"Premier League braucht gute Stimmung"

Interview13. November 2014, 13:39
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Der Sozialwissenschafter Geoff Pearson forscht zum Wandel der englischen Fankultur. Im ballesterer-Interview spricht er über Banker, die sich gehen lassen wollen, und erklärt, warum die Polizei lernen muss, ein Auge zuzudrücken

Fans in England begehren auf gegen die Überregulierung des Fußballs, sagt Geoff Pearson. Der Sozialwissenschafter hat über 16 Jahre hinweg Anhänger bei Blackpool, Manchester United und beim Nationalteam erforscht. Im Ausland werden die Fans oft als Hooligans verkannt, im Stadion stellen sie eine Herausforderung für die Ordnungskräfte dar, und die Premier League hofft auf ihre Gesänge.

ballesterer: Sie haben Fans begleitet, die viel trinken, Stimmung machen und sich auch mal Ärger mit den Ordnungskräften einhandeln. Haben Sie eine bedrohte Spezies erforscht?

Geoff Pearson: Das glaube ich nicht. Allerdings fühlen sich diese Fans tatsächlich in ihrer Existenz bedroht und sagen, dass früher mit den terraces alles besser war. In Fanforen und auf Twitter sind sehr oft Videos von Fansektoren aus den 1970er Jahren zu sehen, so unter dem Motto: "Wisst ihr noch, so war es einmal auf unserer Tribüne!" Vor dem Derby sind die Foren in Manchester voll mit solchen Links. Die Fans nutzen also neue Medien, um an vergangene Tage zu erinnern. Das hat auch Auswirkungen auf ihr Verhalten. Auf Facebook und Twitter heißt es dann zum Beispiel: "Lasst uns doch mal diesen Chant aus den 1970ern probieren."

ballesterer: Ihre Forschung erstreckt sich von 1995 bis 2011. In dieser Zeitspanne hat sich der englische Fußball dramatisch verändert. Wie hat sich das auf die Fans niedergeschlagen?

Pearson: Viele haben sich vom heutigen Stadionfußball komplett entfremdet. Entweder weil sie es sich nicht mehr leisten können oder weil sie die Stimmung einfach schlecht finden. Sie schauen sich die Spiele lieber im Pub an – dort können sie stehen und trinken, außerdem ist es viel billiger. Als ich mit meiner Forschung angefangen habe, hat es die terraces noch gegeben, heute ist der Fußball stark reglementiert. Damals sind die Fans früh ins Stadion gekommen, um sich ihren Platz zu sichern und als Gruppe zusammenzustehen. Heute ist es unmöglich, zehn Plätze nebeneinander zu bekommen. Wenn du also Zeit mit Freunden verbringen willst, gehst du erst spät ins Stadion, weil du dort sowieso nicht mit ihnen zusammen bist. Die Fans, die ich begleitet habe, sind mehr am sozialen Ereignis als am Sport selbst interessiert. Wenn sie die ersten fünf Minuten des Spiels verpassen und dafür im Pub noch ein Pint mit ihren Freunden trinken können, stört sie das nicht.

ballesterer: Fußball ist viel teurer geworden. Wie wirkt sich das auf die soziale Zusammensetzung im Stadion aus?

Pearson: Die Demografie hat sich verändert, Menschen aus der Arbeiterklasse sind verdrängt worden. Ich weiß aber nicht, ob das auch einen Einfluss auf die Atmosphäre hat. Ich habe noch keine Belege dafür gesehen, dass die Arbeiterklasse lauter singt als die Mittelschicht. Es gibt die Vorstellung vom unterdrückten Arbeiter, der die ganze Woche über schuftet und sich auf den Samstagnachmittag freut, an dem er endlich trinken, singen und feiern kann, um das Elend seiner Existenz zu vergessen. Das mag stimmen, aber genau dieselben Geschichten haben mir auch Fans aus dem Mittelstand erzählt – wie der Banker aus London, der am Samstag endlich keinen Abzug mehr tragen und seine Zeit mit anderen Bankern verbringen muss, sondern sich im Stadion gehenlassen kann.

ballesterer: In Ihrem Buch beschreiben Sie Fans, die beim Fußball den Gegensatz zum Alltag und die Grenzüberschreitung suchen. Ist das nicht auch das, was den Fußball vermeintlich gefährlich macht?

Perason: Ja. Dieser Mythos beruht auf der Massenpsychologie des 19. Jahrhunderts. Es hält sich die Vorstellung, dass Individuen in der Masse ihre Identität verlieren und gefährlich werden. Die moderne Sozialpsychologie hat gezeigt, dass das Verhältnis zwischen Individuum und Masse weitaus komplexer ist. Die Frage ist, wie man auf Menschenmengen ordnungspolitisch reagiert. Die Polizei kann auch mit einer großen Ansammlung, die betrunken ist, laut singt, sich amüsieren und Grenzen überschreiten will, gut umgehen. Dieses Bild der Menge als potenzielle Gefahr dient häufig nur als Rechtfertigung für Polizeieinsätze in voller Kampfmontur, was die Situation oft genug überhaupt erst eskalieren lässt. Als Everton Ende Oktober in der Europa League in Lille gespielt hat, ist die Polizei mit Gummigeschossen und Pfefferspray gegen die englischen Fans vorgegangen. Sie hat auf dieselbe Strategien gesetzt wie schon bei der WM 1998 in Marseille. Wenn sie sich bei der EM 2016 genauso verhält, wird es auch dort Ausschreitungen geben. Derartige Polizeistrategien sind komplett überholt.

ballesterer: Beruhen solche Einsätze nicht auch auf ebenfalls längst überholten Vorstellungen von englischen Fans als Hooligans?

Pearson: Sicher, die englischen Fans haben immer noch diesen Ruf. Bei Auswärtsfahrten passieren zwei Dinge: Die Polizei neigt dazu, hart gegen sie vorzugehen, was zu Auseinandersetzungen führen kann. Und die Heimfans in so ziemlich jeder großen Stadt in Europa fühlen sich verpflichtet, englische Fans körperlich herauszufordern – egal ob sie Hooligans sind oder nicht. Häufig gibt es dann spät am Abend einen Angriff von lokalen Fans, Ultras oder Hooligans auf eine Bar, in der englische Fans feiern. Das führt zu weiteren Polizeieinsätzen und verstärkt den Ruf, dass englische Fans Ärger bedeuten.

ballesterer: Gibt es außerhalb von Filmen und Büchern denn überhaupt noch Hooligans?

Pearson: Fans, die zu Spielen fahren, weil sie auf Gewalt aus sind, gibt es schon noch. Jeder Premier-League-Klub hat noch eine Firm, auch wenn das meistens nicht mehr als 40 Leute sind. Die Polizei kennt diese Gruppen und schafft es meistens, sie auseinanderzuhalten. Die großen Hooliganschlachten sind Vergangenheit, sie existieren wirklich nur noch in Filmen und Büchern. Wenn du heute als Hooligan beim Fußball eine Schlägerei anfängst, musst du damit rechnen, identifiziert zu werden und ein Stadionverbot von fünf Jahren zu bekommen. Für einen 40- oder 50-Jährigen ist das eine sehr lange Zeit.

ballesterer: Welche Auswirkung haben die strengen Hausordnungen in den Stadien?

Pearson: Das Alkoholverbot hat die Fankultur stark beeinflusst, nicht nur weil die Fans später aus dem Pub ins Stadion gehen. Sie trinken auch schneller und sind betrunkener – das ist also eine kontraproduktive Maßnahme. Andere Verbote werden mittlerweile lockerer gehandhabt. Heute stehen zum Beispiel sicher mehr Fans als noch vor zehn Jahren.

ballesterer: Die Zahl der Verhaftungen wegen Pyrotechnik ist aber massiv gestiegen.

Pearson: Das stimmt. Pyrotechnik wird auch deswegen häufiger eingesetzt als früher, weil Fans sehen, was auf dem Kontinent passiert. Sie halten Bengalen und Choreos für einen Ausdruck authentischer Fankultur. Daraus spricht auch der Wunsch nach weniger Kontrolle. Fans haben das Gefühl, sie müssen die Grenzen überschreiten, um ihre Fankultur zu retten. Du stehst also, zündest Bengalen, trinkst im Stadion – gerade weil du das alles nicht darfst. Es gibt in allen Stadien des Landes einen Aufstand gegen diese Regeln. Die Verantwortlichen müssen allerdings erst begreifen, dass noch mehr Regeln nichts helfen werden, sie sind ja Teil des Problems.

ballesterer: Aber wie würde ein sinnvoller Umgang damit aussehen?

Pearson: Die Behörden müssen realistisch sein. Man kann eine Menschenmenge nicht mit einer "Null Toleranz"-Politik kontrollieren und jeden Gesetzesverstoß mit einer Verhaftung ahnden. Bei vielen Regeln gibt es auch viele Verstöße. Wenn Pyrotechnik als gefährlich eingeschätzt wird, müssen die Behörden deswegen dagegen einschreiten. Wenn aber gleichzeitig Leute verhaftet werden, weil sie betrunken ins Stadion wollen, wenn Fans aus dem Stadion geworfen werden, weil sie zu lange stehen – dann vermischen sich all diese Maßnahmen. Fans können dann nicht nachvollziehen, was als gefährlich eingestuft wird und was nicht. Daher werden sie Polizisten und Ordner auch nicht unterstützen. Der Schlüssel für die erfolgreiche Kontrolle einer Menschenmenge ist es, ihr Vertrauen zu gewinnen und nicht als Feind betrachtet zu werden.

ballesterer: Kann das gelingen?

Pearson: Ja. Die Polizei in Frankfurt bei der WM 2006 in Deutschland wäre so ein Beispiel. Als nach dem Spiel gegen Paraguay Ausschreitungen drohten, sind die Polizisten allein oder zu zweit in die Menge gegangen, haben mit den Fans gesprochen und deeskaliert. Das wäre nicht möglich gewesen, wenn sie die ein, zwei Tage zuvor ständig Leute verhaftet hätten, weil sie auf Tischen gestanden sind oder Gläser kaputtgemacht haben. Die englische Polizei muss lernen, dass es manchmal besser ist, nicht einzugreifen.

ballesterer: Eine Fankultur, die Grenzen überschreiten will, klingt aber nicht unbedingt so, als würde das zum Image der Premier League passen.

Pearson: Das stimmt schon, Teil der Marke Premier League ist aber auch, dass die Stadien voll sind und die Leute nahe am Spielfeld sind. Wenn die Stimmung schlechter wird, wenn es keine Auswärtsfans mehr gibt, wenn man leere Sitze sieht – dann leidet die Marke darunter. Die Verantwortlichen der Premier League sind jetzt schon sehr besorgt über den guten Ruf der deutschen Bundesliga. Dort sind die Stadien größer und voller, die Menge ist lauter – und es gibt keine Ausschreitungen auf den Tribünen. Die Bundesliga ist eine Bedrohung für die Premier League. Die englischen Funktionäre wissen auch, was in der Serie A passiert ist. Das war die mit Abstand wichtigste und lauteste Liga der Welt, heute sind die Stadien halbleer – auch wegen der harten Gesetze. (Nicole Selmer, Ballesterer, 13.11.2014)

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