Für viele Pensionsantritt "zu spät"

14. November 2014, 12:37
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Die Mehrheit der über 45-jährigen hält Arbeit bis 65 nicht für möglich,vor allem junge Menschen fürchten sich vor Altersarmut

Wien - Mehr als die Hälfte (53 Prozent) der über 45-Jährigen kann sich nicht vorstellen, unter unveränderten Bedingungen bis zum offiziellen Pensionsantrittsalter von 60 (Frauen) bzw. 65 (Männer) Jahren zu arbeiten. Sogar unter den 36- bis 45-Jährigen kann sich das die Hälfte der im Arbeitsklimaindex befragten nicht vorstellen. Das sei ein Alarmsignal, meint AK-Oberösterreich-Präsident Johann Kalliauer.

Von den Menschen, die unter Zeitdruck arbeiten, können sich sogar zwei Drittel nicht vorstellen, bis zum offiziellen Pensionsantrittsalter weiterzumachen. Diese Zahlen zeigen aus Kalliauers Sicht einen "groben Widerspruch" zum gesellschaftspolitischen Ziel, Menschen länger in der Arbeit zu halten. "Die verkürzte Formel: Menschen müssen länger arbeiten, ist falsch", so Kalliauer. Die Betriebe seien gefordert, sich um Arbeitsbedingungen zu bemühen, die älteren Menschen überhaupt ermöglichen, bis 65 zu arbeiten.

Bonus-Malus-System

Einfache Rezepte gebe es nicht. Ein Kündigungsschutz sei dabei nur "ein Mosaiksteinchen". Die Einführung eines Bonus-Malus wäre hingegen immerhin schon eine "Mosaikplatte". Das von den Sozialpartnern schon länger verhandelte System würde Gutschriften für Firmen vorsehen, die überdurchschnittlich viele ältere Menschen beschäftigen und Strafzahlungen, wenn ein Unternehmen wenig Ältere in der Belegschaft hat. Aber auch das werde nicht funktionieren, wenn die Arbeitsbedingungen eine Beschäftigung bis zur Pension verhindern.

Die Sozialpartner sollten in der Lage sein, im Frühjahr eine Einigung zum Bonus-Malus zu erzielen, glaubt Kalliauer. Ein Beschluss im Parlament sei dann im Herbst denkbar. Der Bonus bzw. Malus müsse jedenfalls so hoch sein, dass ihn Firmen spüren. Die AKOÖ selber hat einmal mit 900 Euro pro Mitarbeiter gerechnet, so Kalliauer. Aber zunächst müsse man erst klären, wie überhaupt der Durchschnitt berechnet wird: Nach Branchen biete sich an, aber dann würden Branchen, die insgesamt kaum ältere Menschen beschäftigen, nicht erfasst. Auch das ist für Kalliauer "gesellschaftspolitisch kritisch".

Auch von einer Lockerung der Kündigungsbestimmungen für Ältere (DER STANDARD berichtete) hält Kalliauer wenig. Der Kündigungsschutz in Österreich sei ohnehin relativ schwach ausgebildet und in der Praxis werde praktisch nie wegen Alters gekündigt. Auch habe der Wegfall des Kündigungsschutzes für Behinderte nicht zu einer höheren Beschäftigung geführt. Jedenfalls seien pauschale Schuldzuweisungen, wonach ältere Menschen nicht arbeiten wollen, falsch. Solange es zu wenige Jobs im Land gebe, helfen keine Maßnahmen, schon gar nicht die Verschärfung der Zumutbarkeitsbestimmungen.

Stress nimmt zu

Insgesamt ist der Arbeitsklimaindex seit 2010 weitgehend stabil bei 107 bis 108 Punkten, im August lag er bei 107 Zählern. Auch historisch lag der Index seit dem Jahr 2000 mit Ausnahme eines Hochs 2007/08 immer zwischen 105 und 109 Punkten. Trotzdem könne man herauslesen, dass die Arbeitnehmer stärker unter Stress stehen, so Daniel Schönherr von der AK-OÖ.

Das Arbeitsklima sei schlechter geworden, auch wenn der Index stabil sei, sagte Schönherr. So sind jetzt nur mehr 48 Prozent mit ihren Aufstiegschancen zufrieden, 2009 waren es noch 57 Prozent. Vor allem Migranten und Arbeiter sehen kaum mehr Karrierechancen. Jeder fünfte sehe inzwischen seinen Arbeitsplatz als gefährdet an, 46 Prozent sind durch Zeitdruck sehr bis mittel belastet. Vor einem Jahr waren es erst 43 Prozent. Auch die Belastungen durch schlechte Gesundheitsbedingungen seien um drei Prozentpunkte auf 27 Prozent gestiegen. Insbesondere bei Männern sei die psychische und physische Belastung hoch. Im Gegenzug sind die allgemeine Lebenszufriedenheit und die Zufriedenheit mit dem Firmenimage gestiegen.

Die Arbeiterkammer Oberösterreich lässt vier Mal im Jahr je 1.000 unselbstständig Erwerbstätige von IFES/SORA befragen. Die 25 Fragen, aus denen der Index berechnet wird, haben sich seit 17 Jahren nicht verändert. Zwei Mal im Jahr wird der Arbeitsklimaindex präsentiert, dazwischen gibt es Sonderauswertungen, auch mit zusätzlichen Fragen. (APA, 14.11.2014)

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    grafik: apa
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