"Rosewater": Peiniger hören zu, wenn sie Erotisches erfahren

12. November 2014, 09:00
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Jon Stewart, legendärer Gastgeber der Fernsehsendung "The Daily Show" in Amerika, hat einen Film gedreht. In "Rosewater" erzählt er die wahre Geschichte des iranisch-kanadischen Journalisten Maziar Bahari, der 2009 von den Wahlen in Teheran berichten soll

Den einen Seitenhieb kann Jon Stewart sich nicht verkneifen. "Was?", fragt er entgeistert zurück, mit theatralisch aufgerissenen Augen, als die Moderatorin im Newseum, dem Journalismusmuseum Washingtons, eine Frage stellt, mit der er nichts anfangen kann. Im Comedy-Studio sitze er ja immer vor der Kamera, bei seiner Premiere als Filmemacher sei er nun dahinter gestanden - "erfordert das nicht eine komplette Neuordnung in Ihrem Kopf?" "Whaaat?", antwortet Stewart und amüsiert sich über das Wort Neuordnung, so wie er Politiker zerpflückt, wenn sie eine Sprechblase an die andere reihen.

Der Kultsatiriker des liberalen Amerika, dessen bissige The Daily Show manchem die eher seichten Abendnachrichten der Kabelsender ersetzt, hat einen Kinofilm gedreht, seinen ersten. Erzählt wird die wahre Geschichte Maziar Baharis, eines iranisch-kanadischen Journalisten, der im Juni 2009 nach Teheran fliegt, um über eine Wahl zu berichten, über das Duell zwischen dem Hardliner Mahmud Ahmadi-Nejad und seinem flexibleren Herausforderer Mir Hossein Mussawi.

Als Ahmadi-Nejad zum Sieger erklärt wird, was den Verdacht massiver Fälschung aufkommen lässt, gehen in Teheran Zehntausende auf die Straße. Bahari ist dabei, er filmt, wie Demonstranten über die Mauern einer Kaserne der Revolutionswächter zu klettern versuchen, wie Schüsse fallen und der leblose Körper eines Getroffenen im Stacheldraht hängt. Bald darauf klingeln Geheimpolizisten an der Wohnungstür seiner Mutter, um ihn abzuholen. Bahari soll bekennen, dass er spioniert, für die Amerikaner, die Briten, die Israelis, für das Magazin Newsweek, für wen auch immer.

Im Evin-Gefängnis, Teherans berüchtigtem Knast, wird er geschlagen und erniedrigt und zur Abwechslung mit Aprikosen gelockt von seinem Peiniger, der nach Rosenwasser duftet, weshalb er ihn Rosewater nennt. Es beginnt damit, dass der Mann seine Kontakte durchgeht. "Wer ist Anton Tschechow?" "Anton Tschechow? Der Dramatiker?" "Du sollst mir das sagen, deshalb frage ich dich. Schließlich bist du es, der sich bei diesem Facebook für ihn interessiert."

Am Originalschauplatz konnte Stewart natürlich nicht arbeiten, sodass Amman als Alternative herhalten musste, die jordanische Hauptstadt, wo man ihn in einer Haftanstalt drehen ließ. Es war Sommer, vierzig Grad, obendrein Ramadan, Fastenmonat. "Idealbedingungen", witzelt Stewart.

Irgendwann liest Bahari ein Geständnis vor, dann aber dreht er den Spieß um. Nach fast vier Monaten, als ihn ein Aufseher mit "Mister Hillary Clinton" anredet, ahnt er, dass er doch nicht so vergessen ist, wie er in seiner Einzelzelle geglaubt hatte. Plötzlich erzählt er, Stewart schmückt das mit schönster Ironie aus, die tollsten Geschichten. Dass er um die Welt reist, begründet er mit seinem Faible für erotische Massagen, womit er treffsicher die Neugier seines Vernehmers weckt. Träumerisch zurückgelehnt, lässt sich Rosewater die Welt der Massagesalons in immer saftigeren Details schildern. Was einer in New Jersey will, beim Großen Satan? Die Frage beantwortet sich auf einmal von selbst. Über Fort Lee, New Jersey, schwärmt Bahari, es wäre die Weltzentrale der Erotik.

In Wahrheit ist Fort Lee ein trister Pendlervorort gegenüber der Hochhausinsel Manhattan. Stewart stammt selbst aus New Jersey. Dass er den Ort zum Sehnsuchtsziel eines Iraners macht, ist seine persönliche Pointe. Zum Schluss lässt er Gael García Bernal, den Mexikaner, der Bahari spielt, glücklich in seiner Zelle tanzen, nach Klängen von Leonard Cohen.

Gedanken, die tanzen

Wahr ist, sagt der Reporter, dass die Gedanken in seinem Kopf tanzten, als ihm dämmerte, dass sich Leute wie Hillary Clinton für seine Freilassung einsetzten. Filmemacher Stewart strickt daraus die Symbolik eines Häftlings, der die Macht über sein Schicksal wiedergewinnt. "Der Mann, der dich quält, muss dir via Überwachungskamera beim Tanzen zusehen, und er hat nicht die leiseste Ahnung, warum du das tust."

Leonard Cohen, erzählt Stewart, hätte er auch gern nach Jordanien geholt, um gemeinsam mit ihm die Szene zu drehen. Enge Tourneezeitpläne verhinderten es, sodass der Sänger nur als virtuelle Figur eingeblendet wird, ebenso wie Baharis Vater, der seinem Sohn einschärft, dass er durchhalten muss.

Der Vater, ein Kommunist, saß unter dem Schah fünf Jahre im Gefängnis. Maziar Baharis Schwester, eine Kommunistin, verbrachte sechs Jahre hinter Gittern, weil sie es gewagt hatte, den Ayatollah Khomeini zu kritisieren. Diese Familiengeschichte, sagt Stewart, habe ihn gereizt, ebenso die Absurdität totalitärer Regimes, die sich wie ein roter Faden hindurchziehe - egal, wer gerade an der Macht sei. (Frank Herrmann, DER STANDARD, 12.11.2014)

  • Die schwierige Arbeit eines westlichen Journalisten im Iran: Gael García Bernal spielt in "Rosewater" den kanadisch-iranischen Reporter Maziar Bahari, der als Spion verdächtigt und eingesperrt wird.
    foto: ap

    Die schwierige Arbeit eines westlichen Journalisten im Iran: Gael García Bernal spielt in "Rosewater" den kanadisch-iranischen Reporter Maziar Bahari, der als Spion verdächtigt und eingesperrt wird.


  • Late-Night-Talker Jon Stewart hat einen Film gedreht.
    foto: epa/cowie

    Late-Night-Talker Jon Stewart hat einen Film gedreht.


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