Werden Roboter uns das Grundeinkommen bringen?

Userkommentar13. November 2014, 10:27
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Zum Verhältnis von Künstlicher Intelligenz, Arbeitszwang und Grundeinkommen

Die in verschiedenen Studien vorausgesagte Ersetzung von bis zur Hälfte der 2014 bestehenden Arbeitsplätze in den nächsten zwei Jahrzehnten durch neuartige Roboter (Künstliche Intelligenz) (z.B. Frey/Osborne, Oxford 2013) wird unter zwei, derzeit vorherrschen Gesichtspunkten diskutiert:

  • In Ländern mit Bevölkerungszuwachs und vergleichsweise jungem Durchschnittsalter wie in den USA wird ein Anstieg der Erwerbslosigkeit durch den stark zunehmenden Robotereinsatz befürchtet. Allerdings sollte man annehmen, dass angesichts der vielen ungelösten Weltprobleme von globaler Armut und stark gewachsener Erdbevölkerung über weltweite Naturzerstörung und Epidemien bis hin zu den unzähligen ethnischen, religiösen, wirtschaftlichen und politischen Konflikten in den verschiedenen Erdregionen genügend zu tun wäre. Dass dem nicht entsprochen wird, liegt wohl an der fehlgeleiteten Organisation gesellschaftlich erforderlicher Arbeit.

  • In Ländern mit einer rückläufigen Anzahl an Geburten und steigender Anzahl aus dem Erwerbsleben ausgeschiedener Personen wird durch Robotereinsatz ein Ausgleich zwischen erforderlichen und verfügbaren Arbeitskräften erhofft. Unter Berücksichtigung der stark gewachsenen Erdbevölkerung von etwas über einer Milliarde Menschen zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu sechs Milliarden an seinem Ende und der Prognose weiteren starken Anstiegs in den kommenden Jahrzehnten sollte aber eigentlich kein Mangel an Arbeitskräften bestehen, da alle Menschen bis auf die Hilfsbedürftigen über qualifizierbares Arbeitsvermögen verfügen. Auch hier fehlt es an angemessener Organisation der Arbeit infolge des allgemeinen Unverständnisses einer der wesentlichsten Funktionen von Geld als Instrument der Vermittlung von menschlichem Bedarf und menschlichem Potential.

In diesen beiden Denkansätzen wird anscheinend völlig außer Acht gelassen, dass wir Menschen ein Amalgam von biotischen, sozialen und kognitiven Komponenten sind. Diese nicht auflösbare Zusammensetzung des menschlichen Lebens, also jeder menschlichen Persönlichkeit, jeweils nur unter beschränktem Gesichtswinkel wahrzunehmen, kann nicht zur Sicherung oder Verbesserung der allgemeinen Lebensbedingungen führen.

Ein grundsätzlich anderer Denkansatz geht über die traditionellen Sichtweisen auf Arbeitskräfte und Arbeitsplätze hinaus. Dieser Ansatz sucht nach Möglichkeiten, Probleme und deren Bearbeitung in wesentlicheren Zusammenhängen zu sehen.

Insbesondere verfolgt er die Möglichkeit, den von alters her gegebenen Zwang zur Erarbeitung der erforderlichen Mittel des Lebens zu mildern, also freieres Tätigsein zu gestatten.

Neue Fragestellungen

Freilich müssen alle drei Sichtweisen sich den Fragen nach den in Zukunft noch bestehenden Rahmenbedingungen stellen: Wird es weiterhin Gegensätze und Konflikte zwischen arm und reich in den einzelnen Ländern und zwischen ihnen geben? Zwischen ethnischen und religiös begründeten Gruppierungen? Werden die tradierten Aufgaben und Ziele der Regierungen sowie der gesellschaftlichen Institutionen beispielsweise der Familie, Gerichte, Parteien, Kirchen, Gewerkschaften, Universitäten, Konzerne noch die gleichen sein? Und grundsätzlich: Welcher Gesellschaftstyp wird herrschen? Weiterhin der Globale Konkurrenzkapitalismus? Welche Rolle spielt dann noch Geld? Wie werden sich das Verhalten der Menschen und der Umgang miteinander in der durch Robotereinsatz geprägten Lebenswelt verändern?

Abgesehen davon entspricht die extrem gesteigerte Abhängigkeit der Menschen vom richtigen Funktionieren der Automaten nicht der unternehmerischen und individuellen Freiheitslehre vorgeblich aufgeklärter Gesellschaften.

So ist zu problematisieren, in wieweit ein rascher und vermehrter Einsatz jeder Art von "artificial intelligence" auf Akzeptanz bei Unternehmen und in Privathaushalten trifft: Unternehmen müssten entsprechend investieren, was nur erfolgt, wenn der Einsatz Gewinn erwarten lässt. Und Privathaushalte müssten über die erforderliche Kaufkraft verfügen, aber vor allem mental mit den Neuerungen zurechtkommen.

Gesellschafts- und wirtschaftspolitisch sollte klar sein, dass derzeit in Entwicklung und Anwendung von Robotern mehr an Geist und Geld investiert wird als in Abschätzung und Steuerung der Folgen. Und eben so müsste verstanden werden, dass es Aufgabe der Regierungen und nicht der einzelnen Betriebe und schon gar nicht von Privatpersonen ist, in aufeinander abgestimmten Programmen den gesellschaftlich unerwünschten Folgen von Automation, Digitalisierung und vermehrtem Robotereinsatz zu begegnen bzw. die Entwicklungen im Interesse der gesamten Menschheit zu steuern.

Grundeinkommen

Eines scheint aber sicher zu sein: Werden Produkte und Dienstleistungen zunehmend von Robotern und entsprechend weniger von Erwerbstätigen angeboten, müssen die Angebote im Eigeninteresse des Systems auch nachgefragt werden können. Da kaum davon auszugehen ist, dass alle Leistungen je nach Bedarf karitativ-sozialistisch von Erwerbslosen frei zu haben sein werden, wird Geld als Steuerungsinstrument von Angebot und Nachfrage wohl seine Funktion behalten müssen. Und hier bietet die systematische Einführung des allgemeinen und je nach Lage variablen Grundeinkommens nicht nur die Möglichkeit, Märkte nach Bedarf und Verfügbarkeit von Leistungen zu regeln, sondern auch den von alters her bestehenden, in verschiedenen Formen ausgeübten Arbeitszwang zu mildern.

Eine Konzeption zur Beobachtung des prognostizierten vermehrten Robotereinsatzes sollte die Phasen Entwicklung, Anwendung und Folgen sowie die jeweils individuelle, betriebliche und gesellschaftliche Betroffenheit klar unterscheiden. (Paul Kellermann, derStandard.at, 13.11.2014)

Paul Kellermann ist Professor am Institut für Soziologie der Fakultät für Wirtschaftswissenschaften an der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt.

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