Diagnose Demenz: Wenn das Hirn zum Sieb wird

13. November 2014, 12:19
12 Postings

Obwohl die verschiedenen Formen des Neuronenschwundes intensiv erforscht werden, können sie bisher nur verlangsamt werden

Wien/Graz - Die ersten Anzeichen sind oft unscheinbar. Eine vergessene Verabredung, eine verlegte Brille oder ein verlorener Schlüssel. Über einen langen Zeitraum kann sich die Krankheit in den Alltag der Betroffenen einschleichen, ohne dass sie selbst oder ihre Angehörigen die Veränderung bemerken. Schließlich passiert das jedem einmal: Man erinnert sich kaum mehr an ein kürzlich geführtes Gespräch oder verwechselt das Datum.

Erst wenn sich die Symptome häufen, wenn es schwerfällt, die richtigen Worte zu finden, oder man plötzlich die Orientierung verliert, wird klar, dass etwas nicht stimmt. Viele Erkrankte meiden dann soziale Kontakte, reagieren mit Ärger und Niedergeschlagenheit auf ihre Aussetzer. Bis zur Diagnose Demenz baut sich oft ein enormer Leidensdruck auf.

Dabei wäre gerade eine frühe Erkennung der Krankheit extrem wichtig, um ihren Verlauf beeinflussen zu können, sagt Peter Dal-Bianco, Neurologe an der medizinischen Universität Wien und Präsident der Österreichischen Alzheimer-Gesellschaft. "Eine Demenzsymptomatik kann mehr als hundert verschiedene Ursachen haben. Eine Reihe von Stoffwechselerkrankungen oder neuropsychiatrischer Störungen, wie Depressionen, können eine Demenz auch nur vortäuschen", sagt der Mediziner. "In solchen Fällen ist sie heilbar." Liegt dagegen eine neurodegenerative Erkrankung wie Alzheimer vor, bei der ein kontinuierlicher Abbau von Neuronen stattfindet, kann eine frühzeitige Diagnose das Fortschreiten der Krankheit zumindest verlangsamen.

Betroffen sind vor allem ältere Menschen: Im Jahr 2000 litten in Österreich 2,7 Prozent der 60- bis 79-Jährigen an Demenz, unter den über 80-Jährigen fast jeder Fünfte. Insgesamt schätzt man die Zahl an Erkrankten auf mehr als 100.000 - etwa zwei Drittel davon leiden an Alzheimer. Doch trotz der weltweit vergleichbar hohen Zahlen sind die Ursachen dieser Krankheit bis heute noch nicht vollständig geklärt.

Gift für die Nervenzellen

"Im Mittelpunkt der Alzheimerforschung stehen zwei Eiweißmoleküle im Gehirn", erklärt Reinhold Schmidt, Neurologe der Medizinischen Universität Graz und Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Neurologie. "Das Beta-Amyloid und das Tau-Protein." Beta-Amyloide lagern sich im Laufe der Krankheit außerhalb der Nervenzellen an, wo sie die gefürchteten senilen Plaques bilden.

Die Tau-Proteine sind dagegen für den Stofftransport innerhalb der Neuronen zuständig. Bei Alzheimer sind sie mit einer ungewöhnlich hohen Zahl an Phosphatresten verknüpft, wodurch sie verklumpen. Sowohl die Plaques als auch die Tau-Klumpen wirken auf Nervenzellen tödlich.

"Die bisherige Forschung hat sich daher vor allem auf die Bekämpfung dieser Eiweiße, insbesondere auf die plaquebildenden Beta-Amyloide konzentriert", sagt Schmidt. Viel Arbeit wurde dabei in die Entwicklung von Impfstoffen gesteckt, die den Körper dazu anregen, selbstständig gegen das krank machende Eiweiß anzukämpfen. Durchaus mit Erfolg: Sowohl im Tierversuch als auch bei klinischen Studien am Menschen konnten durch die Immunisierung die Beta-Amyloide im Gehirn reduziert werden.

Doch die Hoffnungen, Alzheimer damit heilen zu können, wurden enttäuscht. "Leider hat sich herausgestellt, dass trotz der Tatsache, dass man dieses Eiweiß aus dem Gehirn der Patienten herausgebracht hat, ihr klinischer Zustand unverändert blieb", sagt Schmidt. Auch ohne die Plaques blieben die Versuchsteilnehmer dement. "Einige Forscher sind der Ansicht, dass diese Impfungen viel früher stattfinden sollten, bevor sich die ersten Demenzsymptome zeigen", ergänzt Peter Dal-Bianco. Denn die Ablagerung der Beta-Amyloide beginne bereits 25 bis 30 Jahre vor den ersten kognitiven Auswirkungen. Das Problem dabei sei aber die Diagnose: Bisher fehlt es an eindeutigen Biomarkern, mit denen die Krankheit in einem derart frühen Stadium hundertprozentig nachgewiesen werden kann.

Schmidt und Dal-Bianco verfolgen daher einen anderen Ansatz: In Graz und Wien erproben die beiden Neurologen derzeit eine Impfung gegen die krankhafte Form des Tau-Proteins. Das Immunsystem der Patienten muss dabei lernen, zwischen der gesunden Variante und der veränderten Form zu unterscheiden.

Schwierige Testphase

"Noch laufen diese Studien in der ersten klinischen Phase, das ist viel zu früh, um irgendwelche Aussagen über mögliche Effekte zu machen. Zunächst wird einmal getestet, ob der Impfstoff keine schädlichen Effekte hat", sagt Schmidt. Andere Forschungsgruppen versuchen, die Phosphatreste der Tau-Proteine zu entfernen, um die Eiweiße wieder funktionsfähig zu machen. Doch auch diese Studien sind noch weit von der Entwicklung eines Medikaments entfernt.

"Der Bedarf an Forschungsarbeit ist bei Alzheimer noch sehr groß", betont Dal-Bianco. Das gelte besonders in einer alternden Gesellschaft, in der sich die Problematik in den nächsten Jahrzehnten noch erheblich verschärfen wird. Ihre Finanzierung sei in Österreich, verglichen mit anderen Ländern, jedoch viel zu gering. "Das Forschen wird offensichtlich den anderen überlassen", bemängelt der Neurologe. Während die USA jährlich mehr als eine Milliarde Dollar in die Alzheimerforschung investieren, wird in Österreich weniger als ein Euro pro Demenzpatient aus öffentlichen Geldern zur Verfügung gestellt, rechnet die Österreichische Alzheimer-Gesellschaft vor.

Was bleibt, ist Prävention. Als Risikofaktoren für Demenz gelten Bluthochdruck, Diabetes, Hirnverletzungen oder Depressionen. Alle Maßnahmen, die gegen diese Erkrankungen wirken, sind auch als Vorbeugung gegen Demenz zu verstehen. Der wichtigste Schutzfaktor sei jedoch kontinuierliche geistige Beschäftigung, erklärt Reinhold Schmidt. "Im Prinzip geht es darum, kognitive Reserven aufzubauen. Das ist sozusagen die Fähigkeit des Gehirns, gegen Schädigungen resistent zu sein." Je mehr Hirnregionen dabei beansprucht werden, umso besser. Brett- oder Kartenspiele zählt der Neurologe ebenso dazu wie Tanzen und Musizieren - am besten vom Blatt, wodurch auch das visuelle System gefordert ist.(Wolfgang Däuble, DER STANDARD, 12.11.2014)


Wissen: Geistiger Abbau in vielen Varianten

Weltweit waren im Jahr 2012 35,6 Millionen Menschen von Demenz betroffen. Die Weltgesundheitsorganisation WHO rechnet bis zum Jahr 2030 mit einer Verdoppelung, bis zum Jahr 2050 mit einer Verdreifachung. Das liegt vor allem an den alternden Gesellschaften: Ab dem 65. Lebensjahr verdoppelt sich das Risiko, an einer Demenz zu erkranken, alle fünf Jahre. Die häufigste Demenzform ist der Morbus Alzheimer, gefolgt von der vaskulären Demenz. Seltener tritt die mit der Parkinson-Krankheit assoziierte Lewy-Body-Demenz auf, noch seltener ist die frontotemporale Degeneration. Allen gemeinsam ist der geistige Abbau. Demenz ist nicht heilbar, therapiert wird sie mit Medikamenten, die in das Neurotransmittersystem des Hirns eingreifen. (daeu)


Zum Thema
Mit Bewegung und Technik der Demenz begegnen

  • Aufnahme einer Alzheimer-Gehirnzelle: verklumpte Tau-Proteine (dunkelblau) im Zytoplasma (grün), das den Zellkern (türkis) umgibt.
    foto: picturedesk/science photo library

    Aufnahme einer Alzheimer-Gehirnzelle: verklumpte Tau-Proteine (dunkelblau) im Zytoplasma (grün), das den Zellkern (türkis) umgibt.

Share if you care.