Die Nöte des Afrika-Cups

13. November 2014, 15:18
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Im Jänner sollte in Marokko ein Fußballfest steigen, doch die Panik vor einer Ausbreitung der Ebola-Epidemie stürzt die Organisation ins Chaos. Katar bietet sich als Veranstalter an

Es ist nicht auszuschließen, dass der 30. Afrika-Cup im Jänner 2015 tatsächlich stattfinden wird. Aber das Gegenteil davon auch nicht. Nach dem sich über Monate abzeichnenden Rückzug von Ex-Veranstalter Marokko sucht der Kontinentalverband CAF immer noch einen kurzfristigen Ersatz. In Marokko siegte die Furcht vor einer Ausweitung der in Teilen Westafrikas wütenden Ebola-Epidemie über den Wunsch, Gastgeber zu sein.

Angeblich, sagt der Verband, gibt es Interessenten für eine kurzfristig anberaumte "Coupe d'Afrique des Nations" (CAN). Wer am Kontinent hinter diesem behaupteten Interesse stecken könnte, ist derzeit aber rätselhaft. Von vielen logischen Alternativen - Angola, Ägypten, Ghana, Nigeria, Südafrika - war bereits das ein oder andere Dementi zu vernehmen. Algerien gilt bei Spekulanten als möglicher Kandidat.

Offiziell interessiert ist nur ein Land, das nicht in Afrika liegt und das der CAF deshalb angeblich nicht berücksichtigen will: "Wenn Katar offiziell gefragt wird, ist es zu jeder Hilfe bei der Ausrichtung des Afrika-Cups bereit", sagte der dortige Verbandspräsident Scheich Hamad bin Khalifa bin Ahmed al-Thani. Eine Entscheidung soll noch in dieser Woche fallen.

Marokko ist ganz raus

Ob der Afrika-Cup nun stattfindet oder nicht, Marokko wird dabei fehlen. Als Veranstalter war man fix qualifiziert, als nunmehriger Nicht-Veranstalter hat man hingegen keine Qualifikation gespielt. Darüber hinaus droht dem Verband eine längere Sperre für weitere Turniere. Gerüchteweise könnte der CAF ein Exempel statuieren und den Maghreb-Staat erst nach der WM 2022 wieder rehabilitieren.

Vielleicht wäre Marokkos Bitte, das Turnier erst 2016 austragen zu dürfen, am Ende doch für alle der einfachste Weg aus der Misere gewesen. Auch wenn ein Rattenschwanz an organisatorischen und vertraglichen Fragen am Austragungstermin hängt. Der Afrika-Cup ist nicht nur eine bedeutende Quelle für die Finanzierung des afrikanischen Fußballs. Sponsoren und Partner haben das an internationaler Popularität stetig gewinnende Turnier in ihren Marketing-Strategien verwoben, Vereine weltweit müssen ihre Stars für die Dauer des Turniers abstellen. Und die Qualifikation endet bereits in einer Woche. Zudem soll 2017 bereits der nächste CAN stattfinden.

Turbulente Geschichte

Der CAF will keinen Präzedenzfall für eine Verschiebung setzen und reagiert empfindlich auf entsprechende Zurufe. Sein Präsident Issa Hayatou meinte im französischen TV kürzlich, eine solche Verschiebung wäre wie ein "Todesurteil" über den afrikanischen Fußball. Man befürchtet eine falsche Message zu senden und für Partner künftig als unzuverlässig zu gelten. In seiner bis 1957 zurückgehenden Geschichte musste das Turnier tatsächlich noch nie abgesagt oder verlegt werden. Auch als 2010 in Angola eine Separatistengruppe den togolesischen Mannschaftsbus attackierte und dabei drei Menschen tötete, ging das Turnier über die Bühne.

Der erste Veranstalterwechsel wäre es aber nicht. 1988 fiel Sambia aus, 1994 Zaire (die heutige Demokratische Republik Kongo), 1996 Kenia. 2000 wurde Simbabwe die Veranstaltung entzogen, weil das Land vom CAF für nicht gut genug vorbereitet befunden wurde. 2013 sollte ursprünglich in Libyen gekickt werden, dann kam der dortige Bürgerkrieg in die Quere. Südafrika sprang ein und tauschte seine 2017er-Ausgabe. Da Libyen nach wie vor nicht stabil ist, zog es sich von diesem Ersatztermin nun zurück. Auch das 60-Jahre-Jubiläum der Afrikameisterschaft steht deshalb zwei Jahre im Vorfeld noch ohne Veranstalter da.

Ob Marokko mit der Verlegung tatsächlich richtig gelegen wäre oder ob das eine Panikreaktion auch im Image-Dienste seiner so wichtigen Tourismus-Branche war, wird hitzig diskutiert. Ebola ist ein furchterregendes Ungetüm und der aktuelle Ausbruch des Virus hat bisher bei etwa 14.000 gemeldeten und fast 9.000 bestätigten Krankheitsfällen über 5.000 Menschen getötet. Aber es treibt derzeit eben "nur" in 3 von 53 Ländern des Kontinents (Guinea, Sierra Leone, Liberia) sein Unwesen, die sich zudem nach aktuellem Stand alle nicht für den CAN qualifizieren werden. Lediglich Guinea hat noch einigermaßen realistische Chancen.

Besucherströme

Aber selbst wenn sich ein betroffenes Land qualifizieren würde: Der Afrika Cup ist für gewöhnlich kein Auslöser von Fan-Völkerwanderungen wie man es von einer Welt- oder Europameisterschaft kennt. Zwar erwartete Marokkos Sport- und Gesundheitsminister Mohamed Ouzzine in einer eher präzisionsverachtenden Prognose zwischen 200.000 und 1.000.000 Zuseher für den CAN in seinem Land. Aber die Vergangenheit zeigt: Wenn das Heimteam nicht spielt, sind leere Stadien keine Seltenheit. Als etwa der Sudan und Burkina Faso 2012 in der Gruppenphase gegeneinander spielten, gab es offiziell 132 Besucher im 40.000er Stadion in Bata (Äquatorial-Guinea).

Ebenso teuer wie die überdimensionierte Stadion-Infrastruktur nunmal für viele Länder ist, sind eben auch die weiten Reisen über den riesigen Kontinent für Fans aus armen Ländern kaum zu finanzieren. "Es ist unrealistisch mehr als 1.000 Fans vom Rest des Kontinents zu erwarten, die nicht von einer unmittelbaren Nähe zur Veranstaltung profitieren", argumentierte der CAF. Die von Ebola betroffenen Länder sind ungefähr so weit von Marokko entfernt, wie Griechenland und die Türkei von EM-Gastgeber Frankreich.

"Unsere Sorge gilt der Gesundheit Afrikas", sagte Ouzzine. Man richte sich nach Berichten und Richtlinien der Weltgesundheitsorgansiation (WHO). Ein Vertreter der WHO wollte und konnte sich auf Anfrage von derStandard.at aber nicht festlegen, ob Marokko (oder ein anderes Land) den Afrika-Cup derzeit durchführen sollte oder nicht. Er erklärte lediglich, eine Entscheidung müsse auf einer Abwägung von Risiken unter speziellen lokalen Gegebenheiten und den positiven Nachwirkungen eines solchen Events basieren.

Ebola hemmt auch den Fußball

Eine mitunter panische Angst vor Ebola, die sich Kritikern zufolge durchaus auch mit hässlichen Vorurteilen gegenüber Afrika paart, betrifft seit Monaten auch den Fußball. Ein griechischer Zweitligist ließ auf Ministeriums-Zuruf seinen Spieler John Kamara aus Sierra Leone im Oktober zeitweilig nicht mit der Mannschaft trainieren, obwohl der seit einem Jahr nicht mehr in seiner Heimat gewesen war. Kamara reagierte bei seinem nächsten Spiel mit einem T-Shirt, auf dem stand: "Wir sind Westafrikaner. Wir sind kein Virus."

Die bisherige Afrika-Cup-Qualifikation blieb ebenfalls nicht unbeeinflusst. Derzeit lassen manche europäische Klubs ihre afrikanischen Kicker nicht zu Teamspielen reisen. Borussia Dortmunds Pierre-Emerick Aubameyang etwa darf nicht zu Gabuns entscheidenden Spielen gegen Angola und Lesotho.

Die Seychellen schieden lieber aus der Quali aus, als gegen Sierra Leone zu spielen. In der DR Kongo wurden Sierra Leones (allesamt im Ausland engagierten) Spieler mit "Ebola"-Schmährufen bedacht, in Kamerun wurden sie in ihrem Hotel praktisch unter Quarantäne gesetzt. Die betroffenen Länder dürfen derzeit keine Spiele auf heimischem Boden bestreiten (und weichen dafür unter anderem nach Marokko aus).

Spitzenteams zittern um Teilnahme

Bleibt bei aller Aufregung noch der sportliche Aspekt, der bei diesem herrlichen Turnier zu oft in den Hintergrund gedrängt wird. Die Qualifikation für den CAN 2015 wird am kommenden Mittwoch abgeschlossen. Fix dabei sind bisher nur die kleinen Kapverden (2013 sensationell im Viertelfinale) und WM-Achtelfinalist Algerien. Große Teams wie die Elfenbeinküste und Nigeria haben im Moment noch kein Ticket gelöst und auch Rekordsieger Ägypten zittert zwei Runden vor Quali-Schluss als bester Gruppendritter noch merkbar um die Berechtigung zur Reise ins unbekannte Land. (Tom Schaffer, derStandard.at, 13.11.2014)

  • Ob und wo Nigeria seinen Afrika-Cup-Titel 2015 verteidigen kann, hängt nicht nur davon ab, ob sich die Mannschaft sportlich noch qualifizieren kann.
    foto: ap

    Ob und wo Nigeria seinen Afrika-Cup-Titel 2015 verteidigen kann, hängt nicht nur davon ab, ob sich die Mannschaft sportlich noch qualifizieren kann.

  • Fest steht: In Marokko wird nicht gespielt. Der ursprüngliche Veranstalter winkte aus Angst vor Ebola ab. Seine Mannschaft wurde in der Folge ausgeschlossen.
    foto: apa

    Fest steht: In Marokko wird nicht gespielt. Der ursprüngliche Veranstalter winkte aus Angst vor Ebola ab. Seine Mannschaft wurde in der Folge ausgeschlossen.

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