Sporthandel: Rückkehr der Einzelkämpfer

14. November 2014, 13:42
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Nach dem Einstieg des britischen Diskonters Sports Direct droht ein Drittel des Marktes zu zerbröseln

Es ist ein Umbruch, den selbst alte Hasen des österreichischen Sporthandels noch nicht erlebt haben. Vor ihren Augen zerbröckelt derzeit mehr als ein Drittel des Marktes. Renommierte Markenhersteller von der Skiindustrie über Outdoormode-Produzenten bis hin zu Fahrradherstellern suchen intensiv neue Absatzwege. Konsumenten kehren den einstigen Platzhirschen der Branche den Rücken - und auf dem Jobmarkt rotiert es.

Seit dem Einstieg des britischen Diskontriesen Sports Direct in Österreichs Marktführer Sport Eybl und Sports Experts ist in der Branche nichts mehr so, wie es war. Auf billig will der Konzern riesige Handelsflächen ummodeln. Verkäufer werden angehalten, nicht zu beraten, und dienen als Regalschlichter. Markenware wird verschleudert und der Kreis der Lieferanten spätestens ab dem nächsten Frühjahr deutlich verkleinert. Wann die Briten den anhaltenden rasanten Umsatzeinbruch bei Österreichs einstiger Traditionsmarke Eybl bremsen können, ist offen.

Vakuum tut sich auf

Fix ist eine vielfältige Truppe an lachenden Gewinnern. Und diese findet sich neben dem Internet vor allem im Fachhandel. Es sind Einzelkämpfer wie Sport Nora, Outdoorspezialisten wie Schwanda, Bergfuchs oder Steppenwolf und Nischenanbieter für Fitness, Laufsport oder Räder, die seit Monaten regen Zulauf an Sportlern erfahren. Bei vielen stapeln sich Bewerbungsschreiben von Mitarbeitern der Sports-Direct-Gruppe. Die Industrie, die den Rückzug aus dem Diskontgeschäft probt oder keinen Zugang zur Londoner Zentrale der neuen Eybl-Besitzer hat, rollt ihnen den roten Teppich aus.

"Es ist ein Vakuum entstanden", sagt Gernot Kellermayr, "und das bedeutet für den Fachhandel eine Riesenchance." Der frühere Olympia-Zehnkämpfer vertritt als Präsident des Verbands der Sportartikelerzeuger und -ausrüster rund 650 Mitglieder aus Industrie und Handel. Der Markt verträgt die von den Briten geplanten zusätzlichen großen Diskontflächen aus seiner Sicht nicht. Der Österreicher werde gerne beraten, "er will darüber reden, welche Tour die schönste ist und wo er welchen Ski verwendet". Und das lässt nicht nur große Eybl-Rivalen wie Hervis, Sport 2000 und Gigasport Aufwind wittern, sondern eröffnet gerade im städtischen Gebiet Raum für Kleine. Zumal auch bei Intersport seit dem Verkauf nach Deutschland die Karten neu gemischt werden.

An Grenzen stoßen

Einfach sei der Markt heuer geworden. Er wundere sich, dass der Zerfall großer Ketten nicht mehr kleine Händler aufsperren lässt, sagt Andreas Maron, Chef des Outdoor-Spezialisten Schwanda. Der Wiener Betrieb seiner Familie, den er seit 30 Jahren führt, erlebt derzeit von Monat zu Monat mehr Zustrom. Auch wenn er "bei den ganzen Aktionsgeschichten nicht mit dabei" sei und manchen neuen Kunden erst "erziehen" muss.

Bergschuhe aufs Schnelle kaufen, nach einer Tour zurück ins Regal tragen, wo sich schon hunderte andere gebrauchte stapeln, und sein Geld zurückbekommen - das spielt es halt im Kleinen nicht, bestätigt Gregor Schwenk, dessen Familie der 18 Mitarbeiter starke Betrieb Bergfuchs gehört. Richtig angenehm sei das Geschäft zurzeit, abgesehen davon, dass er angesichts der vielen Neukunden an seine Grenzen stoße, sagt der Wiener Händler. Auch die Lieferanten stünden Schlange. Schwenk sieht die Konkurrenz des Internets für seine Nische sehr gelassen. "Bei uns geht's um Sicherheit: Seile, Karabiner, Gurte. Da ist Onlinekauf nichts für Neueinsteiger."

Von einem Netz an weiteren Filialen träumt er nicht: Lieber auf bestehendem Standort wachsen. Michael Lanmüller, der in Wien auf Initiative seiner Frau hin 1991 den Bergsport-Ausrüster Steppenwolf gründete und zu den Pionieren der Jack-Wolfskin-Shops in Europa zählt, handhabt es ähnlich: Große Expansion sei für einzelne Personen einfach nicht finanzierbar. "Es gibt ja genug Beispiele, wo das Ganze in die Hose ging." Da bleibe er mit seinen 30 Mitarbeitern lieber klein und fein.

Zu viel Ware auf dem Markt

Auch Lanmüller erlebt derzeit eine Rückkehr der Kunden in den Fachhandel. Sports Direct müsse sich erst neues Publikum erarbeiten. Anders als Bergfuchs-Chef Schwenk sieht er das Internet aber zur immer größeren Konkurrenz heranwachsen: Innerhalb eines Jahres sei der Online-Anteil im Outdoor-Geschäft von sieben auf 24 Prozent gestiegen. Dazu kommt der Trend zu Läden, die nur Restposten vertreiben. "Es ist zu viel Ware auf dem Markt, und die Lager sind voll. Gut für die Kunden."

Harald Sauer hofft dennoch, dass sich im Zuge der Krise des Marktführers eine neue Fachhandels-Landschaft in Österreich entwickelt. Er führt in dritter Generation den mittlerweile 70 Jahre alten Händler Sport Nora. 2015 will er den Wiener Standort ausbauen. Zwei, drei weitere Filialen sind in Planung. "Viele warten noch diesen Winter ab. Denn bis dahin laufen Lieferverpflichtungen der Industrie an Sports Direct ab. Aber dann wird's spannend." (Verena Kainrath, DER STANDARD, 14.11.2014)

  • Die Aussichten sind gut: Die Billigstrategie von Sports Direct schafft Platz für kleine Spezialisten in der heimischen Sportbranche.
    foto: ap/penn

    Die Aussichten sind gut: Die Billigstrategie von Sports Direct schafft Platz für kleine Spezialisten in der heimischen Sportbranche.

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