Ich hab zwei Persönlichkeiten und zwei Wohnungen

17. November 2014, 05:30
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Der Wiener Modemacher Herbert Rieger lebt in zwei Wohnungen, "in beiden so halb-halb"

Der Wiener Modemacher Herbert Rieger lebt an mehreren Orten. Mal umgibt er sich mit Stoffen, mal mit Freunden, mal mit Ruhe, Alleinsein und Holzhacken im Wohnzimmer. Wojciech Czaja hat ihn besucht.

"Ich wohne eigentlich in zwei Wohnungen, in beiden so halb-halb. Die eine Wohnung im neunten Bezirk hab ich seit 1980, das ist mein ganz privater Rückzugsort, das ist meine Höhle, da schaut es wild aus, da wohnt der Hund, da lasse ich keine Öffentlichkeit und keine Freunde herein, alles türmt und stapelt sich, es gibt kaum Platz, ich hab keine Heizung, sondern nur einen Holzofen, wo ich in der Früh noch im Wohnzimmer Holz hacken muss und so weiter. Es ist wie ein Bauernhof mitten in der Stadt: kalt und chaotisch.

foto: lisi specht
Weil die Männer schon aus waren, stehen in der Wohnung von Herbert Rieger zwei weibliche Fruchtbarkeitsfiguren. Die meisten seiner Möbel stammen aus Indonesien. (Bildansicht durch Klick vergrößern)

Und dann gibt es diese wunderbare Wohnung hier, wo ich seit sechs Jahren in einer Art kultureller Wohngemeinschaftssymbiose mit ein paar mir sehr nahestehenden Menschen lebe. Die Wohnung hat 170 Quadratmeter und ist so etwas wie die freundliche, schöne Facette meiner doppelten Persönlichkeit. Hier ist alles sauber und hübsch eingerichtet. Das ist, wenn man so will, die herzeigtaugliche Gesellschaftswohnung, in die ich Freunde und Bekannte und, wenn's sein muss, ab und zu auch Medien einlade.

Die meisten Möbel stammen aus Indonesien, vor allem aus Java und Bali. Die Nähe zum Land hab ich, weil ich früher, als unser Modeimperium noch viel größer war und wir in Österreich sechs Geschäfte hatten, vieles in Frankreich, Großbritannien, Indien und Indonesien produzieren ließ. Meistens war ich ein halbes Jahr in Wien, ein halbes Jahr in Indonesien. So habe ich die Kultur lieben gelernt.

Der Tisch ist von dort, die Stühle, der Schrank, einfach das meiste, was hier herumsteht. Auch die beiden Figuren stammen aus Bali. Das sind Fruchtbarkeitssymbole, traditionellerweise stellt man einen Mann und eine Frau nebeneinander. Die Männer waren schon aus, und so musste ich ein bissl schummeln. Daher hat das heterosexuelle Pärchen jetzt vier Brüste. Viele Leute sagen, sie würden sich so etwas niemals in die Wohnung stellen, weil sie sich sonst fürchten müssten. Ich hab keine Angst. Ganz im Gegenteil, ich fühle mich mit diesen Figuren wohl. Da gibt es noch einen hölzernen Buddha, einen sich windenden Drachen, der am Boden herumlungert, und so weiter.

Die meiste Zeit verbringe ich in meinem Geschäft im ersten Bezirk. Da bin ich umgeben von wilden Stoffen, von Samt und Brokat, von barocken Ornamenten, die sich auf Krägen, Stulpen und Taschen wiederfinden. Ein bisschen schlägt sich der Stil auch in der Wohnung nieder, aber reduziert. Vor allem das Rot und die Erdtöne haben es mir angetan. Das Esszimmer ist in textiler Hinsicht noch ziemlich gesittet, in den anderen Zimmern geht's üppiger zu, da ist überall Stoff, nichts als Stoff.

Textil ist ein wichtiges Element in meinem Leben. Wenn ich Stoff anschaue, dann entscheide ich innerhalb einer halben Sekunde, ob der was kann oder nicht. Und dann, wenn er eine Schwingung hat und es vor meinen Augen zu vibrieren beginnt, sehe ich in der übernächsten Sekunde schon genau das Kleidungsstück vor mir - ob das nun ein Hemd, ein Sakko, ein Gehrock, ein Abendkleid oder irgendein ausgefallenes historisches Stück ist. Es ist, als würden die Stoffe zu mir sprechen. Auch die Klamotten, die ich selbst trage, sind meist recht redselig.

Die Art und Weise, wie ich im Moment lebe, mit diesem Kon- strukt zweier Wohnungen, mag zwar eigenartig sein, aber ich fühle mich damit echt wohl. Meine Mitbewohnerinnen und Mitbewohner würden am liebsten in einer Dachgeschoßwohnung mit Terrasse leben. Aber ich weiß nicht, ob ich mich von dieser Wohnung so leicht trennen kann. Das ist ein Ort mit sensationell viel Harmonie. Ich liebe es jeden Tag aufs Neue, in eines meiner beiden Zuhause zu kommen." (DER STANDARD, 15.112014)

Herbert Rieger, geboren 1949 in Wien, besuchte die französische Schule, absolvierte
die Handelsakademie und studierte anschließend Welthandel sowie Englisch, Französisch
und Chinesisch. 1972 gründete er sein eigenes Modeunternehmen. Von 1986 bis 2001 lebte er produktionsbedingt zum Teil in Indonesien. Früher führte Rieger Entwürfe von Galliano, Vivianne Westwood und Alexander McQueen. Später dann wurde der Schwerpunkt zunehmend auf eigene, oft extravagante Kreationen gelegt. Das Geschäft liegt in der Gonzagagasse 15, 1010 Wien.

Link

lord-rieger.at

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