Das Internet und die Armut der Kreativen

Kommentar der anderen11. November 2014, 17:37
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Mit zunehmender Vernetzung und mit dem entstehenden "Internet der Dinge" muss Arbeit neu gedacht und bewertet werden. Sie ist vorwiegend Innovation und muss als solche auch gerecht entlohnt werden

Während die Statistik Austria zeigt, dass die Armut zurückgeht, das Sozialministerium die Erfolge des Sozialstaates hervorhebt, weist die Caritas auf die nach wie vor gegebene Brisanz der Lage hin. Ausgeblendet bleibt die gesellschaftlich problematische Entwicklung der Nichtbezahlung bzw. Entwertung von Arbeit (siehe Peter Turrini: "Der Minderleister") gerade im kreativen Bereich als Basis von Armut. Der innere Zusammenhang ist, dass es Profiteuren (Google, Facebook, Twitter, Amazon etc.) und Bürokraten gelungen ist, gesellschaftliche Prozesse zu initiieren, in deren Rahmen weitgehend ohne Bezahlung kreativ gearbeitet, Wissen produziert wird, dafür aber Milliarden an Profit erzielt werden. Der Reichtum der wenigen steigt. Der Sozialstaat wird untergraben. Die Umsätze der Wirtschaftskanzleien vervielfachen sich. Statt gerechter Bezahlung gilt das Prinzip der Steuervermeidung.

Der US-Soziologe und Ökonom Jeremy Rifkin sieht das Ende des Kapitalismus nahen: "Wir stehen momentan noch am Anfang eines neuen ökonomischen Paradigmas. Die Energienetze, ein von Algorithmen betriebenes Transportnetz und die Kommunikationsnetze verschmelzen zu einem Internet der Dinge: Natürliche Ressourcen, industrielle Produktion, Recyclingströme, Wohnräume, Büros, Geschäfte, Fahrzeuge, sogar Menschen werden mit Sensoren versehen und alles in ein globales Netz eingespeist werden. Das ermöglicht die Sharing Economy, als die Teil- und Tauschwirtschaft sowie die Ökonomie der kollaborativen Gemeingüter. Das ist ein bemerkenswertes historisches Ereignis. Bis Mitte des 21. Jahrhunderts hat sich der Kapitalismus transformiert."

Interessant ist, dass Rifkin nicht davon spricht, dass wir am Anfang neuer Produktionsverhältnisse stehen, sondern er sagt, dass dies "Anfang eines neuen ökonomischen Paradigmas" - also einer Denkweise, einer Vorstellungsbildung - sei. Er stellt damit eine enge Verschränkung zwischen technischen Entwicklungen, gesellschaftlichen Veränderungen und einer Denkweise her. Transformation wird nicht als Prozess gesehen, der von selbst über die Bühne gehen wird, sondern es bedarf der in Kooperativen zusammengeschlossenen Denker: "Wir brauchen eine globale Instanz gegen Facebook, Google, Amazon und Twitter. Das sind globale soziale Monopole, die eingeengt werden müssen."

Die eigentliche Transformation scheint aber durch eine automatische Veränderung auf der Basis einer neuen Technologie zu erfolgen: "Eigentlich versuchen alle ständig, ihre Grenzkosten zu senken - also den Preis, den es kostet, um eine zusätzliche Mengeneinheit eines Produkts zu produzieren. Deshalb suchen wir ständig nach Technologien, die unsere Produktivität erhöhen. Dienstleistungen und Produkte werden billiger, Investoren machen Profite. Doch niemand hat mit einer Technologie gerechnet, die die Grenzkosten auf fast null drückt. Damit hat die unsichtbare Hand des Marktes ihren Triumph erreicht. Die Produktivität hat ein Optimum erreicht. Es lässt sich aber kein Wettbewerbsvorteil mehr erzielen. Profit, der Lebenssaft des Kapitalismus, bleiben (sic) aus. Der Markt funktioniert nicht mehr."

Tatsächlich gehen diese Grenzkosten gegen null, weil Rifkin für kreative Arbeit in dieser Transformation keine Kosten einrechnet. Damit haben die Kreativen im "Internet der Dinge" nichts zu tauschen. Und dies ist die Basis der sozialen Ungerechtigkeit, ihrer Armut.

Basis für einen Austausch aber müsste die Bewertung der Arbeit der Kreativen als "sui generis" sein. Das meint, dass im Mittelpunkt dieser Arbeit eben nicht die Reproduktion steht, sondern die Innovation. Eine Innovation ist mit einer anderen Wertschöpfung verbunden als eine Reproduktion. Die neue Qualität der gesellschaftlichen Verhältnisse besteht darin, dass diese Innovationen nicht wie im 19. Jahrhundert von einer Kleinstgruppe erarbeitet werden, sondern die innovative Arbeit - die heute meist nicht einmal als Arbeit wahrgenommen wird - längst den Großteil der Arbeit ausmacht. Die alten gesellschaftlichen Strukturen und Machtverhältnisse sind aber geblieben.

Wichtig ist daher, die Bedeutung der Fragestellung zu verstehen, wie gerechte Austauschverhältnisse in hoch arbeitsteiligen Gesellschaften zu organisieren sind, welche Rollen Sprachen, Literaturen, Künste, Wissensproduktionen, Bildung im Zusammenhang mit der Vorstellungsbildung gerade im Kontext des Internets spielen, wie kreative Arbeiten in Austauschverhältnissen zu bewerten sind, welche Bedeutung die Vorstellungsbildung für das Internet bzw. das "Internet der Dinge" hat. Dieses neue Paradigma wird aber trotz des Internets nicht von selbst entstehen. Von selbst entstand nur eine größere Kluft zwischen Reich und Arm. Eine Festplattenabgabe wäre in diesem Kontext gerade einmal ein minimaler Ansatz für mehr gesellschaftliche Gerechtigkeit. (Herbert Arlt, DER STANDARD, 12.11.2014)

Herbert Arlt (Jg. 1958) ist wissenschaftlicher Direktor des INST und Vorsitzender der Jura-Soyfer-Gesellschaft. Dieser Text erschien in der Internetzeitschrift "Trans".

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