Warum Denkmauern fallen müssen

11. November 2014, 19:40
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Welche Denkmauern werden als Nächstes fallen? Diese Frage stellte sich am Tag des Mauerfalls zum sechsten Mal die internationale "Falling Walls"-Konferenz

Berlin - Wer sich am vergangenen Sonntag dem Industriebau Radialsystem V, einer ehemaligen Pumpstation der Berliner Wasserwerke an der Spree, näherte, kam an hunderten auf übermannshohen Stangen montierten Ballons vorbei. Sie markierten den Verlauf der Berliner Mauer, deren Fall am Wochenende zum 25. Mal gefeiert wurde.

"Falling Walls" war auch der Titel einer Konferenz im Radialsystem. Zum sechsten Mal ging es rund um den signifikanten Jahrestag, den 9. November, um Durchbrüche in verschiedensten wissenschaftlichen Bereichen. Forscher aus vielen Teilen der Welt berichteten über Projekte und Programme, denen sie Chancen auf nachhaltige gesellschaftliche Veränderungen zusprachen. Zur Konferenz gehören Begegnungen im kleinen Kreis zwischen Forschern, Investoren und Regierungsinstitutionen; ein Forum, in dem sich Venture-Kapitalisten mit Start-ups treffen; und das Falling Walls Lab, eine Gelegenheit für Nachwuchswissenschafter, ihre Arbeiten der Scientific Community vorzustellen.

Das Lab, zum vierten Mal am Tag vor der Konferenz veranstaltet, stand unter dem Motto "Great Minds, 3 Minutes, 1 Day". Jeder der 100 Teilnehmer - Finalisten aus 37 Nationen - hatte genau diese drei Minuten Zeit, um sein oder ihr Projekt allen anderen und einer Jury vorzustellen. Eine Art "einseitiges Speed-Dating", wie ein Juryteilnehmer anmerkte.

Aus dem nicht gerade stressfreien Marathon gingen drei Sieger hervor: Dyllon Randall aus Südafrika, der eine gewinnbringende Möglichkeit zur Aufbereitung von Abwasser vorstellte; die Ägypterin Nermeen Youssef (University of Alberta in Kanada), die mithilfe von Blaulicht Fettzellen zur Ausschüttung von Insulin animieren will, damit Patienten mit Diabetes Typ 1 sich kein Insulin mehr spritzen müssen.

Der Hauptsieger (und zugleich Gewinner des Publikumspreises), Tom Bieling vom Design Research Lab in Berlin, präsentierte eine Kommunikationstechnologie für Taubstumme, eine Art smarten Handschuh, mit dem man sich jederzeit und mit jedem austauschen kann. Alle drei Preisträger bekamen die Möglichkeit, ihre Projekte am folgenden Tag dem Wissenschafter-Publikum vorzustellen. Insgesamt nahmen 800 Menschen an der Konferenz teil.

Quanten und Würfel

Den Auftakt für den Vortragsreigen machte der Quantenphysiker Anton Zeilinger von der Uni Wien - zusammen mit großen Schaumgummiwürfeln. Anhand des Würfelspiels veranschaulichte er die ansonsten jeder Erfahrung widersprechenden Eigenschaften "verschränkter" Teilchen. Die seltsame Welt der Quanten scheint sich allerdings gegen eine unmittelbare Anwendung zu sperren - auch wenn die Falling-Walls-Veranstalter Wert auf Praxisbezug legen.

Darauf hatte Zeilinger am Rand der Tagung zwei Antworten. Erstens: "Es gibt viele Beispiele aus den Naturwissenschaften, die zeigen, dass die Fantasie derer, die an einer bestimmten Forschung beteiligt waren, viel zu eng war. Wenn die Grundlagenforschung immer schon von den Anwendungen her motiviert gewesen wäre, dann hätte man keine elektrische Beleuchtung entwickelt, sondern wahnsinnig viel Geld in bessere Kerzen gesteckt."

Zweitens sieht er sehr wohl bereits praktische Folgen der quantenmechanischen Forschung: "Es scheint sicher, dass die Quantenkryptografie wegen der derzeitigen Beschränkungen der Datenmengen nicht für die Verschlüsselungen der Daten selbst angewendet werden wird, sondern für die Verschlüsselung der Codes, die man für die Nachrichten brauchen wird."

15 Vorträge, 15 Minuten

Ihm folgten 15 weitere Vorträge, jeweils auf 15 Minuten beschränkt - ein souveräner Pantomime komplimentierte die wenigen Zeitüberzieher erfolgreich von der Bühne. Obwohl für alle Wissenschaftssparten offen, überwogen doch Biomedizin, Neurowissenschaften, Physik - im weitesten Sinn also Naturwissenschaften.

Es gab spannende Ausführungen über Themen wie das Auflösungsvermögen von Lichtmikroskopen (Stefan Hell vom Max-Planck-Institut für biophysische Chemie), die Entdeckung neuer Exoplaneten mithilfe von Spektralanalyse (von der aus Österreich stammenden Lisa Kaltenegger, die an der Cornell Universität tätig ist) oder das neurowissenschaftliche Verständnis von Bewusstsein (Christof Koch vom Allen Institute for Brain Science, Seattle).

Informationseinbahnen

Zwei provokante, etwas aus der Reihe fallende Beiträge kamen aus der nichtnaturwissenschaftlichen Ecke: Alan Rusbridger, der Chefredakteur des Guardian, betrachtete sowohl die Informationseinbahn der traditionellen Presse wie die Geheimniskrämerei und die Haltung staatlicher Stellen gegenüber der Informationsfreiheit als Mauern, die es niederzureißen lohne - was seine Zeitung in den letzten Jahren ja auch erfolgreich betreibt.

Die Innovationsökonomin Mariana Mazzucato von der University of Sussex wiederum stellte massiv die These infrage, dass wir weniger Staat und mehr privat bräuchten. Anhand vieler Daten wies sie auf die Rolle des öffentlichen Sektors für strategisches Wachstum hin. Mazzucato fand bei aller Anerkennung der Konferenz auch kritische Worte: "Ich denke, es wird zu wenig Aufmerksamkeit den neuen Mauern gewidmet, die errichtet werden, etwa die Patentierung vieler Forschungswerkzeuge, die freies Arbeiten unmöglich machen, die Monopolmauern von Verlagen, die Forschungsergebnisse teuer verkaufen, oder die ökonomischen Mauern, die hochgezogen werden." (Michael Freund aus Berlin, DER STANDARD, 12.11.2014)


Die Reise erfolgte auf Einladung des Beratungsunternehmens A.T. Kearney, eines der Sponsoren der Konferenz.

  • "Wenn Grundlagenforschung immer schon von den Anwendungen her motiviert gewesen wäre, hätte man keine elektrische Beleuchtung entwickelt, sondern wahnsinnig viel Geld in bessere Kerzen gesteckt", sagte "Mr. Beam" Anton Zeilinger - und erklärte die Quantenphysik mithilfe von Schaumgummiwürfeln.
    foto: kay herschelmann

    "Wenn Grundlagenforschung immer schon von den Anwendungen her motiviert gewesen wäre, hätte man keine elektrische Beleuchtung entwickelt, sondern wahnsinnig viel Geld in bessere Kerzen gesteckt", sagte "Mr. Beam" Anton Zeilinger - und erklärte die Quantenphysik mithilfe von Schaumgummiwürfeln.

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