Symptomjagd mit Insekten in der Brust

12. November 2014, 17:35
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Filmregisseur David Cronenberg debütiert in "Verzehrt" als Romancier

Wien - Als David Cronenbergs Spielfilm Eine dunkle Begierde vor vier Jahren in die Kinos kam, waren viele Fans enttäuscht. In der dialoglastigen Dreiecksgeschichte vermissten sie, wofür der kanadische Regisseur berühmt war. Der Horror aus dem Körperinneren, die Mutationen der menschlichen Gestalt, die um bizarre Instrumente erweiterte Physis, all dies fehlte im Zusammenspiel der drei zentralen Figuren, der beiden Psychoanalytiker Sigmund Freud und C. G. Jung sowie der Patientin Sabina Spielrein.

Zu Filmen wie Dead Ringers (1986) oder eXistenZ (1999) verhielt sich Eine dunkle Begierde wie die Psychoanalyse zu den Symptomen, die sie zu bändigen versucht. So wie in der Redekur Ängste, Aggressionen und Panikzustände im Sprechen aufgefangen werden, so überführt Eine dunkle Begierde das Formlose, Ungestalte, den "body horror" der früheren Filme in ein reifes, makellos inszeniertes "period piece". Was die Fans seinerzeit übersahen, war, dass Cronenberg seinem zentralen Motiv treu blieb: Der Umstand, dass man nicht Herr im eigenen Haus ist, treibt die Fiktion hier wie dort an.

Als Regisseur hat Cronenberg mehrmals literarische Vorlagen anderer adaptiert, etwa Burroughs' Naked Lunch oder J. G. Ballards Crash. Nun hat er selbst einen Roman geschrieben: Verzehrt (Consumed). Und in diesem späten Debüt - Cronenberg ist 71 - ist nun alles wieder so, wie man es von früher kennt. Die Grenzanlagen zwischen Körperoberfläche und -innerem sind abgebaut; in der Brust einer Figur wimmeln echte oder imaginäre Insekten; dieselbe Figur, eine französische Philosophin namens Célestine Arosteguy, leidet an einem Symptom namens Apotmenophilie: Sie verspricht sich sexuelle Lust von der Amputation eines Körperteils.

Eine andere Figur schneidet sich andauernd ins eigene Fleisch und isst Brocken ihrer selbst. Dann gibt es noch diejenigen, die ihre Körper mit Geräten verschalten, sodass sie Einschränkungen nicht nur ausgleichen, sondern ihre Fähigkeiten erweitern.

Im Mittelpunkt von Verzehrt stehen Naomi und Nathan, ein Paar, das wie die Arosteguys das Metier teilt. Beide arbeiten als Journalisten, Nathan an einer Geschichte über einen Chirurgen, Naomi konzentriert sich auf die Story der französischen Philosophen. Aristide Arosteguy steht im Verdacht, seine Frau getötet und verspeist zu haben. Von der Leiche fehlt so gut wie jede Spur; nur Fotos des entstellten Körpers zirkulieren im Netz. Beim Lesen geht es einem so wie Naomi bei ihren Recherchen, man fragt sich unablässig, ob man dem Augenschein trauen kann. Weitere Recherchen führen Naomi von Paris nach Tokio und Nathan von Budapest nach Toronto. Nur ein Mal begegnen sie einander persönlich, am Flughafen von Amsterdam; dafür erfährt man, dass die Fälle, die sie verfolgen, Schnittstellen aufweisen. In Cannes lässt Cronenberg eine Jurysitzung des Filmfestivals wunderbar entgleisen; wenn er nach Nordkorea schaut, erscheint Pjöngjang wie die Antithese zur durchglobalisierten Gegenwart.

Am Anfang von Verzehrt gerät das Nebeneinander der Stränge ein wenig schematisch. Doch je weiter der Roman voranschreitet, umso verblüffender wird das Zusammenspiel von Viszeralität und Virtualität. Das Großartige an dem Roman ist, dass er Dysfunktionen und Symptome nicht nur als Anlass für Leid begreift, sondern darin auch Antrieb, Motor und Quelle der Lust sieht. An einer Stelle räsoniert Arosteguy darüber, wie erfüllte Sexualität trotz körperlicher Einschränkungen aussehen könnte: "Der Schlüssel schien ein ausgeprägter Erfindungsgeist zu sein, durchsetzt mit einem noch ausgeprägteren Sinn für Humor und der Bereitschaft, sich nicht für die notwendige, manchmal groteske Akrobatik zu schämen". (Cristina Nord, DER STANDARD, 13.11.2014)

David Cronenberg
Verzehrt

Aus dem Englischen von Tobias Schnettler
S. Fischer 2014
397 Seiten, 22,99 Euro

  • Erforscht das Zusammenspiel von Seele und Körper: David Cronenberg.
    foto: ap/hallman

    Erforscht das Zusammenspiel von Seele und Körper: David Cronenberg.

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