Mein persönlicher Mauerfall

Userkommentar12. November 2014, 11:53
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Wie die Autorin als neunjähriges Mädchen den Fall der Mauer erlebte

Menschen, die zu Hunderten auf einer Mauer standen, alte Autos, die durch ein riesiges Tor fuhren und überschwänglich, glücklich und gelöst in die Kamera winkten, mit Tränen in den Augen, diese Bilder flimmerten in unser Wohnzimmer. Ich spürte, dass etwas Großes im Anmarsch war. Ich verstand noch nicht genau was, aber es fühlte sich gut an. Meine Eltern diskutierten viel, und plötzlich stand der Entschluss fest, wir fahren in den Weihnachtsferien "do Ceska".

Die Menschen, die mit ihren Trabis durch das Brandenburger Tor fuhren, hatten auch Einfluss auf mein Leben. Ich wusste, es gab ein Land mit dem Namen Tschechoslowakei, doch gesehen und besucht, hatte ich es noch nie. Ich wusste, dass dort babicka und dedecek, Cousinen und Cousins, Tanten und Onkel waren, doch gesehen hatte ich die meisten noch nie. Irgendwie war mir klar, dass meine Familie aus mehr als drei Mitgliedern bestand, doch hatte ich keinen blassen Schimmer, wie das wäre, wenn alle an einem Tisch säßen. Mir war jedoch klar, dass das Durchschneiden des Stacheldrahtzauns im Sommer und die Menschen, die dort auf der riesigen Mauer saßen, dies irgendwie plötzlich möglich gemacht hatten.

Erstmals über die Grenze

Die Weihnachtsferien waren endlich da. Wir packten nicht nur unsere Koffer, wir luden neben zahlreichen Klopapierpackungen und Taschentüchern auch Strumpfhosen und Kaffee ein. Vollgepackt fuhren wir in Richtung Osten und erreichten die Grenznähe mitten in der Nacht.

Der symbolische Mauerfall machte das unfassbare Unmögliche möglich. Für meine Eltern so unfassbar, dass wir etwa 2 Kilometer vor dem Grenzübergang Nikolsburg (Mikulov) eine Stunde im Auto verharrten. Meinen Eltern fehlte der Mut zur Grenze zu fahren. Heute erzählen sie, dass während wir hinten versuchten im Auto zu schlafen, sie sich gegenseitig Mut zuredeten zur Grenze zu fahren. Die Furcht, die Angst war riesengroß, dass das alles doch nicht wahr sein konnte. Die Konsequenzen hätten verheerend sein können.

Meine Eltern fassten sich ein Herz und fuhren los. Die Flutlichter des Grenzübergangs weckten mich endgültig auf und ich sah einige Autos vor uns, die eine kleine Kolonne bildeten. Die Autos und Insassen wurden von den Beamten beäugt, die Pässe genau studiert. Wie erstaunt ich war, dass die Uniformierten die gleiche Sprache sprachen, wie wir in unserer Familie! Wir wurden durchgewunken, die Erleichterung war meinen Eltern förmlich anzusehen.

Tschechisch im Fernsehen

Meine Eltern hatten uns zwar vorbereitet auf das, was sein würde, aber in der Realität war es doch nochmals etwas anderes. Schlaglöcher in den Straße, Einschusslöcher in den Hausfassaden, Milch in Plastiktüten, Grautöne, wohin das Auge reichte und Limonade in giftigen Neonfarben zeigten mir eine völlig andere Welt. Am 29. Dezember 1989 war mir endgültig klar, hier wird Geschichte geschrieben. Gebannt und aufgeregt starrten wir in den Fernseher. Ich, aufgeregt, da ich immer noch nicht fassen konnte, dass auch im Fernsehen Tschechisch gesprochen wurde. Meine Familie aufgeregt: Vaclav Havel durchschritt den Wladislaw-Saal in der Prager Burg. Der Tränenfluss meiner Mutter fand an jenem Tag kein Ende.

Und ich? Ich war glücklich, dass endlich mehr als drei Menschen in meinem Leben die Sprache sprachen, in der wir uns auch zu Hause unterhielten. Für mich war das Unfassbare Realität worden. Der Mauerfall hatte dies möglich gemacht. (Helena Subr, derStandard.at, 12.11.2014)

Helena Subr lebt in Wien und hat Publizistik studiert.

  • Menschen auf der Berliner Mauer
    foto: votava

    Menschen auf der Berliner Mauer

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