Bernadette Schild: "Ich schaue von Tag zu Tag und nicht weiter"

Interview14. November 2014, 16:52
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Nach dem Rücktritt ihrer Schwester Marlies fühlt sich Bernadette Schild nicht verstärkt unter Druck. Sie schaut auf sich, glaubt an ihren ersten Sieg. Eher nicht am Samstag in Levi, der flache Hang liegt ihr nicht

Standard: Levi war bisher nicht Ihr Lieblingsrennen - ein 17. Platz war Ihr bestes Ergebnis. Läuft's diesmal besser?

Schild: Das weiß ich nicht. Ich habe zwar viel im Flachen trainiert. Aber es kann auch sein, dass es wieder nicht passt. So ein flacher Hang wie in Levi liegt mir einfach nicht. Grundsätzlich stimmt meine Form aber. Ich hatte sehr viele gute Trainingstage. Bei steilen und schwierigen Bedingungen bin ich stark.

Standard: Für Schild-Siege können ab sofort nur noch Sie sorgen. Erhöht das den Druck?

Schild: Marlies hat 35 Slaloms gewonnen. Ich will einfach das Beste für mich herausholen. Vielleicht ist heuer der eine oder andere Sieg dabei. Kann ja sein.

Standard: Kann der Rücktritt Ihrer Schwester auch eine Befreiung für Sie sein?

Schild: Ich habe den Vergleich zwischen uns nie wirklich zugelassen und werde das auch in Zukunft nicht tun. Einerseits ist der Altersunterschied von neun Jahren sehr groß. Andererseits war Marlies über so viele Jahre so stark, dass ich mir nicht den Druck auferlegen möchte, nachziehen zu müssen. Ich habe ein bisschen länger gebraucht, dahin zu kommen, wo ich jetzt bin. Ich bin auch einen anderen Weg gegangen. Ich versuche einfach, für mich selbst das Beste aus jedem Rennen herauszuholen.

Standard: Ist es ungewohnt, dass Marlies nicht mehr dabei ist?

Schild: Teilweise. Wenn sie da war, habe ich im Training immer gewusst, dass es noch um so und so viel schneller geht. Marlies war eine so sichere Nummer. Jetzt frage ich mich ab und zu, wenn ich einen guten Lauf hatte: 'Aber geht's vielleicht noch schneller?' Ansonsten konnte ich immer mit Problemen zu ihr kommen. Der familiäre Teil fehlt. Aber ich habe in den vergangenen Jahren gelernt, selbstständig zu sein.

Standard: Sie haben im Frühjahr Ihre Skimarke gewechselt, sind von Atomic zu Rossignol gegangen. Was waren die Gründe dafür?

Schild: Ich habe den Ski im Frühjahr probiert und mich auf Anhieb gut gefühlt. Rossignol hat mich sehr nett ins Team aufgenommen. Ich fühle mich sehr willkommen. Es war vielleicht an der Zeit für neuen Input, für neue Leute, was Neues zu probieren. Für mich hat sich der Wechsel richtig angefühlt.

Standard: Sie sind neben Alexandra Daum die einzige Österreicherin bei Rossignol - ist das servicetechnisch ein Nachteil?

Schild: Bei Rossignol ist es egal, aus welchem Land man kommt. Die Läuferinnen werden als Team gesehen. Deshalb ist das kein Nachteil. Es fahren sehr viele Mädels Rossignol. Der Input bezüglich Material ist daher sehr groß. Man weiß auch, was in anderen Nationen probiert wird. Es gibt keine Geheimniskrämereien.

Standard: Mikaela Shiffrin war die überragende Slalomläuferin des vergangenen Winters. Ist sie, wenn sie fehlerfrei bleibt, schlagbar?

Schild: Sie fährt einen sehr guten Schwung und ist mit ihrem Stil sehr sicher unterwegs. Aber ich denke, auf steilen, schwierigen Hängen gibt es schnellere Varianten. Ich glaube nicht, dass sie unschlagbar ist. Das habe ich noch nicht aufgegeben.

Standard: Was muss passieren, damit Sie am Ende der Saison mit sich zufrieden sind?

Schild: Letztes Jahr sind mir ab und zu blöde Fehler und blöde Ausfälle passiert. Wenn ich das in Griff kriege und sonst locker Ski fahre, dann kann ich mich relativ weit vorn platzieren. Das ist das Ziel.

Standard: Sie sind bisher dreimal im Weltcup aufs Podest gefahren. Allein der Sieg fehlt noch. Fühlen Sie sich reif dafür?

Schild: Ich denke, der erste Sieg passiert. Ich war schon ein paar Mal knapp dran. Wenn alles passt und ich ein bisschen Glück habe, dann wird es klappen.

Standard: Können Sie sich vorstellen, auch Abfahrt und Super-G zu fahren?

Schild: Nein. Das habe ich sehr lange sehr gerne gemacht. Aber das ist lange her. Zwei Disziplinen reichen mir. Das Privileg, in technischen und schnellen Disziplinen gut zu sein, haben nur wenige. Wenn ich mich im Riesentorlauf noch weiterentwickle, reicht mir das.

Standard: Sie bezeichnen sich selbst als kreativ - können Sie diese Seite beim Skifahren ausleben?

Schild: Beim Skifahren ist es schwierig, kreativ zu sein. Ich achte nicht auf kleinste technische Details. Ich will einfach schnell Ski fahren. Ich probiere nicht, immer super stabil und sicher zu fahren. Ich probiere einfach grundsätzlich sehr gerne. Vielleicht ist das ein bisschen Kreativität beim Sport.

Standard: Inwieweit lässt sich Ihre chaotische Seite mit dem durchorganisierten Leben einer Skifahrerin vereinbaren?

Schild: Das geht eigentlich sehr einfach. Uns wird ja immer gesagt, wann wir abgeholt werden oder wann der Flieger geht. Ich weiß zum Beispiel nicht, wann die Rennen in Aspen sind. Ich schaue von Tag zu Tag und nicht weiter.

Standard: In Sotschi wurde in einem Brief Ihre Entführung angedroht, hat Sie das ängstlicher gemacht?

Schild: Anfangs war das schon eigenartig. Aber mir war gleich klar, dass das nicht ernst gemeint sein konnte. Ich habe mich nie bedroht gefühlt. Ich habe eher darüber gelacht. Mittlerweile ist das komplett vergessen. (Birgit Riezinger, DER STANDARD, 15.11.2014)

Bernadette Schild (24) wurde 2008 Junioren-Weltmeisterin im Slalom. Im selben Jahr debütierte sie im Ski-Weltcup. Die Slalom-Spezialistin aus Saalfelden hat einen zweiten und zwei dritte Plätze zu Buche stehen.

Link: Bernadette Schild

  • Bernadette Schild achtet beim Skifahren nicht auf kleinste Details.
    foto: ap/ giovanni auletta

    Bernadette Schild achtet beim Skifahren nicht auf kleinste Details.

  • Sie will einfach schnell Ski fahren.
    foto: apa/ gindl

    Sie will einfach schnell Ski fahren.

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