Audi Future Award: Mit Daten Mauern einreißen

Ansichtssache13. November 2014, 17:00
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Der heurige Audi Urban Future Award ging nach Mexiko-Stadt für eine Datenplattform, mit der Ordnung in das Verkehrschaos der Metropole gebracht werden soll. Seoul, Boston und Berlin gingen leer aus

visualisierungen: audi urban future initiative

Berlin - Alles dreht sich um die Mauer: Der 25. Jahrestag des Mauerfalls wurde in der deutschen Hauptstadt vergangenes Wochenende von Hunderttausenden gefeiert. Auch bei der Verleihung des Audi Urban Future Award am Montag war sie Thema: "Wie können wir die Mauern zwischen Autos und Städten überwinden?", fragte Audi-CEO Rupert Stadler, der seit 2010, biennal, den mit 100.000 Euro weltweit höchstdotierten Preis für innovative Mobilitätslösungen verleiht.

So viel vorweg: Eine autofreie Stadt spielt es, wenn ein Autokonzern die Finger im Spiel hat, naturgemäß nicht. Einig waren sich die Teams aus Seoul, Mexiko-Stadt, Boston und Berlin aber, dass zu viele Autos von durchschnittlich zu wenigen Menschen benutzt werden und sie zu viel Platz in den Städten einnehmen. Diese Probleme wollen sie mithilfe von Autos lösen.

Erste Station einer fiktiven Weltreise: Seoul, Stadtteil Gangnam. Nicht das Viertel wurde nach dem Song benannt, sondern umgekehrt. Es ist die wohlhabendste Gegend Südkoreas, und die mit den meisten Verkehrsproblemen. In den letzten Jahren ist die Anzahl an Autos sechsmal so stark gewachsen wie die Bevölkerung. Mit der Rolle des Autos in der Gesellschaft beschäftigt sich das Team rund um den Ethnografen Sung-gul Hwang: Ihr Auto der Zukunft soll über spielerische Anreize soziales Verhalten im Straßenverkehr belohnen und als Erlebnismaschine dienen - und sich, wenn es nicht benutzt wird, nützlich machen. Etwa, indem seine Akkus solare Energie speichern. Strom, mit welchem in der Nacht die Stadt erhellt wird.

Im Bild: das Auto als Erlebnismaschine von Team Seoul

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visualisierungen: audi urban future initiative

Schauplatzwechsel: Berlin, "Urban Tech Republic". Wo heute noch der Flughafen Berlin-Tegel steht, soll in den nächsten Jahren eine Werkstatt der Zukunft entstehen. Ideales Testgelände also für den Architekten Max Schwitalla und sein Team, die hier urbane Verkehrsmittel miteinander kombinieren, damit Wartezeiten verringern und die "letzte Meile" überwinden wollen. Auch hier eine Mauer-Metapher: "25 Jahre später wollen wir die Mauer zwischen Individual- und öffentlichem Verkehr niederreißen", sagt Schwitalla. Autonom fahrende Autos sollen eine stillgelegte Hochbahntrasse befahren, die Menschen so vom Forschungszentrum zur U-Bahn gelangen.

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Sprung über den Atlantik: Team Boston hat sich den hippen Vorort Somerville als Testgelände für eine Software ausgesucht, die die Auswirkung von Zukunftstechnologie auf die Stadtstruktur untersucht. So will es etwa errechnen, wie viel kleiner ein Parkhaus dank selbstparkender Autos sein kann. Von der gewonnenen Fläche kann die Stadt profitieren.

Im Bild: Parkgarage für selbstparkende Autos von Team Boston

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Letzte Station: Mexiko-Stadt. 22 Millionen Menschen leben hier, neun Millionen Fahrzeuge gibt es. 265.000 Pendler brauchen täglich drei Stunden in den Geschäftsbezirk Santa Fe. Zur Rushhour bewegen sich die Autofahrer im Schnitt mit sechs Stundenkilometern durch die Megastadt - also langsamer, als sie vor hundert Jahren mit der Straßenbahn unterwegs waren.

Das Team rund um Harvard-Professor Jose Castillo hat eine öffentliche Datenplattform entwickelt, die die Verkehrsplanung vereinfachen soll. Die Daten stammen von den Verkehrsteilnehmern selbst, die zu anonymen und freiwilligen Datenspendern werden. Menschen seien nämlich dazu bereit, ihre Mobilitätsdaten zu teilen, wenn der individuelle Nutzen - also weniger Stau - größer ist als ihre Datenschutzbedenken. 14.000 Datensätze wurden bisher gesammelt. Diese stehen allen zur Verfügung und sollen dazu einladen, Lösungen zu erarbeiten.

Damit haben sie die Jury überzeugt, die dem sichtlich gerührten Team den Audi Urban Future Award überreichte: Das Projekt liefere konkrete, bezahlbare Lösungen für Mobilitätsprobleme in den Megacitys der Schwellenländer - jener Länder also, die dabei sind, Mauern zu überwinden. (Franziska Zoidl, DER STANDARD, 14.11.2014)

Hinweis im Sinne der redaktionellen Leitlinien: Die Teilnahme an internationalen Fahrzeug- und Technikpräsentationen erfolgt großteils auf Basis von Einladungen seitens der Automobilimporteure oder Hersteller. Diese stellen auch die hier zur Besprechung kommenden Testfahrzeuge zur Verfügung.

Im Bild: Verkehrsteilnehmer als Datenspender in Mexiko Stadt

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