Thrillerautor Winslow: Ein bisschen brutal, sehr brutal, überzogen brutal

11. November 2014, 17:13
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Don Winslow liest am Mittwoch als Stargast bei der Buch Wien aus seinem neuen Roman "Missing. New York". Ein Rundgang durch sein Werk

Wien - Der Durchbruch im deutschen Raum kam für Don Winslow relativ spät. Dafür mischte er 2010 mit Tage der Toten das von bayerischen Urviechern, depressiven skandinavischen Kriminalbeamten, Katzen, Polymorph-Perversen, privat ermittelnden Frühpensionisten und sehr wahrscheinlich auch Detektiven mit Bademeisterhintergrund ordentlich vollgeräumte Krimi- und Thrillergenre entsprechend auf.

Der heute 61-jährige, aus New York stammende Autor Don Winslow arbeitete mehr als zweieinhalb Jahrzehnte selbst als Detektiv. Dieser Beruf erfordert erstaunlicherweise nicht nur Kenntnisse in Autoverfolgungsjagden, Longdrink-Rezepturen und geheimnisvollen schönen Frauen, denen gerade eine Biene in die Lippen gestochen hat. Ganz abgesehen von Waffenkunde oder medizinischen Kenntnissen in Folter und Forensik. Das alles findet man in den seither bis zu zwei-, dreimal jährlich in deutscher Übersetzung eintrudelnden Pageturnern des Don Winslow selbstverständlich auch.

Immerhin gehört im Genre, abgesehen von dicken Bayern-Bullen, schon auch ein wenig Tempo gemacht, gehören Klischees bemüht. Erkennen bedeutet schließlich Wiedererkennen. Das passt gut zum verwandten erkennungsdienstlichen Hinweis.

Wichtige Grundbedingung nicht nur in Tage der Toten: eine ordentliche Recherche, was bei diesem Thema alles zu verhandeln ist. Vor allem wichtig: Organisierte Kriminalität sollte in einem Roman über den mexikanischen Drogenkrieg eben auch als ökonomischer Krieg gelesen werden. Winslow hält dazu entschieden fest, dass die USA mit ihrem "War on drugs" die Gewinne nur steigern und das Geschäft umso interessanter für nachrückende Kartellkonkurrenz machen.

Mit diesem, auf der Skala von ein bisschen brutal bis sehr brutal mit überzogen brutal bewerteten Roman über den mexikanischen Drogenkrieg und was die USA damit zu tun haben, erschienen zahlreiche weitere Arbeiten aus 20 Jahren. Winslows Werke handeln nicht nur von Drogenkartellen, sondern auch von dauerkiffenden kalifornischen Dealern (Zeit des Zorns, Kings of Cool ...). Der ehemalige Mafiakiller Frankie Machine wird aus seinem vorzeitigen Ruhestand als Besitzer eines Anglergeschäfts in San Diego gerissen. Ein anderer Privatdetektiv in Don Winslows Welt ist Boone Daniels, der würde in Pacific Private und Pacific Paradise eigentlich lieber surfen gehen. Eigentlich, aber.

Überhaupt vertraut Winslow zum Beginn seiner Bücher gern darauf, dass der Mensch ab einem gewissen Alter ein Grundbedürfnis nach Ruhe hat. Das wird von Wiederholungen, Überdruss und dem Gefühl verursacht, schon zu oft zu viel gesehen zu haben. Möglicherweise wollte man aber gar nicht alles wissen.

Die Sprache, der Don Winslow sich bedient, ist dem elliptischen, schmucklosen, bei höherem Tempo ins Stakkato kippenden Schreibstil eines James Ellroy ebenso verpflichtet wie dem großen Lakoniker Elmore Leonard. Mit beiden teilt er sich eine Abneigung gegen übertriebene Beschreibungen und Adjektive.

Zumindest galt das bis jetzt. Winslow startete jetzt nach dem etwas verstörenden Rache-Thriller Vergeltung, in dem es um den Krieg gegen den Terror, Söldner und die ausführliche Beschreibung neuester Waffentechnologie geht, eine neue Detektivreihe.

Cop Frank Decker ist ein klassischer Provinz-Cop in Lincoln, Nebraska, der dazugehörige Serienstart mit Missing. New York eine klassische Ermittlergeschichte. Hailey, ein siebenjähriges Mädchen, verschwindet am helllichten Tag spurlos. Vermutlich wurde sie von Kinderhändlern entführt. Das führt Winslow nicht nur zu ausführlichen Statistiken über Kinderhandel in den USA, die Überlebenschancen der Entführungsopfer generell und Gewalt im Familienkreis.

Frank Decker, der, besessen von diesem Fall, Beruf und Ehe aufgeben wird, erzählt die Geschichte auch in rein subjektiver Ich-Form. Das treibt den alten Stoiker und Elliptiker Winslow in den Adjektiv-Wahn von Kleidungs-, Frisur- und Speisenbeschreibungen. Elmore Leonard dreht sich im Grab um. Trotz einiger Anschlusslücken und Logikfehler will man aber doch wissen, wie es ausgeht. Frank Decker wird also andere Leute auch weiterhin suchen. (Christian Schachinger, DER STANDARD, 12.11.2014)

Don Winslow liest am Mittwoch, 12. 11., bei Langen Nacht der Bücher der Buch Wien in der Halle D der Messe Wien. Beginn der Lesung: 21 Uhr

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Buch Wien

  • Der 61-jährige US-Autor Don Winslow zählt zu den großen neueren Stars des Krimi- und Thrillergenres. Er wird am Mittwoch bei der Buch Wien im Messegelände im Prater lesen.
    foto: apa/epa/alberto estevez

    Der 61-jährige US-Autor Don Winslow zählt zu den großen neueren Stars des Krimi- und Thrillergenres. Er wird am Mittwoch bei der Buch Wien im Messegelände im Prater lesen.

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