Eine Pille gegen Liebeskummer? 

Blog14. November 2014, 16:50
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Eine neue Tablette verspricht, Trennungsschmerz leichter zu machen und das auch wissenschaftlich belegen zu können - doch stimmt das wirklich?

Früher galt: gegen jedes Wehwechen ist ein Kraut gewachsen. Heute heißt es: gegen jedes Leiden steht eine Packung bunter Pillen im Regal von Apotheken und Drogerien. Dafür sorgen die fleißigen Hersteller von Nahrungsergänzungsmitteln. Und bringen laufend "völlig natürliche" Mittelchen gegen alle erdenklichen Leiden auf den Markt. Besonders gewagt ist die Behauptung, zwei braune Tabletten täglich würden Liebeskummer erträglicher machen. "Nicht weinen - nimm Amorex" verspricht die Webseite des Herstellers tröstlich.

Wissenschaftlich bestätigt?

Ein Medikament darf nur verkauft werden, wenn es nachweislich wirkt. Den Nachweis dafür muss ein Pharmaunternehmen in rigoros durchgeführten klinischen Studien erbringen. Für Nahrungsergänzungsmittel ist das nicht nötig. Einen Beweis, dass Amorex tatsächlich hilft, seelische Schmerzen nach der Trennung von einer geliebten Person zu bewältigen, gibt es nicht.

Daran ändert auch eine Studie italienischer Forscher nichts. Diese verabreichten 15 Personen, die an der Trennung von einer geliebten Person litten, täglich zwei Amorex-Tabletten. Nach sechs Wochen schien sich deren Leid auf den ersten Blick deutlich gebessert zu haben. Einen kleinen Nebenaspekt haben die Forscher allerdings zu untersuchen vergessen: möglicherweise hätte sich der Liebeskummer auch ohne Amorex genauso schnell gebessert. Ohne den Vergleich mit einer unbehandelten Teilnehmergruppe ist eine Studie nichts wert.

Schwarzbohnen-Extrakt

Der Hauptwirkstoff in Amorex (5-Hydroxytryptophan) stammt aus dem Extrakt der afrikanischen Schwarzbohne, kommt aber auch natürlicherweise im menschlichen Körper vor. Dort ist er ein Zwischenprodukt bei der Herstellung des Nervenbotenstoffs Serotonin. Bei Depressionen mangelt es dem Gehirn häufig an diesem Botenstoff, moderne Medikamente gegen Depressionen wirken daher vor allem, indem sie die Wirkung von Serotonin verstärken.

Der Wirkstoff aus der afrikanischen Schwarzbohne wurde in den 1970er und 1980er Jahren versuchsweise zur Behandlung von Depressionen eingesetzt, doch auch hier blieb dessen Wirksamkeit unklar. Mit dem Aufkommen moderner Antidepressiva verschwand er in der Bedeutungslosigkeit.

Nicht bedeutungslos hingegen ist die Behauptung auf der Hersteller-Webseite, Amorex sei frei von Nebenwirkungen. In der empfohlenen Dosierung können diese tatsächlich von Übelkeit und Erbrechen bis zu Durchfall reichen. Selten könnte es auch zu Kopfschmerzen, Schlaflosigkeit und Herzrasen kommen.

Unnötige Nahrungsergänzungsmittel

Amorex ist nur ein Beispiel für unbewiesene Heilsversprechungen. Der Markt für Nahrungsergänzungsmittel ist äußerst gewinnträchtig. Die Palette der Präparate reicht von Hilfe bei Alzheimer über Gelenksschmerzen bis zu Krebs. Im schlimmsten Fall kann die Einnahme solcher Mittel sogar riskant sein: Vitamin E und Provitamin A (Beta-Carotin) stehen im Verdacht, die Lebenszeit zu verkürzen.

Im Regelfall benötigen wir keine Nahrungsergänzungsmittel, laut Österreichischem Ernährungsbericht haben die allermeisten von uns keinen Mangel an Vitaminen und Nährstoffen. Im Einzelfall können Krankheiten oder individuelle Veranlagungen zu Mangelerscheinungen führen und bei einem klar diagnostizierten Mangel können dann natürlich auch entsprechende Präparate Sinn machen - das aber nur nach Abklärung durch einen Arzt. (Gerald Gartlehner, derStandard.at, 14.11.2014)

Gerald Gartlehner ist Leiter des Departments für Evidenzbasierte Medizin (EbM) und Klinische Epidemiologie der Donau-Uni Krems, Direktor der österreichischen Cochrane-Zweigstelle und Vize-Direktor des Research Triangle Institute – University of North Carolina Evidence-based Practice Center, USA. Er leitet die Plattform medizin-transparent.at und nimmt auf derStandard.at regelmäßig aktuelle Studien unter die Lupe.

  • Liebeskummer kann sehr weh tun - hier der liebeskranke Antiochus.
    foto: johann anwander/wikipedia

    Liebeskummer kann sehr weh tun - hier der liebeskranke Antiochus.

  • EbM-Experte Gerald Gartlehner von der Donau-Uni Krems hat sich das genauer angeschaut.
    foto: georg h. jeitler / donau-universität krems

    EbM-Experte Gerald Gartlehner von der Donau-Uni Krems hat sich das genauer angeschaut.

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