Hightech-Farbanalyse für alte Gemälde

15. November 2014, 11:00
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Wie sich Farben auf Kunstwerken verhalten, aus welchen Elementen sie bestehen und was sonst noch in ihnen steckt, erforscht Wilfried Vetter an der Akademie der bildenden Künste

Wien - In allen Nuancen des Regenbogens leuchten die Farben aus den alten Glasfläschchen und Tiegeln. Es handelt sich um Pigmentpulver in feinsten Abstufungen von Orange, Gelb, Grün und Blau. Man glaubt gar nicht, wie viele Schattierungen Weiß haben kann. Die Namen, die in schnörkeligen Lettern oder in Handschrift auf den vergilbten Etiketten stehen, könnten aus Märchen stammen: Zinnoberrot, Emeraldgrün, Goldocker, Kobaltblau, Titanweiß.

Rund 400 anorganische Pigmente und mehr als 700 organische Farben lagern in den unscheinbaren Schränken am Institut für Naturwissenschaften und Technologien in der Kunst, das an der Akademie der bildenden Künste in Wien angesiedelt ist. Wilfried Vetter kennt viele davon aus- und vor allem inwendig, von ihrer innersten chemischen Struktur bis hin zu ihrem ganz spezifischen "Fingerabdruck" im Farbspektrum. Und noch mehr: "Bleiweiß zum Beispiel ist sehr lichtstabil und hat eine hohe Deckkraft. Aber es ist auch hochgiftig und kann bei Kontakt mit schwefelhaltigen Pigmenten schwarz werden", schildert er. "Wegen seiner toxischen Wirkung wurde auch das goldgelbe Auripigment - das ist Arsensulfid - früher oft für Morde verwendet, genauso wie Schweinfurter Grün."

Alterungsprozesse aufhalten

Vetter hat als Textilfärber gearbeitet und Bioreaktoren für die Züchtung von Körpergewebe entwickelt, bevor er als Chemiker und Textiltechnologe an die Akademie der bildenden Künste kam. Heute forscht der gebürtige Vorarlberger im Haus am Schillerplatz. Zwischen Gemäldegalerie, Ateliers und Werkstätten befindet sich das naturwissenschaftlich-technologische Institut. Es befasst sich mit der Identifizierung von Materialien und Farben, mit den Alterungsprozessen, die sie schädigen, und damit, wie diese aufgehalten beziehungsweise wie Kunstwerke optimal restauriert werden können.

"Formen von Schäden gibt es so viele wie Krankheiten beim Menschen", sagt Vetter. Er konzentriert sich darauf, Methoden zu entwickeln, um angeschlagene Kunstwerke zu analysieren, ohne Proben nehmen zu müssen oder sie nur anzurühren. Auch direkt in Museen.

In einem Turmzimmer hoch oben in der Akademie steht ein auf Schienen befestigtes Gerät, das jedes Bild, das in den Rahmen davor eingespannt wird, aus wenigen Millimetern Entfernung "abtasten" kann. Ein Laserpointer fixiert einen Punkt auf dem jeweiligen Gemälde und bestrahlt ihn mit elektromagnetischen Wellen im Bereich des sichtbaren und ultravioletten Lichts. Dadurch werden die Elektronen des jeweiligen Farbpigments angeregt. Welche Art von Licht bei welcher Wellenlänge reflektiert wird, gibt Aufschluss darüber, um welche Farbe es sich handelt.

Heikle Messungen

Ein Glasfaserkabel leitet die Signale direkt an den Computer weiter, wo sie als Kurve dargestellt werden. In Kombination mit anderen Technologien wie der Infrarotspektroskopie, die weitere Wellenbereiche abdeckt, und Röntgenfluoreszenz, mit der wichtige Elemente aufgespürt werden können, ergibt das ein sehr genaues Bild der verwendeten Farbmittel.

Auf diese Weise hat Vetter kürzlich die Farbpalette österreichischer Aquarellmaler des 19. Jahrhunderts unter die Lupe genommen. Wasserfarben werden oft sehr dünn, ja transparent aufgetragen, wodurch besonders empfindliche Messmethoden nötig sind. Anhand von 16 botanischen Abbildungen von Moritz Daffinger und zehn Werken von Rudolf von Alt konnte Vetter rekonstruieren, welche Maltechniken die Künstler anwendeten - und wichtige Informationen für die Lagerung und Präsentation sammeln.

So konnten bei den Aquarellen Daffingers 23 verschiedene Farbmittel identifiziert werden. "Man kann eindeutig sagen, dass eine sehr große Farbpalette verwendet wurde, um die Wirklichkeit so detailgetreu wie möglich abzubilden", sagt Vetter. Die Bleistiftzeichnungen, die mittels Infrarotfotografie unter den botanischen Zeichnungen von Daffinger sichtbar wurden, zeigen außerdem, wie präzise der Maler arbeitete: Es gab kaum Abweichungen zum endgültigen Bild.

Indischgelb aus Urin

Dass Daffinger etwa für Primeln neben anderen Gelbschattierungen auch das grünstichige Bariumgelb einsetzte, weist darauf hin, dass Daffinger offen für Innovationen war - "dieses Pigment war noch ganz neu zu dieser Zeit", sagt Vetter. Mittlerweile nur mehr schwer erhältlich ist Indischgelb, das wegen seiner Leuchtkraft sehr beliebt war. "Dafür wurde der Urin von indischen Kühen verwendet, die mit Mangoblättern gefüttert wurden und nur wenig zu trinken bekamen", erzählt Vetter.

Der Farbspezialist hat mittlerweile ein perfekt geschultes Auge für die Kurven, die jede noch so kleine Molekülschwingung hinterlässt. "Ich sehe sofort, das muss Preußischblau sein", sagt Vetter über die Zusammensetzung des Grüns eines Pflanzenstängels, während der Laie nur eine Art Fieberkurve auf dem Bildschirm sieht. Schnell hat Vetter auch den Gelbton Gamboge ausgemacht. Zusammen ergibt das Hookersgrün.

Im Farbenrausch

"Manchmal ertappe ich mich dabei, dass ich Risse in der Wand wie Spektralkurven analysiere", sagt Vetter. In seiner Forschung kann man schon einmal in einen Farbenrausch geraten. Jetzt fehlt nur noch das neueste Hightech-Gadget: ein sogenannter Raman-Spektrometer - mit dem sich endlich auch schwarze und erdfarbene Pigmente eindeutig ertappen lassen. Wie immer vollkommen berührungsfrei. (Karin Krichmayr, DER STANDARD, 12.11.2014)

  • Ein Blick in den Farbenschrank: Am Institut für Naturwissenschaften und Technologien in der Kunst lagern Proben von Pigmenten und Farbmitteln in allen Schattierungen.
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    Ein Blick in den Farbenschrank: Am Institut für Naturwissenschaften und Technologien in der Kunst lagern Proben von Pigmenten und Farbmitteln in allen Schattierungen.

  • Mit berührungsfreien Methoden lassen sich Kunstwerke (wie hier eine botanische Abbildung von Moritz Daffinger) bis ins letzte Pigment analysieren.
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    Mit berührungsfreien Methoden lassen sich Kunstwerke (wie hier eine botanische Abbildung von Moritz Daffinger) bis ins letzte Pigment analysieren.

  • Wilfried Vetter hat in den Werken von Rudolf von Alt und Moritz Daffinger allerhand Farben aufgespürt.
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    Wilfried Vetter hat in den Werken von Rudolf von Alt und Moritz Daffinger allerhand Farben aufgespürt.

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