Ein WM-2018-Boykott ist Europas stärkste Karte gegen Putin

Blog16. November 2014, 07:47
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Eine EU-Drohung, seine Fußballparty platzen zu lassen, würde Russlands Präsidenten mehr beeindrucken als alle Wirtschaftssanktionen

Derzeit ist die Fußball-WM in Katar im Jahr 2022 in aller Munde. Aber die WM 2018 in Russland sollte es auch sein. In dreieinhalb Jahren soll schließlich eines der beiden größten Sportereignisse der Welt in einem Land stattfinden, das sich im de-facto-Kriegszustand mit einem Nachbarstaat befindet und dessen Zerstückelung betreibt – weil dessen autokratischer Präsident es nicht zulassen will, dass Menschen in seiner Einflusssphäre sich seinem Willen widersetzen.

Keine der Schritte, die Europa und die USA bisher unternommen haben, haben Wladimir Putin bisher beeindruckt. Die westlichen Sanktionen treiben die russische Wirtschaft in eine tiefe Rezession und untergraben die finanzielle Grundlage von Putins Herrschaft.

Aber dieser macht trotzdem weiter und scheint entschlossen, in der Ostukraine einen weiteren pseudounabhängigen Satrapenstaat und damit einen auf Jahre oder Jahrzehnte eingefrorenen Konflikt zu schaffen. Doch anders als in Transnistrien, Abchasien und Südossetien sind diesmal Millionen von Menschen von dieser Politik des Nachbarschaftsimperialismus betroffen.

Wichtiger als der Rubelkurs

Was kann der Westen noch tun, außer wirklich, wirklich böse zu sein? Ein Mittel gibt es noch, das bald genützt werden sollte. Mit Milliardenaufwand plant Putin im Sommer 2018 das größte Fußballfest der Welt in seinem Land, und dies ist ihm persönlich wirklich wichtig – wichtiger wahrscheinlicher als der Zustand der Moskauer Börse und der Rubelkurs.

Doch die WM erfüllt seinen Propaganda- und Statuszweck nur, wenn die europäischen Fußballmächte teilnehmen. Ohne Deutschland, die Niederlande, Italien, Spanien oder England wäre die WM eine sinnlose, leere Show – selbst wenn die Lateinamerikaner mitmachen.

Natürlich wollen all diese Staaten mit ihren Millionen Fußballfans teilnehmen, aber ein Ausfall wäre doch politisch, wirtschaftlich und emotionell verschmerzbar. Schließlich gibt es die EM und den europäischen Klubfußball.

Zeichen der Isolation

Für Russland wäre ein Boykott hingegen ein wirkliches Fiasko, ein Zeichen, dass das Land isoliert und ausgestoßen ist. Außerdem wäre es für jedes EU-Land eine Schande, Putin den Triumph zu gönnen, dass seine Gegner bei ihm zu Gast sind, als gäbe es keine "Volksrepublik Donezk".

Es mag seltsam klingen, aber keine wirtschaftliche oder politische Waffe ist in diesem Konflikt so mächtig wie Fußball.

Ich wünsche mir keinen Boykott, aber sehr wohl eine klare und verbindliche Boykottdrohung. Die EU-Staats- und Regierungschefs sollten auf ihrem nächsten Gipfel jetzt eine Erklärung abgeben, dass sie ihren Nationalteams die WM-Teilnahme nur erlauben werden, wenn bis Anfang 2018 eine politische Lösung in der Ostukraine gefunden wurde, die die Souveränität und die territoriale Unversehrtheit der Ukraine respektiert – nicht nur in den Augen Putins, sondern auch des ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko.

Starke Drohung, lange Frist

Das wäre eine starke Drohung mit einer sehr langen Frist, die der Drohung wieder ihre Schärfe nimmt. Aber wenn Putin weiß, dass der Erfolg seines Prestigeobjekts von einer politischen Einigung mit der Führung in Kiew abhängt, dann könnte ihn dies einen Anreiz geben, trotz seiner militärischen Übermacht diplomatische Lösungen zu suchen. Vor allem aber könnte es ihn davon abhalten, den Konflikt wie mit der Republik Moldau und Georgien einfach einzufrieren.

Damit es wirkt, müssen die EU-Staaten zusammenhalten, dürfte kein einziges Land ausscheren, selbst wenn es sich über eine Qualifikation zu einer WM besonders freut – wie es bei Österreich sicher der Fall wäre. Nur wenn tatsächlich kein Europäer aus dieser Front ausschert, hat die Drohung eine Chance, zur Lösung des Ukrainekonflikts beizutragen.

Und dann könnte im Juni 2018 unter viel besseren Vorzeichen das größte Fußballfest der Welt steigen – und der Sport einmal wirklich zum Frieden beitragen. (Eric Frey, derStandard.at, 16.11.2014)

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