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18. November 2014, 12:54

Pirmin Zurbriggen aus der Schweiz, Marc Girardelli aus Luxemburg, Kjetil-Andre Aamodt aus Norwegen, Bode Miller aus den USA. Jeden dieser vier großen Skifahrer könnte man nach seiner größten Leistung fragen, und jeder würde nach kurzem Nachdenken damit daherkommen, dass er Siege in allen fünf alpinen Disziplinen (Abfahrt, Super-G, Riesenslalom, Slalom, Kombi) sammelte. Günther Mader ist der fünfte Skifahrer, der Nämliches vollbracht hat, doch seine Antwort fällt ganz anders aus. "Dass ich es zurück ins Leben geschafft habe, das ist sicher mein größter Erfolg."

Mader wollte antworten, konnte aber nicht. "Danach weiß ich nichts mehr."

Kein Wunder, dass Mader beim Wort "Leistung" nicht automatisch an Sport, sondern ans Leben, ans Überleben denkt. Und zurückdenkt an den 27. März 1998, an den Schlaganfall, der ihn beinah aus diesem Leben gerissen hätte.

foto: privat
Der junge Günther Mader, schon damals auf dem obersten Treppchen.

Nicht einmal zwei Wochen zuvor hatte Mader sein letztes Skirennen bestritten, das letzte Rennen einer zwanzig Jahre dauernden Karriere. Und nun lag er da, er wurde zwecks Computertomografie in eine Röhre geschoben, und er wurde "wahnsinnig müde", der Arzt rief seinen Namen, schrie seinen Namen, "Herr Mader, Herr Mader", Mader wollte antworten, konnte aber nicht. "Danach weiß ich nichts mehr."

Der Werdegang des Tiroler Buben

Günther Maders Werdegang war der klassische eines Tiroler Buben, dessen skifahrerisches Talent früh erkannt worden war. 1964 geboren, ist er in Gries am Brenner aufgewachsen, erst lernte er krabbeln, dann gehen, dann Ski fahren und laufen. In die Schule ging er natürlich auch, dort fiel er einem gewissen Robert Trenkwalder in die Hände, der 1966 als jüngster Volksschullehrer Österreichs nach Gries versetzt worden war.

Trenkwalder war damals 18 Jahre alt, er war sportbegeistert, das Volksschullehrerdasein ließ ihm Zeit für die Ausbildung zum staatlichen Skitrainer. An einem Samstag im Februar 1971 setzte sich Trenkwalder in einen gemieteten, schlecht beheizten VW-Bus, die Kinder des Skiclubs Gries setzten sich hinter ihn, und ab ging es zum großen Tiroler Kinder-Skirennen nach Mayrhofen im Zillertal. In Mayrhofen fuhr der sechsjährige Günther erstmals mit einer Gondelbahn, aus Mayrhofen brachte er seinen ersten Pokal mit nach Hause, unter siebzig Kindern in seiner Altersklasse hatte er den zweiten Platz belegt.

Bei Mayrhofen ist es nicht geblieben. Günthers Vater Roman, der Gendarm war, nahm einen Nebenjob an der Tankstelle an, um dem Sohn das Skifahren zu ermöglichen. Trenkwalder präparierte die Ski der Kinder, vereiste die Grieser Skipisten, steckte Kurse aus und beschimpfte die Tagesskigäste aus Innsbruck, wenn sie ihm in die Quere kamen.

1976 feierte Günther in der Schweiz seinen ersten internationalen Erfolg, EM-Bronze im Riesenslalom in der Schülerklasse 1. Es war das Jahr der Olympischen Spiele in Innsbruck, die Maders besuchten den Slalom in der Axamer Lizum, den der Italiener Piero Gros gewann, der dem elfjährigen Günther auch ob der langen Mähne taugte. Ein gewisser Ingemar Stenmark schied damals aus, holte aber Bronze im Riesenslalom, gegen ihn sollte Günther Mader später selbst noch fahren.

Aus dem Schüler wurde ein Jugendlicher, aus dem Jugendlichen ein Junior, aus dem Junior ein Juniorenweltmeister. 1982 siegte Mader in Aurun, Frankreich, im Riesenslalom, sein Trainer Trenkwalder freilich maß dem fünften Platz in der ersten Abfahrt, die sein Schützling bestritt, fast mehr Bedeutung bei. "Das war eine Sensation", sagte Trenkwalder. "Das hat mir gezeigt, dass der Bub wirklich Skifahren gelernt hat."

Große Stunden

Der Bub stieg ebenfalls 1982 auch schon in den Weltcup ein, und er blieb dort sechzehn Jahre lang. Als er abschnallte, hatte er 14 Rennen gewonnen, sechs im Super-G, vier in der Kombination, zwei im Riesenslalom, eines im Slalom und eines in der Abfahrt.

Dieser, der Abfahrtssieg, war in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert. Weil Kitzbühel. Und weil sich Mader dort, am 13. Jänner 1996, vor tausenden Fans nicht nur auf die Schultern seines Trainers Trenkwalder und seines Bruders Stephan gesetzt, sondern auch auf eine Stufe mit Zurbriggen und Girardelli gestellt hat. Die zwei anderen perfekten Allrounder, Aamodt und Miller, sollten erst folgen. Er habe sich damals nach der vollbrachten Tat "sehr, sehr, sehr leicht gefühlt", sagt Mader. "Unendlich befreit." Und es sei "das Nachher sicher anstrengender als das Rennen selbst" gewesen.

Von 1986 bis 1997: Eine Reise durch die 14 Weltcuperfolge des Günther Mader.

Allrounder waren nicht wahnsinnig gefragt gewesen im österreichischen Skiverband (ÖSV), dessen erster und einziger Weltcupsieger Karl Schranz (1969, 1970) hieß. Mader freilich ist schon einer gewesen, der mit seiner Meinung nicht hinter dem Berg gehalten hat – das hatte er mit seinem Trainer Trenkwalder gemein. Mader wurde im ÖSV hin und her geschoben, von einer Trainingsgruppe in die andere. "Ich gehörte nirgends ganz dazu", sagt er, "und nirgends gar nicht dazu."

"Ich gehörte nirgends ganz dazu und nirgends gar nicht dazu."

Seine Unzufriedenheit wuchs und führte dazu, dass er sich vom ÖSV praktisch lossagte und, mit Trenkwalder als Trainer, sein eigener Herr wurde. ÖSV-Chef Peter Schröcksnadel, der die Befürchtung haben musste, das Beispiel Mader könnte Schule machen, hatte letztlich keine andere Wahl als einzuwilligen und zu Protokoll zu geben: "Wir begrüßen Maders Initiative."

foto: privat
Günther Mader 2014, als Rennsportchef von Salomon.

Doch als Günther in der Saison 1992/93 um drei Punkte den dritten Platz im Gesamtweltcup verpasst hatte, erklärte der ÖSV das Projekt für gescheitert und verlangte, dass der Tiroler unter die Fittiche des Verbands zurückkehren sollte.

Mader blieb stur, Trenkwalder blieb stur, Rechtsanwälte begannen, Briefe zu schreiben, und spät, aber doch gab der ÖSV nach. Die Lösung war keine unösterreichische. Mader kehrte offiziell ins Team zurück, bekam aber die Erlaubnis, mit dem, wie es hieß, "von ihm finanzierten Wunschbetreuer" weiterzuarbeiten: mit Trenkwalder. Das Resultat ist bekannt. Herausgekommen sind nicht nur drei Siege in Kitzbühel (Super-G 1995, Abfahrt und Kombi 1996), herausgekommen sind auch zwei zweite Plätze im Gesamtweltcup, 1995 die Welt von 375 Punkten hinter Alberto Tomba, 1996 die Kleinigkeit von 25 Punkten hinter Lasse Kjus.

Bange Stunden

Was Mader so knapp verpasst hatte, sollte 1998 Hermann Maier vollbringen. In Crans Montana, wo Maier als zweiter österreichischer Gesamtweltcupsieger nach Schranz gefeiert wurde, war Mader sein letztes Rennen gefahren. Am 14. März. Dreizehn Tage später lag er in der Röhre und dämmerte weg. Den Schlaganfall führten die Ärzte auf einen Zwischenfall bei einem Juxkickerl etliche Tage zuvor zurück, ein scharfer Ball hatte ihn am Oberkörper getroffen. Er spuckte Blut, ging zum Arzt, bekam Seitenstechen, ging noch einmal zum Arzt, wurde geröntgt, bekam Blut abgenommen. "Aber es war alles normal."

"Deutsch war wie eine Fremdsprache, die ich lange nicht gesprochen habe."

Nichts war normal. Am Abend des 26. März klappte Mader zusammen, seine Frau Ingrid rief die Rettung und rief Michael Hadschieff an, der frühere Eisschnellläufer war ein Freund der Familie, er holte die Mader-Kinder Carina und Michael ab und nahm sie zu sich.

In der Computertomografieröhre, sagt Mader, "hat es mich weggeputzt". Nach 48 Stunden, in denen er sich in akuter Lebensgefahr befand, ist er wieder aufgewacht. Die rechte Körperhälfte war gelähmt, vom Kopf bis zu den Zehen. Er lag einige Tage auf der Intensivstation, dann schlossen sie ihn von den Schläuchen ab und die Therapie begann. Er lernte, einen Löffel zum Mund zu führen. Er lernte reden.

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Günther Mader gewinnt Bronze in der Kombination bei der Ski-WM von Saalbach 1991. Nur eine von sechs WM-Medaillen zwischen 1987 und 1997.

Die Lähmung allein war nicht das Problem, die Lähmung ging zurück. "Mir sind am Anfang sehr viele Worte nicht eingefallen. Deutsch war für mich wie eine Fremdsprache, die ich sehr, sehr lange nicht gesprochen habe. Es war, als hätte ich eine andere Festplatte im Kopf gehabt." Eine Ärztin zeigte ihm ein Foto eines Hauses, ihm fiel das Wort Haus nicht ein, ein Foto eines Autos, auch das konnte er nicht benennen. Und ein Foto zweier Ski. "Ich habe nicht gewusst, dass die Ski Ski heißen."

Rechenstunden

Er lernte gehen, er lernte laufen. Sein Sohn Michael, ein Volksschulkind, brachte ihm das Rechnen wieder bei. "Addieren ging ja, aber beim Multiplizieren bin ich schon angestanden." Wenn er einkaufen ging, schrieb ihm Ingrid einen Zettel. Nicht, weil er vergessen hätte, was er kaufen sollte, sondern weil er die Bezeichnungen vergessen hatte. Wenn er Menschen treffen sollte, gute Bekannte, Freunde, dann tippte er sich deren Namen manchmal vorher in sein Handy ein. Weil ihm die Namen immer wieder entfielen.

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Olympiaabfahrt von 1992, Kommentator Seeger: "Mader kämpft!" Am Ende gewinnt er Bronze.

Nach einem halben Jahr, im späten Herbst, schnallte Mader erstmals wieder Ski an. Im Winter begann er kleinere Skitouren zu gehen. "Der Linksschwung war am Anfang eine einzige Katastrophe."

Die Ärzte hielten fest, eine Genesung wie jene Maders sei sensationell. Ihm ging alles "viel zu langsam. Aber ich hab ständig Erfolgserlebnisse gehabt. Und ich hatte den großen Vorteil, dass ich Spitzensportler war. Ich konnte kämpfen. Und den ganzen Fanatismus, mit dem ich früher trainiert habe, hab ich in meine Reha geworfen."

Nach dem Schlaganfall, sagt Mader, hat es zwei, drei Jahre gedauert. "Dann bin ich wieder in ein wirklich normales Leben rübergewandert." Geholfen hat ihm eine Autobiografie, sie erschien im Herbst 2003, trägt den Titel "Über Leben". Ungefähr 20.000 Bücher wurden verkauft, selbst die vierte Auflage ist vergriffen, Mader hat aber eine digitale Version auf seine Webseite guenthermader.at gestellt.

Noch einmal geheiratet hat Mader nicht. "Wir leben in wilder Ehe, das in Tirol."

Letztlich, sagt er, habe er irgendwann auch mit dem Buch abschließen müssen, die vielen Präsentationen hätten ihn Kraft gekostet, das Vorlesen sowieso. Mittlerweile könnte die Autobiografie natürlich etliche Kapitel mehr umfassen. Ein berufliches Kapitel würde von Salomon handeln, Maders früherem Ausrüster, der ihm früh die Stelle des Rennsportchefs gab, die er heute noch ausübt. Dieser Job sei auf dem Weg zurück eine große Hilfe und keine Selbstverständlichkeit gewesen, sagt Mader. "Ich hab ja zunächst Hilfe gebraucht, wenn ich den Computer nur aufdrehen wollte." Heute trifft man ihn wieder in fast allen Weltcuporten, nur die Nordamerikarennen lässt er aus.

Wiederaufnahme der Standard-Serie "Das wurde aus". Die ersten 75 Teile sind 2013 als Buch erschienen und hier zu bestellen.

Leben in Demut

Ein weiteres Kapitel würde vielleicht Privates schildern. Günther und Ingrid haben sich 2008 scheiden lassen. "Jede Scheidung ist eine Katastrophe", sagt er, "aber wir haben das relativ gut über die Bühne gebracht." Seinen Sohn Michael, der im Vorjahr zu studieren begann, sieht Mader öfter als die Tochter Carina, die in München in einem Hotel arbeitet. Günther wohnt nach wie vor in Mieders im Stubaital, Nina ist jetzt an seiner Seite, ihr gemeinsamer Sohn Liam kam 2011 zur Welt. Noch einmal geheiratet hat Mader nicht. "Wir leben in wilder Ehe, und das in Tirol." Er blicke nicht wahnsinnig weit voraus, sagt Mader. "Ich kann auch nicht so tun, als wäre der Schlaganfall nicht passiert. Ich muss Rücksicht darauf nehmen. Gott sei Dank spüre ich, was der Körper verträgt und was nicht." Er ist dankbar für jeden Tag und dankbar dafür, "dass das Paket aus Familie und Beruf gut passt".

Seinerzeit hat Mader sechsmal Gold gewonnen – in Form der "Goldenen Teekanne", des Preises für Österreichs beliebtesten Skifahrer. Gold bei einem internationalen Großevent blieb ihm verwehrt. Platzierungsmäßig war er als WM-Zweiter im Slalom 1987 (0,19 Sekunden hinter dem Deutschen Frank Wörndl), zeitmäßig war er als Olympiadritter in der Abfahrt 1992 am knappsten vorbeigeschrammt – eine Zehntelsekunde fehlte damals auf Sieger Patrick Ortlieb. Und nur einmal angenommen, er wäre damals elf Hundertstel schneller gefahren und hätte Ortlieb und den zweitplatzierten Franzosen Franck Piccard abgehängt? "Dann wäre das wohl ein wirklich großer Erfolg", sagt Günther Mader. "Aber nicht mein größter." (Fritz Neumann, DER STANDARD, 15./16.11.2014)

Bonusmaterial: Die Big Five des alpinen Skisports: Günther Mader (AUT), Kjetil-Andre Aamdot (NOR), Bode Miller (USA), Pirmin Zurbriggen (SUI) und Marc Girardelli (LUX). Nur sie haben in allen Disziplinen gewonnen.