Liessmanns Beitrag zur Unbildung

Userkommentar20. November 2014, 10:28
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Ein Streitangebot zu Konrad Paul Liessmanns Buch "Geisterstunde. Die Praxis der Unbildung. Eine Streitschrift"

Worum geht es den Bildungsexperten und -Expertinnen sowie der Bildungspolitik aus der Sicht K.onrad Paul Liessmanns? Sie wollen Bildungskatastrophen konstruieren und Panik machen, damit sie ihre zum Teil fragwürdigen Intentionen verwirklichen können: Bildung verzwecken und aushöhlen, sich dabei wichtig machen, vielleicht sogar Geld verdienen.

Als Beleg zitiert er simplifizierende Extrempositionen und Bildungheilslehren, Positionen, die von keinem ernst zu nehmenden Bildungswissenschafter vertreten werden und die auch nicht die von ihm befürchtete Wirksamkeit haben, um seinerseits mit starken Vokabeln zu dramatisieren und Panik zu machen. Er wettert gegen einen Zeitgeist und übersieht dabei, dass es in unserer Zeit viele Geister gibt, von denen einer auch durch ihn repräsentiert wird.

Panikmache gelingt nicht

Man kann aber beruhigt sein: Ebenso wie es PISA nicht gelingt, wirklich Panik zu erzeugen, wird es auch Liessmann nicht gelingen. Was er schon erreichen kann, ist eine Festigung der Lager im bildungspolitischen Diskurs. Kaum einer wird, von Liessmanns Argumenten überzeugt, überlaufen, seine Sympathisanten werden sich aber in ihren Urteilen bestätigt fühlen. Die Lager leben ja davon, einander wechselseitig dümmliche oder gar unmoralische Positionen zu unterstellen. Zu wünschen wäre ein Aufweichen der Fronten oder besser noch: dialektische Synthese.

Ein dialektischer Ansatz wäre auch bei Liessmanns Kritik an quantitativer Bildungsforschung, Standards-Erhebungen etc. anzuraten. Denn einerseits ist Manches an Bildung messbar und es ist vernünftig, es zu messen. Am leichtesten messbar sind Bildungs-Trivialitäten, welche als Basis von Bildung unverzichtbar sind. Andererseits ist Vieles, wohl das Meiste, nicht messbar.

Ein ausgewogenes Verhältnis zwischen dem einen und dem anderen herzustellen ist sowohl eine theoretische wie praktische Herausforderung, der sich zu stellen eines Philosophen würdig wäre, nicht das einseitige Polemisieren.

Ja, aber ...

Zu vielen Kritikpunkten, die Liessmann vorbringt, sage ich: ja …, aber. Etwa wenn er hinsichtlich der staatlich verordneten Kompetenzorientierung auf die Gefahr des Verlusts von Inhalten und Wissen hinweist oder wenn er die überzogenen Erwartungen an neue Unterrichtsformen in Frage stellt. Meine stärkste Zustimmung hat er in der Kritik haarsträubender Auswüchse bildungsbürokratischer Darstellungen und Regelungen.

Was Liessmann nicht erwähnt

Viele der neu propagierten Ansätze sind Antworten auf Probleme, die es teilweise immer gegeben hat und von denen manche aber heute in verschärfter Form auftreten. Die wichtigsten Herausforderungen sehe ich im gestiegenen Bedarf an höherer Bildung, in der zunehmenden Heterogenität der Gesellschaft und in der zunehmenden Vielfalt und Unübersichtlichkeit des Wissens.

Speziell zur Vielfalt des Wissens: Wir haben heute eine Unzahl von wissenschaftlichen Disziplinen. Wie man da so umstandslos wissen kann, was in Relation dazu Schulfächer sein sollen und wie der allgemeinbildende Fächerkanon aussehen soll, ist mir schleierhaft. Dass inhaltliche Beliebigkeit oder Abstraktion in Richtung Kompetenzen nicht die richtigen Antworten auf dieses Problem sind, finde ich auch. Bessere Antworten zu finden, ist eine Aufgabe, die sich eine auf Kleinteiligkeit und Verwertung ausgerichtete Wissenschaft nicht wirklich stellt. Liessmann anscheinend auch nicht.

Kritik an der Universität

Liessmann kritisiert lieber, selbstverständlich auch die Universität. Er sieht aber die Verantwortung für die Missstände immer bei den anderen: den Managern, Politikern, Bürokraten. Diese Einengung des eigenen Verantwortungsbereiches will mir nicht gelingen. Zumindest werfe ich dem Wissenschaftssystem, dem Liessmann und ich angehören, vor, keine überzeugenden theoretischen und praktischen Vorschläge gemacht zu haben, mit den Problemen besser umzugehen.

Es ist natürlich einfacher, jene zu geißeln, die in institutioneller oder öffentlicher Verantwortung z. T. unbeholfene Lösungsversuche unternehmen und dabei auf das eine oder andere Heilsversprechen der Pädagogik oder der Ökonomie hereinfallen.

An mehreren Stellen fordert Liessmann, dass man mehr auf die LehrerInnen hören sollte – d`accord! Dass aber heute ein Wissenschaftsverständnis dominiert – insbesondere in den Fächern der LehrerInnenbildung – das LehrerInnen de facto vom wissenschaftlichen Diskurs und entsprechender Karriere ausschließt und damit die Durchlässigkeit zwischen Academia und Berufsfeld fast auf null reduziert, muss der Verantwortung des Wissenschaftssystems zugerechnet werden.

Der Schlussteil eines jeden Kapitels in Liessmanns Buch beginnt mit dem Satz: "Dabei wäre alles ganz einfach". Beim ersten Lesen glaubte ich, er meint das ironisch, nämlich das "einfach". Aber er scheint es ernst zu meinen. Es kommen dann schon plausible Ansätze, wie er sich den Umgang mit bestimmten Problemen vorstellt, etwa: "Die an Bildung Interessierten sollten sich verständigen …", z. B. über die Wichtigkeit von Inhalten, speziell über einen verpflichtenden Literaturkanon oder über das Grundwissen, das man zur Orientierung in einer Welt digitalisierter Informationen benötigt.

Aber das soll einfach sein in einer demokratischen Gesellschaft mit einer vielfältigen, wenig strukturierten Wissenslandschaft? Das anzunehmen ist, gelinde gesagt, naiv. Wenn man die Lösung derartiger Probleme für einfach hält, kann man sich die Nicht-Lösung nur durch böse Absicht – er schreibt von "Täuschungsmanövern" – oder durch Unfähigkeit der Protagonisten erklären.

Nüchterne Diskussion gefordert

Ich kann Liessmann in vielen Kritikpunkten zustimmen, man müsste diese, so wie er es von den anderen fordert, nüchtern und unaufgeregt diskutieren. Er tut aber genau das, was er den Unbildungs-Protagonisten vorwirft: plakativ, z. T. undifferenziert und oberflächlich polemisieren. Auch wenn er das vielfach geistreicher und geschickter macht als die von ihm Kritisierten, macht diese Rahmung seine Streitschrift zu einem Beitrag zur Unbildung. In der Diktion Liessmanns: Hier zeigt sich Unbildung von ihrer heimtückischen Seite, indem sie so tut, als wäre sie keine.

Roland Fischer ist emeritierter Professor für Mathematik und Didaktik an der Universität Klagenfurt. Er war an der Gründung der Fakultät für Interdisziplinäre Forschung und Fortbildung beteiligt, hat diese 15 Jahre lang geleitet und engagiert sich seit 2010 für die Reform der LehrerInnenbildung. (Roland Fischer, derStandard.at, 14.11.2014)

Roland Fischer ist Em. O. Universitätsprofessor der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt.

Nachlese: Auszug aus Liessmanns Buch

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