Vorbild betreibt Robert Dunst heute ein Fastenhaus, in dem Menschen mehrere Tage nichts essen. Während der Tagung in Graz wurde auch die Frage erörtert, was es mit dem oft verwendeten Wort Entschlackung eigentlich wissenschaftlich auf sich hat.

Madeo verwies das Wort Schlacke in den Bereich von Autobahnbaustellen: "Ich kann Ihnen versichern, auch wenn Sie lange fasten, werden Sie nicht Teer pinkeln." Auch Dunst räumte dabei ein, dass "schon Buchinger Entschlacken eher als Metapher" verwendet habe. Aber was soll man essen, wenn man nicht fastet? Madeo spricht sich gegen jeden "Nahrungsdogmatismus" aus. Der Mensch ist ein Allesfresser. Während Dunst zu Vollkornkost rät, hält Madeo entgegen: "Eine neue Studie belegt, dass Weißbrot nicht per se schädlich ist."

Auch von Diäten, die Kohlenhydrate verbannen, hält Madeo aus Sicht der Altersforschung nichts. Denn die ältesten Menschen der Welt leben in Süditalien und im südjapanischen Okinawa. Sie werden sehr oft sogar über hundert Jahre alt und essen viel Kohlenhydrate - in Form von Pasta und Reis. Auch der restliche Speiseplan ist vergleichbar: "Viel Obst und Gemüse, Fisch, wenig Fleisch." Förderlich für ein langes Leben sei übrigens auch "gelegentlich ein Glas Wein oder Bier". Hier differenziert Madeo: "Weintrinker leben länger als Biertrinker. Noch kürzer als Biertrinker leben nur die Nichttrinker." (Colette M. Schmidt, DER STANDARD, 14.11.2014)

  • Szene aus Marco Ferreris Film "Das große Fressen" ("La grande bouffe") aus dem Jahr 1973. Vier Freunde wollen sich zu Tode fressen. Im Bild Philippe Noiret, Michel Piccoli und Ugo Tognazzi.
    foto: www.picturedesk.com / mary evans

    Szene aus Marco Ferreris Film "Das große Fressen" ("La grande bouffe") aus dem Jahr 1973. Vier Freunde wollen sich zu Tode fressen. Im Bild Philippe Noiret, Michel Piccoli und Ugo Tognazzi.

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