Mehr Wahrheit über Gluten

12. November 2014, 09:51
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Immer mehr Leute meinen, sie hätten eine Unverträglichkeit für Gluten. Experten zweifeln, ob die Beschwerden wirklich dadurch verursacht werden

Die Frau aus Zürich sieht aus, als sei sie im achten Monat schwanger – dabei erwartet sie gar kein Kind. Gerhard Rogler, Leitender Gastroenterologe am Unispital Zürich, erinnert sich noch genau an die Frau. "Sie hatte so schlimme Blähungen, dass sie den Knopf der Hose kaum schließen konnte." So wie ihr geht es immer mehr Menschen. Sie bekommen Bauchweh oder Blähungen nach Brot, Pizza und Pasta und führen es auf das darin enthaltene Gluten zurück, ein Gemisch aus Eiweißen.

Bei manchen soll Gluten auch für chronische Müdigkeit, Kopfschmerzen, Muskel- oder Gelenkschmerzen oder gar für Blutarmut und Depressionen verantwortlich sein. Eine glutenfreie Diät hilft, sind sich die Betroffenen sicher, und unterstützen fleißig den wachsenden Markt glutenfreier Produkte.

"Gluten-Unverträglichkeit ist in", sagt Rogler. "Aber es ist nicht klar, ob die Beschwerden immer durch Gluten versursacht werden." Bei zwei Formen von Gluten-Unverträglichkeit lässt sich die Diagnose klar stellen: bei Zöliakie und Weizenallergie. "Sind bei einem Patienten die Tests unauffällig, wird das landläufig als Gluten-Überempfindlichkeit bezeichnet", sagt Rogler. "Vermutlich ist das Gluten aber gar nicht schuld."

Nicht gegen Gluten, sondern Amylase-Trypsin-Inhibitoren

Detlef Schuppan forscht seit Jahren an den Unis in Harvard und Mainz über Glutenkrankheiten. Er und einige andere Forscher sind überzeugt, dass die Beschwerden durch sogenannte Amylase-Trypsin-Inhibitoren (ATIs) hervorgerufen werden. Das sind Eiweiße, die ebenfalls in glutenhaltigen Getreiden vorkommen.

ATIs aktivieren demnach das Immunsystem im Darm, was letztendlich die Beschwerden auslöst. Im Grunde genommen ist es keine Gluten-, sondern eine ATI-Überempfindlichkeit. Nur haben die Forscher noch nicht die richtigen Tests entwickelt, um das nachzuweisen. Forscher halten ATIs außerdem verantwortlich für diverse chronische Krankheiten, unter anderem Allergien.

Gegen die Hypothese einer ATI-Überempfindlichkeit spricht jedoch, dass sich mit herkömmlichen Methoden bei den Betroffenen keine Entzündung im Darm nachweisen lässt. Schuppan ist jedoch dabei, feinere Untersuchungsmethoden mitzuentwickeln, mit denen er auch bei ihnen eine Entzündung diagnostizieren kann. Bei Patienten mit Unverträglichkeit gegen Weizen und andere Nahrungsmittel konnte er mit einer speziellen Endoskopie-Technik sehen, wie sich innerhalb kurzer Zeit nach Aufnahme eines Weizen-Extraktes eine Entzündung im Darm entwickelte.

Rogler indes ist skeptisch. Nach seiner Meinung und der einiger anderer Gastroenterologen liegt es nicht am Gluten, sondern an der Darmflora. "Bei manchen Menschen verwandeln die Darmbakterien einige nicht verdaute Kohlenhydrate, sogenannte FODMAPS, zu Stoffen, die zu Gasbildung im Darm führen", erklärt er. "Das bläht den Bauch und kann Schmerzen verursachen." Tue ständig der Bauch weh, könne dies natürlich müde machen, man fühle sich erschöpft oder bekomme vor Anspannung Kopf- oder Gliederschmerzen.

Zu den FODMAPS gehören unter anderen Laktose, Fruktose und Süßstoffe, sie kommen in Vollkornprodukten und einigen Gemüse- und Obstsorten vor. Studien zeigen, dass eine FODMAP-arme Diät die Beschwerden lindern kann. "Ich sage meinen Patienten, sie sollten sich eine Weile ungesund ernähren und schauen, ob es besser wird, etwa mit Baguette und Marmelade zum Frühstück statt mit Müsli und Obst."

Darm krank durch Zusatzstoffe

Eine weitere Theorie ist, dass Zusatzstoffe im Essen wie Glutamat, Benzoat, Sulfite und Nitrate die Beschwerden der sogenannten Gluten-Sensibilität verursachen. Manche führen die Symptome auf psychische Probleme zurück.

Einigen der Patienten hilft eine glutenfreie Diät. Ob das daran liegt, dass sie weniger Weizen mit potenziell darin enthaltenen ATIs essen, ob sie damit auch gleichzeitig weniger FODMAPs aufnehmen oder ob die glutenfreie Diät wie ein Placebo wirkt, ist unklar.

Bei der 41-jährigen Zürcherin besserten sich die Symptome mit einer FODMAP-armen Diät. Sie fühlte sich aber so schlecht mit der ungesunden Ernährung, dass sie nach einer Weile wieder umstieg und prompt Blähungen bekam.

"Statt ständig eine andere Diät oder Unverträglichkeit in den Mittelpunkt seines Lebens zu rücken, sollte man lieber die Konsequenzen bedenken", sagt Rogler. "Wegen des Hypes um das Gluten ist zum Beispiel die Nachfrage nach Quinoa in manchen Teilen Afrikas so gestiegen, dass es überwiegend nach Europa exportiert wird und dort zur Ernährung fehlt. Das finde ich sehr bedenklich." (Felicitas Witte, derStandard.at, 12.11.2014)

Wissen: Glutenkrankheiten:

Bei der Weizenallergie hält der Körper bestimmte Eiweiße im Gluten für so fremd, dass er Abwehrstoffe, IgE-Antikörper, ausschüttet, die die vermeintlichen Feinde bekämpfen sollen. Es kommt zu einer Entzündung, was Bauchschmerzen auslöst und bei manchen einen Kreislaufzusammenbruch. Bei der Zöliakie löst Gluten bei genetisch veranlagten Personen eine Entzündung in der Darmschleimhaut aus. Dabei bilden sich unter anderem Transglutaminase-Antikörper (TG-AK). Die Diagnose ist vergleichsweise einfach: Mit Hauttests und Nachweis der IgE im Blut bei der Allergie und durch Gewebeuntersuchung und Nachweis von TG-AK im Blut bei der Zöliakie. Die Ursache der so genannten Gluten-Überempfindlichkeit ist noch nicht geklärt. Schuld könnten bestimmte Eiweisse im Getreide sein, gewisse Kohlenhydrate oder Zusatzstoffe im Essen.

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Zöliakie, Glutensensitivität, Weizenallergie: Eine Begriffsklärung

Ungutes Bauchgefühl

  • Bernd das Brot aus der Kinderserie: In Ernährungsdiskussionen ist das in Brot enthaltene Gluten ein Stoff, der vielen Angst macht.
    foto: apa

    Bernd das Brot aus der Kinderserie: In Ernährungsdiskussionen ist das in Brot enthaltene Gluten ein Stoff, der vielen Angst macht.

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