Handgranatenmord: Geständnis des stummen Angeklagten

12. November 2014, 15:48
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Zwei Männer und eine Frau sitzen wegen eines Doppelmordes vor Gericht. Der Haupttäter bekennt sich schuldig, will aber nicht aussagen, die Mitangeklagten leugnen

Wien – "Ich habe über mein Leben nachgedacht und welche Fehler ich gemacht habe", erzählte Kristijan H. der Polizei über die Momente, bevor er am 11. Jänner einen noch größeren Fehler machte – und zwei Menschen tötete. Einen mit drei Schüssen aus seinem Revolver, den zweiten durch eine Handgranate. Nun sitzt er gemeinsam mit seiner Schwester und einem Freund vor dem Geschworenengericht unter Vorsitz von Martina Krainz und muss sich wegen Mordes verantworten.

Staatsanwalt Leopold Bien erklärt in seinem mehr als einstündigen Eröffnungsplädoyer ausführlich, warum die beiden Männer sterben mussten: wegen des Streits um Erlöse aus illegalen Geschäften.

Die Geschichte beginnt Monate zuvor. Der 35-jährige H. ist selbstständig, hat zwei Unternehmen, 100.000 Euro Kreditschulden sowie ein kleines Kind. Und einen Plan: Er will mit dem Verkauf von unversteuertem Diesel viel Geld verdienen.

Der Reiz des Geldes

Er ist lose bekannt mit Mitgliedern eines Schmuggelrings in seiner Heimat Salzburg, die schon groß in diesem Geschäft sind. "Der Reiz des Geldes hat ihn motiviert", wirft ihm Bien vor.

Der von Marcus Januschke verteidigte H. suchte sich also einen Partner in Oberösterreich, der eine Mini-Spedition betrieb und einen Deutschen als Strohmann an der Hand hatte. Der Steuerbetrug ging recht einfach. Der Strohmann gründete eine Firma und meldete beim Finanzamt an, eine Tanklasterladung Diesel einführen und verkaufen zu wollen.

Dafür musste er 12.000 Euro hinterlegen, Geld, das von H. und seiner Schwester kam. Allerdings wurden nicht eine, sondern 50 Ladungen aus Deutschland importiert und primär in Niederösterreich abgesetzt. Unversteuert. Der Gewinn innerhalb von zwei Monaten: rund 800.000 Euro.

Komplize tauchte nicht unter

Doch dann tauchten Komplikationen auf: Dass die Finanz dem Betrug auf die Spur kam, war noch einkalkuliert. Der Deutsche hätte daraufhin einfach untertauchen und ins Ausland gehen sollen. Im November 2013 meldete er sich tatsächlich ab – doch er verschwand nicht.

Bereits im Herbst soll H. also Mordpläne geschmiedet haben, wirft ihm der Ankläger vor. Der erste Gedanke: eine Rohrbombe. Die besorgte er sich sogar von Dejan V., dem Drittangeklagten.

H. änderte seine Meinung. Und orderte "ein Arsenal des Todes", wie es Bien markig nennt. Für 20.000 Euro wollte er ein Scharfschützengewehr, zwei Maschinenpistolen, zwei Revolver, eine Handgranate und eine Sprengfalle. Im Endeffekt wurden es ein Sturmgewehr, ein Revolver und eine Handgranate, eine zweite besorgte ihm sein Vater.

Die Zeit begann zu drängen: Mittlerweile hatte der deutsche Komplize beim Finanzamt ausgesagt, von H. und seiner Schwester kannte er allerdings nur Decknamen. Dazu forderten laut H. der Spediteur und der Deutsche mehr Geld und sollen ihn angeblich bedroht haben.

Diesellieferung als Falle

In die Falle lockte H. seine Opfer mit dem Versprechen, eine weitere Treibstofflieferung einfädeln zu können. Sie sollten zu einem Treffen in Wien 20.000 Euro mitnehmen. Einen Tag vor der Tat fuhr H. mit seiner Familie nach Wien und nahm eine Drei-Zimmer-Suite in einem Nobelhotel.

Wo er, nach seiner Darstellung, seine Schwester und seinen Freund, den Waffenlieferanten, in das Komplott einweihte. Gemeinsam fuhr man in der Nacht dann nach Ottakring, um die Opfer zu treffen.

Das geschah, der Spediteur übergab das Geld, das der Drittangeklagte in Empfang nahm, H. setzte sich auf die Rückbank des Autos – und begann über sein Leben nachzudenken.

Ein Prozess, der damit endete, dass H. seinen Revolver auf den Spediteur richtete und dreimal abdrückte, ehe die Waffe nicht mehr funktionierte. Also entsicherte er die Granate und warf sie nach vorne in den Fußraum des Beifahrersitzes, auf dem der Deutsche saß. Dann sprang er aus dem Wagen, warnte V. und lief davon.

"Die letzten paar Sekunden seines unverletzten Lebens müssen für das Opfer furchtbar gewesen sein", malt sich Staatsanwalt Bien die Situation aus. Denn der Deutsche war mit einem Gewicht von 124 Kilogramm eher unbeweglich, er schaffte es aber noch, den Sprengkörper in die linke Hand zu bekommen, ehe er detonierte.

Tod nach einer dreiviertel Stunde

"Das zerfetzte ihm die Hand und riss eine tiefe Wunde in den Oberschenkel", schildert Bien. "Aber es tötete ihn noch nicht." Das Opfer fiel ihn Ohnmacht und starb erst eine dreiviertel Stunde später an durch die Explosion ausgelösten inneren Blutungen.

Er war nicht das einzige Explosionsopfer. Denn der Drittangeklagte V. entfernte sich nicht rasch genug, ein Granatensplitter bohrte sich in seinen Oberschenkel.

Was für seinen Verteidiger Ernst Schillhammer das schlagende Argument ist, warum sein Mandant nichts von dem geplanten Mord wissen konnte: "Glaubt wirklich irgendjemand, dass jemand, der weiß, was passiert, stehen bleibt?", fragt er die Geschworenen.

V. habe nur, wie auch die von Nikolaus Rast vertretene Schwester des Angeklagten, gedacht, H. brauche die Waffen für eine etwaige Selbstverteidigung, argumentiert Schillhammer.

Dass der geständig Erstangeklagte seine Schwester und seinen Freund von Beginn an belastete, liege daran, dass er es auf Milderungsgründe absieht, mutmaßt der Verteidiger.

Verlesung der Protokolle

Der Erstangeklagte will nicht aussagen, sondern verweist auf seine Erklärungen bei der Polizei, die daher von Krainz und ihrer Kollegin verlesen werden müssen.

Ein Detail daraus: Nach der Tat flüchtete das Trio und fuhr ziellos durch das nächtliche Ottakring, als ein Streifenwagen hinter ihnen auftauchte – der plötzlich sogar das Blaulicht einschaltete und sie überholte. Allerdings nicht wegen ihnen, denn bei der nächsten Kreuzung bog die Polizei ab.

Am Donnerstag wird fortgesetzt. (Michael Möseneder, derStandard.at, 12.11.2014)

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