Das Drageekeksisyndrom

Blog13. November 2014, 05:30
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Nach dem Lauf ist vor dem Lauf – und der Post-Marathon-Eid, nie wieder die Langstrecke laufen zu wollen, ist immer ein Meineid. Schon wenige Tage danach geht alles wieder von vorne los

Klaus Fernsebner hat mir ein Foto geschickt. Von einem Paar Laufschuhe, über das er im Central Park gestolpert ist - und zwar am Tag nach dem New-York-Marathon. Und noch bevor er den Abschiedsbrief des - mutmaßlich - französischen Besitzers in den Schuhen gelesen hatte, hatte er die Kamera in der Hand: Laufen ist eine emotionale Sache. Und nach so einem Grenzgang - und da ist es absolut subjektiv, ob das drei 15 oder 120 Kilometer sind - ist das Gefühl in jedem Fall stärker als die Ratio: Läufer verstehen, wenn andere Läufer sich von ihren Schuhen auf diese Art trennen - und hoffen, dass die ausgelatschten und halbtotgetrampelten Böck ein gutes Zuhause finden.

Was der Unbekannte, der da seine Zwölf-Marathon-Schlapfen hinterlegt hatte, getan hatte, ist symptomatisch und kein Einzelfall: Auch meine Freundin Helena wollte eigentlich ihre Laufschuhe im Central Park - auf oder nahe der Ziellinie - hinterlegen, kam aber dann doch mit den Schuhen zurück ins Hotel. "Ich habe es nicht übers Herz gebracht." Ich verstehe sie: Mir ging es genauso.

Dauergrinsen unter Schmerzen

Denn die Gefühle nach dem Marathon sind zwiegespalten. Auf der einen Seite fragt der Körper die ersten zwei, drei Tage täglich an, ob man den Betreiber und Verursacher dieses Irrsinns jetzt, bitte, besachwalten lassen könnte. Weil sich Schmerzen in Körperstellen melden, von deren Existenz man bislang nichts gewusst hat.

Auf der anderen Seite ist da dieses Dauergrinsen, das von ganz ganz innen kommt. Bei manchen Leuten hält es eine Woche an. Bei manchen sogar noch länger - und auch wenn man einander am Anfang, säulenbeinig staksend und stöhnend stehend, versichert,"diesen Blödsinn sicher zum lezten Mal gemacht" zu haben, taucht da schon bald dieses Glitzern in den Augen auf: Das Drageekeksiphänomen der Läufer. Wir wissen, dass wir lügen, wenn wir sagen: "Nie wieder."

Ein paar Tage Pause? Gern. Speicherauffüllen mit Junkfood & Schokoriegeln? Na klar. Sofasitzen und dem Fernseher die Gestaltung der Freizeit überlassen? Doch genau in diesem Moment beginnt der Rückfall.

Wien, Berlin, Chicago ...

Ilan war der erste. Der Mann, der mir beim Herbstlauf im Prater geholfen hatte, langsam zu bleiben, schrieb am Tag NY-plus-drei, dass genau jetzt das Training begänne. Ilan will im Frühjahr beim Vienna City Marathon (VCM) endlich die Dreistundenmarke knacken. Ob wir nicht gemeinsam …

Sekunden später schrieb C: Sie läge zwar noch mit Schmerzen auf der Couch, habe aber soeben "etwas sehr Dummes" getan: Sie habe sich gerade für einen Triathlon im Frühling angemeldet. Ihren ersten."Nein, nicht die Sprintdistanz. Keine Ahnung, was mich da geritten hat - aber ich glaube, es muss einfach sein."

Am selben Abend schrieb ein anderer Freund. Eine Woche vor New York hatte er in Toulouse 42 Kilometer rennen wollen - aber grippebedingt hatte der Arzt da ein striktes "No way" verkündet. Aber jetzt war er wieder gesund - und wir wieder im Lande: "VCM ist ja eh klar. Und für Berlin hab ich mich auch gerade registriert." Zweifel. dass ich da eventuell nicht mit dabei sein könnte, hatte er keine Sekunde: "Hast du schon überlegt, was wir tun, wenn wir in der Lotterie nicht gezogen werden? Charity-Runner? Reisebüro?"

Er habe aber schon auch einen Plan B: "So wie du noch eine Rechnung mit der Strecke in Wien offen hast, geht es mir mit Toulouse. Ich renn im Frühling mit dir, du im Herbst mit mir. Deal?"

Andererseits gäbe es da noch eine dritte Option: "Chicago klingt geil. Alle, die dort waren, sagen, dass das großartig ist." Die Sache mit Startplatz und Kosten sei hat ähnlich mühsam wie bei New York. Oder Berlin. "Aber für die Lotterie melde ich mich an. Für New York auch. Das geht ab Mitte Jänner. Du auch, oder?" Außerdem sei es Zeit, das "Kleinzeug" anzugehen: Für Worldrun, Wachau & Co sei ich ja hoffentlich schon angemeldet. "Oder? Enttäusch mich jetzt nicht!" Und dann müsse er mir noch etwas sagen: "Ich geh jetzt regelmäßig schwimmen. Und aufs Rennrad wollten wir ja auch mal gemeinsam. Du weißt, was das bedeutet?"

"Nie wieder ..."

Ich fürchte: ja. Denn ich habe beim Heimkommen aus New York zuerst einmal meinem im Vorzimmer verstaubenden Rennrad gesagt, dass die Zeit seines Schlummers jetzt vorbei sei. Und im Kasten mit dem anderen Sportzeug Paddles, Flossen und die anderen Schwimmutensilien eine Spur zu lange angeschaut. "Du wirst doch nicht …", kam es da sofort mit einem leicht zweifelnden Unterton von der Seite. "Du hast doch gerade gesagt, du willst nie wieder so was machen." Und lachend nachgesetzt: "Lüg mich nicht an. Du kannst kaum Stiegen steigen – und denkst schon wieder an nix anderes!"

Ich schüttelte den Kopf. "Nein nein, ich habe genug von all dem." Pause. "Fürs Erste halt." Pause. "Und ich hätte meine Laufschuhe ja in New York gelassen - aber ich musste am Tag nach dem Lauf schreiben. Und hatte keine Zeit, in den Park zu gehen. Weil: Das war mein letzter Marathon" Das leise glucksende Lachen neben mir wurde fast zu einem lauten Wiehern: "Ja eh. Und die Erde ist eine Scheibe." (Thomas Rottenberg, derStandard.at, 13.11.2014)

  • Adieu, marathongeplagte Laufschuhe!
    foto: klaus fernsebner

    Adieu, marathongeplagte Laufschuhe!

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