"Ein bisschen Inklusion ist wie ein bisschen schwanger"

15. November 2014, 09:00
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Die Sonderschule muss weg, verlangt Menschenrechtsexpertin Marianne Schulze

STANDARD: Brutal gefragt: Gehören die Sonderschulen weg?

Schulze: Ja. In den Grundprinzipien der Menschenrechtskonvention wurde klar festgehalten, dass es um Selbstbestimmung und Inklusion geht, die im Mittelpunkt der politischen Überlegungen betreffend Menschen mit Behinderungen stehen müssen.

STANDARD: Aber was ist so schlecht an diesem Schultyp?

Schulze: Er ist diskriminierend, da er nur auf das Kriterium "Beeinträchtigung" beziehungsweise "Behinderung" abstellt. Wenn man aufgrund eines bestimmten Merkmals anders behandelt wird, dann widerspricht das dem Gleichheitsrecht.

STANDARD: Kann man nicht sagen: Dort werden diese Kinder bestens gefördert?

Schulze: Nein, das kann man eben nicht sagen. Weil jene Förderung, die ganz entscheidend ist, wegfällt - jene für alle Kinder. Nicht nur für jene mit Behinderungen ist die Auseinandersetzung mit dem Verschiedensein wichtig. Es geht nicht nur um die Förderung von Kindern mit Behinderungen. Es muss um die Förderung von allen Kindern gehen, also auch die der chronisch normalen.

STANDARD: Es ist also eine falsche Sicht, wenn man bei Inklusion nur über die Kinder mit Behinderungen redet?

Schulze: Absolut. Inklusion ist eine Methodik, die alle Bedürfnisse von allen Kindern abholt. Dies zu reduzieren auf Behinderung ja oder nein, ist zu kurz gegriffen. Es geht um einen Nichtdiskriminierungsansatz. Es geht um die sozioökonomische Diskriminierung, die im Bildungswesen weit verbreitet ist, genauso wie um die sprachliche Diskriminierung - nicht Deutsch als Muttersprache -, genauso wie eben um die Frage, ob ich eine temporäre oder langfristige Beeinträchtigung habe.

STANDARD: Warum lässt man Eltern nicht selbst entscheiden, ob sie ihr Kind lieber in eine Inklusions- oder in eine Sonderschule geben wollen?

Schulze: Im momentanen System wird etwas als Wahlfreiheit verkauft, was es im Ergebnis gar nicht ist, denn: Es wird eine Sonderform angeboten und diese dann in einer Art und Weise dargestellt, als ob sie die bessere ist, und gleichzeitig verweist man darauf, dass das andere System zum einen nicht barrierefrei ist und zum anderen die Förderungsmöglichkeiten fehlen.

STANDARD: Und das ist nicht so?

Schulze: Es wird in der politischen Diskussion so getan, als ob das jetzige Regelschulsystem einfach nur leicht adaptiert wird, um dann die Inklusion umsetzen zu können. Das ist ein Unsinn! Will ich das Bildungssystem barrierefrei und inklusiv machen, braucht es eine Radikalreform.

STANDARD: Sind Sie da sehr zuversichtlich? Gerade der Bildungsbereich gilt als relativ reformresistent.

Schulze: Ich bin Leiterin eines Gremiums, dessen Aufgabe es ist, die Einhaltung eines Völkerrechtsvertrages auf nationaler Ebene zu überwachen. Zuversicht ist für mich keine Arbeitskategorie.

STANDARD: Aber ein Radikalwechsel braucht ...

Schulze: ... eine Vorlaufzeit. Nur könnte sofort aufgehört werden, Kinder in Sonderschulen zu schicken. Dann würde dieser Prozess, - wie in Südtirol vor Jahrzehnten schon - sofort beginnen.

STANDARD: Sind diese Modellregionen, die gerade entstehen, ein erster Schritt?

Schulze: Ein bisschen Inklusion ist wie ein bisschen schwanger. Inklusion erfordert eine durchgehende Umsetzung im gesamten System.

STANDARD: Sie nennen das derzeitige System völkerrechtswidrig. Wenn es so ist, hat das rechtliche Konsequenzen?

Schulze: Die Regierung ist voriges Jahr vom zuständigen Fachausschuss der Vereinten Nationen darauf hingewiesen worden, dass das System nicht konventionskonform ist. Bis dato ist das liegengeblieben - wohl auch wegen der Regierungsneubildung. Es ist aber, wie Sie richtig andeuten, rechtlich nicht verbindlich.

STANDARD: Die Sonderschule soll bis 2020 auslaufen, ein realistisches Ziel?

Schulze: Mit politischem Willen geht in diesem Bereich sehr viel.

STANDARD: Täuscht der Eindruck, oder werden auch einfach schwierige Kinder in Sonderschulen abgeschoben?

Schulze: Es zeigt sich deutlich, dass Kinder, deren Erstsprache nicht Deutsch ist, sehr oft in der Sonderschule sitzen. Da gibt es momentan einen ganz dramatischen Trend. Im jetzigen Regelschulsystem landen auch sozial schwierige Kinder leichter in der Sonderschule als andere. Es ist eine Überforderung des Systems. Ich kann auch Eltern verstehen, die ihr Kind in eine Sonderschule geben. Die Drucklage betreffend adäquate Förderung und Therapie ist momentan so, dass sie als optimales Angebot erscheint.

STANDARD: Was bedeutet die Sonderschule für den späteren Lebensweg?

Schulze: Es gibt eine relativ hohe Wahrscheinlichkeit, direkt in eine sogenannte Tagesstruktur zu kommen. Man ist nicht sozialversichert, geht einer Beschäftigung nach, für die es eine Art Taschengeld gibt. Dass diese Kinder keinen Job bekommen, hat auch damit zu tun, dass Arbeitgeber in der eigenen Biografie keine solche Auseinandersetzung hatten. Breche ich das, gibt es andere Erfahrungen, ein anderes Selbstverständnis im Miteinander.

STANDARD: Österreich ist in Europa ...

Schulze: ... dafür, wie man sich gerne präsentiert, überraschend weit hinten. Es ist auch die jüngere österreichische Geschichte in diesem Bereich nicht aufgearbeitet. Diese "Minderwertigkeit" von Menschen mit Behinderungen wird zwar nicht aktiv so verwendet, aber sie ist unterschwellig noch spürbar. Auch mit Spendenkampagnen wie "Licht ins Dunkel" werden Momente gefördert, wo ein Rolli-Nutzer, einfach nur, weil er beim Zebrastreifen steht, über die Straße gerollt wird - ob er das jetzt will oder nicht.

STANDARD: Kein Fan von Licht ins Dunkel?

Schulze: Kann ich nicht sein. Mich stört dieser Blick auf Menschen mit Behinderungen. Dieses Almosendenken wird durch "Licht ins Dunkel" stark befördert. Davon muss man radikal weg. Das sind Menschen wie du und ich. Behinderung umfasst auch die Frage mentaler Gesundheit. Das sind Aspekte, die oft nicht mitgedacht werden, aber da sind wesentlich mehr Menschen "betroffen". (Peter Mayr, Karin Riss, DER STANDARD, 15.11.2014)


Zur Person:

Marianne Schulze (39) leitet den unabhängigen Monitoringausschuss zur Umsetzung der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen.

  • "Es geht nicht nur um die Förderung von Kindern mit Behinderungen. Es muss um die Förderung von allen Kindern gehen, also auch die der chronisch normalen", findet Marianne Schulze.
    foto: standard/christian fischer

    "Es geht nicht nur um die Förderung von Kindern mit Behinderungen. Es muss um die Förderung von allen Kindern gehen, also auch die der chronisch normalen", findet Marianne Schulze.

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