Kunstkauf als Alternative zu Strafzinsen

14. November 2014, 17:53
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Die Kernzielgruppe des österreichischen Kunsthandels zu bedienen wird zunehmend schwieriger

Wer hätte gedacht, dass Sparen je einer Geldvernichtung gleichkäme? Da ist es ein schwacher Trost, dass die auf erbärmlich verzinsten Konten und Sparbüchern geparkten Klein(st)vermögen sicher sind. Nicht genug damit, ließen deutsche Banken jetzt mit Negativzinsen aufhorchen. Hintergrund ist die Europäische Zentralbank, die von Instituten, die dort Geld lagern, 0,2 Prozent Zinsen kassieren. Zumindest Sparer mit kleinen Einlagen, versicherte der Präsident des Bundesverbands deutscher Banken, sollen zunächst von solchen Belastungen verschont bleiben. Und in Österreich? Laut Nationalbank-Vizegouverneur Andreas Ittner stünden "Abwehrzinsen nicht unmittelbar bevor", jedoch sei das grundsätzlich eine Entscheidung der Banken. Na denn.

Die Flucht in Sachwerte könnte also hurtig an Bedeutung und das Angebot des Kunsthandels an Attraktivität gewinnen. Insofern herrschen in Wien derzeit paradiesische Zustände, mit zwei Kunst- und Antiquitätenmessen, die bis Sonntag ein in Sachen Vielfalt breit gefächertes Programm offerieren: in den Palais Niederösterreich und Ferstel (Wiener Internationale Kunst- und Antiquitätenmesse) sowie in der Hofburg (Art & Antique Hofburg Vienna).

Eine erste Zwischenbilanz, die Nachgeschäfte mit zaudernden Interessenten nicht inkludiert, fällt eher mau aus. In der Preisklasse bis 25.000 Euro läuft es am ehesten, bis 10.000 am besten. Damit scheint erwiesen, dass der Mittelstand auf dem heimischen Marktplatz zur Kernzielgruppe gehört. Allerdings ist das jene Schicht, die steuer- und abgabenseitig stark belastet ist und die laut der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) mittlerweile weniger am gesamten Einkommenskuchen verdient als Mitte der 1990er-Jahre. In der Altersgruppe der 40- bis 49-Jährigen liegt das Nettojahreseinkommen bei unselbstständig Erwerbstätigen laut Statistik Austria im Durchschnitt bei rund 21.500 Euro, steigt bei den 50- bis 59-Jährigen um etwa 2000 bis auf knapp 29.100 Euro in der Kategorie 60 Jahre und älter.

Diese Klientel zu bedienen wird immer schwieriger - nicht des Angebots, sondern der Kaufunlust wegen. So gesehen könnte die aktuelle Androhung von Negativzinsen ihr Gutes haben. Noch zögern auch jene, die über Bankguthaben in der Größenordnung von 500.000 Euro aufwärts verfügen. Mal so eben ersparte 300.000 Euro auf Kunstmessen zu verprassen will überlegt sein.

Zumal sich manch einer gefrotzelt fühlen könnte: wenn etwa ein Schiele-Aquarell für 380.000 Euro offeriert wird, das im Juni 2013 bei Sotheby's in London an der Mindesttaxe von 210.000 Euro scheiterte, um im November via Auctionata für netto 55.000 Euro ins Warenlager eines Kunsthändlers zu wandern. Und dieses ist bitte nur eines von mehreren derzeit im Handel offerierten Beispielen. Dabei sind solche Marktbiografien über Kunstpreisdatenbanken leicht rekonstruierbar und enttarnen einst übliche Aufschläge auf brutale Weise.

Selbst wenn man sich derlei locker leisten könnte - welcher Klient will im Jahr 2014 schon so viel in ein Kunstwerk investieren, wie es in zehn Jahren theoretisch wert sein könnte? Aus dieser Perspektive betrachtet ist die Zurückhaltung bei Kunstankäufen verständlich, wiewohl sie allemal eine attraktivere Alternative bieten als künftige Strafzinsen. (kron, Album, DER STANDARD, 15./16.11.2014)

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