Kann Therapie jedem helfen?

Kolumne16. November 2014, 17:00
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Auf Spurensuche: Warum jeder Mensch es verdient, gesehen zu werden

Frage: Zuerst möchte ich sagen, dass ich ihre Kolumnen und Antworten sehr interessant, weise und mutig finde. Ich wünsche mir eine Empfehlung, ob es gut wäre, die Begleitung eines erfahrenen Therapeuten zu bekommen. Aber ist das so einfach? Ich frage mich, ob jeder durch Therapie Hilfe bekommt, insbesondere wenn es darum geht, Schäden aus der Kindheit zu reparieren. Ich selbst brauche Hilfe und habe deshalb bereits einige Therapeuten aufgesucht, jedoch keine Hilfe bekommen – eher das Gegenteil.

Schmerzvolle Brüche

Es war immer ähnlich, die Therapeuten wollten mit mir arbeiten, weil sie meinten, dass ich viele Ressourcen hätte, motiviert sei und mich selbst gut kenne. Diese Experimente verliefen aus den verschiedensten Gründen im Sand. Manchmal, weil ich aufgab oder der Therapeut. Jeder Bruch war für mich sehr schmerzvoll und dramatisch. Ein Psychiater war der Ansicht, dass mir eine Therapie guttun würde, da ich "Zurückweisungen in der Kindheit wiederhole". Ein anderer meinte, er könnte keine therapeutische Beziehung zu mir aufbauen. Ich habe sogar ein Buch darüber gelesen, wie Therapie gelingen kann, wenn der Therapeut eine gute und erprobte Methode anwendet. Stimmt irgendetwas von alldem?

Hoffen auf Fürsorge

Mir ist aufgefallen, dass ich durch Sprechen nicht weiterkomme. Vielleicht liegt es daran, dass ich nicht fühlen kann, wenn eine andere Person in meiner Nähe ist. Anscheinend bin ich sehr gut darin, "Worte zu finden", aber die Worte kommen nicht aus mir, sie sind einstudiert. Eigentlich kämpfe ich damit, entdeckt zu werden, und auch damit, jemanden zu erreichen. Wenn ich nach den Sitzungen mit meinen Gefühlen alleine bin, sehne ich mich nach Fürsorge, fühle mich zurückgewiesen und möchte einfach nur sterben.

Trotz meiner melancholischen Kindheit bin ich sehr einfallsreich dahingehend, Aufmerksamkeit zu bekommen. Ich verfluche diese Ressourcen als Schatten dafür, wie schwer ich es habe. Ich glaube, es kann mir niemand helfen, weil ich so stark bin. Manchmal ist mir wiederum völlig klar, dass ich Probleme habe und Hilfe brauche. Ich hatte bereits viele schmerzvolle Diskussionen mit Menschen in meinem Umfeld, die mir geraten haben, therapeutische Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Auch wenn ich zugeben würde, dass ich eine Therapie brauche, so höre ich immer diese Stimme "Verrat, Verrat" in mir, was immer ich auch bekommen würde. So ist meine Frage, können Psychologen jedem helfen? Ist es nur mein Kopf mit "Ich will nicht", an dem ich scheitere? Und wenn dem so ist, können Sie mir sagen, was ich falsch mache?

Antwort: Meine sehr einfache Antwort auf Ihre abschließende Frage ist, dass es keine unmöglichen Klienten, sondern nur unpassende Therapeuten gibt. Viele hundert Male habe ich erlebt, dass Menschen von einem oder mehreren Therapeuten als "nicht therapierbar" bezeichnet wurden und dennoch mit anderen gut arbeiten konnten.

Die Forschung stellte gelegentlich die allumfassende Frage: Funktioniert Psychotherapie, und wenn ja, was ist es, das funktioniert? Die kurze Antwort darauf ist, dass Therapie oft hilft, und wenn sie (aus der Sicht des Klienten) hilft, dann aufgrund der Qualität der zwischenmenschlichen Beziehung zwischen den beiden Parteien. Nicht wegen der Wahl eines Therapeuten aufgrund seiner Methode oder Basisausbildung.

Therapeutische Welt

Unglücklicherweise geschieht es in der therapeutischen Welt, dass die Methode wichtiger als der Mensch wird, und das kann nicht funktionieren. Auch etwas, das wir heutzutage bei Themen, die Kinder und Jugendliche betreffen, beobachten können. Wenn ich die Formulierung "erfahren" in meiner Antwort verwende, dann deshalb, weil ausreichende Erfahrung die Abhängigkeit von einer Methode löst.

Nehmen wir Sie als Beispiel. So, wie ich mir Ihre Persönlichkeit und Ihre Probleme aufgrund Ihrer Beschreibung vorstelle, würde ich sofort drei unterschiedliche Therapieformen vorschlagen: Psychoanalyse, Gestalttherapie oder Körpertherapie (trotzdem, denken Sie daran: Die Methode macht 20 Prozent, der Therapeut, der diese Methode verwendet, 80 Prozent aus).

Vielleicht weisen Sie die Psychoanalyse als langweilig zurück, weil das passiert, was Sie gut können: sprechen und analysieren. Vielleicht weisen Sie die Gestalttherapie zurück, weil Sie hier stark mit Ihren Emotionen konfrontiert werden und sich nicht ausschließlich der Sprache bedienen.

Frage des Timings

Vielleicht lehnen Sie die Idee ab, dass jemand wie ein Körpertherapeut Ihrem Körper sehr nahe kommt. Die Entscheidung, trotzdem Ihrer inneren Stimme zu vertrauen, liegt bei Ihnen. Das große ungeklärte Mysterium der Psychotherapie liegt allerdings im "Timing". Ich selbst habe viele Klienten getroffen, die mit vielen großartigen, seriösen und verantwortlichen Therapeuten gearbeitet haben und keinen Schritt weiterkamen. Oft haben sie ihre Therapeuten viele Jahre später für drei oder vier Sitzungen wiedergetroffen, und diese waren genug, um das ursprüngliche Problem zu lösen.

Auch ich war zu den verschiedensten Themen Klient. Manchmal mit großem Erfolg, manchmal mit keinem. Ob das mit den Methoden, dem "Timing", der Persönlichkeit oder der Hingabe des Therapeuten oder schlicht mit mir selbst zusammenhing, ist sehr schwer zu beurteilen.

Keine billigen Projektionen

Wenn wir wirklich Hilfe brauchen, so ist in erster Linie wichtig, einen Professionisten zu finden, dem wir vertrauen und mit dem wir uns als Person wohlfühlen. Ein Mensch, der sowohl zuhören als auch verstehen, unterstützen und fordern kann. Die Angst, sein Selbstbild zu verlieren, ist ein ständiger Begleiter auf dieser Reise. Ob dieser Mensch nun ein Psychiater, Psychologe, Psychotherapeut oder Schamane ist, ist weniger wichtig. Das Wichtigste dabei ist, dass es eine verantwortliche Fachperson ist, die mit keinen billigen Projektionen Menschen verleitet.

Ich verstehe ihren Wunsch nach "Gesehenwerden" – eine Erfahrung, wie ich übrigens meine, die das Herzstück einer erfolgreichen Psychotherapie ist –, und ich hoffe, dass Sie die Energie haben, Ihre Suche weiterzuführen. Jeder Mensch verdient es, gesehen zu werden, weil es einfach menschlich ist. (Jesper Juul, derStandard.at, 16.11.2014)

Jesper Juul, geboren 1948 in Dänemark, ist Lehrer, Gruppen- und Familientherapeut, Konfliktberater und Buchautor. Er studierte Geschichte, Religionspädagogik und europäische Geistesgeschichte. Statt die Lehrerlaufbahn einzuschlagen, nahm er eine Stelle als Heimerzieher und später als Sozialarbeiter an und ließ sich zum Familientherapeuten ausbilden. Er ist Begründer des Family Lab.

Auf derStandard.at/Familie beantwortet Jesper Juul alle zwei Wochen Fragen zu Erziehung, Partnerschaft und Familienleben. Die nächste Kolumne lesen Sie am 30. November.

  • Familientherapeut, Autor und STANDARD-Kolumnist Jesper Juul.
    foto: family lab

    Familientherapeut, Autor und STANDARD-Kolumnist Jesper Juul.

  • Diese Serie entsteht in Kooperation mit familylab Österreich.
    foto: family lab

    Diese Serie entsteht in Kooperation mit familylab Österreich.

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