Die Alterspyramide des Preissystems

Kolumne14. November 2014, 17:35
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Wer alt ist, ist nicht vor Torheit geschützt

Wer alt ist, ist nicht vor Torheit geschützt. Kennt aber wenigstens die Ecken besser als ein junger Besen. Zum Beispiel jene Ecken, in die man gedrängt wird, wenn man beschließt, als nicht ganz knusperfrischer Mensch Künstlerisches anzufangen. Karriere macht man ja, solange man jung ist. Wer es da nicht schafft, dem blüht die anschließende Verwaltung der übriggebliebenen, von Nicht erfolg gekrönten Lebenszeit.

Wer mit über 35 beginnt zu schreiben, wird gern belächelt. Was soll da schon draus werden. Als alter Hupfer. Es leuchtet ein, dass man mit Hochleistungssport vermutlich besser früher als später anfangen sollte, falls man eine Sportlerkarriere anstrebt. Soll das etwa für das Verfassen von Texten gelten? Nein. Jedenfalls solange Literatur nicht mit perfektem Spagat am Barren, in bestimmter Geschwindigkeit gelaufenen Kilometeranzahl, mit Schwimmmindestzeiten zwingend verknüpft ist.

Eine gewisse Annäherung ist zwar beim Bachmannpreis zu beobachten, der in den letzten Jahren verdächtig nahe an Iron Man gerückt ist. Andererseits gilt gerade an den Tagen der deutschen Literatur diese magische Altersgrenze nicht, die sich bei fast allen anderen Auszeichnungen und Preisen materialisiert: Absolute Beginner sind dies bis genau 35. Später darf man nicht mehr an Ausschreibungen teilnehmen. Die Sichtbarkeit jener, die erst danach zu schreiben beginnen, wird marginalisiert. Gewiss, die wichtigen, gewichtigen Literaturauszeichnungen gehen oft an ältere, aber bereits etablierte Schreibende. Warum just die sprudelnde Jugend allein etwas zu melden haben sollte, während Menschen mit längeren Lebenswegen dazu nicht geeignet seien, erschließt sich nicht logisch. Umso schöner, wenn es Ausnahmen gibt: Am 15. November wird der erste Preis der edition exil im Rahmen der Buchmesse an die überzeugende Ljuba Arnautovic verliehen. Jahrgang 1954. (Julya Rabinowich, DER STANDARD, 15./16.11.2014)

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