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1. Dezember 2014, 05:30

Früher ging der sechsjährige Maximilian (Name geändert) nicht gerne in die Schule. Seine Lehrerin strich ihm Wörter in seinem Heft durch. Er hatte von ihr erst gelernt, "Mama" zu schreiben, deshalb durfte in seinem Heft auch nur "Mama, Mama, Mama" stehen. Daraufhin weigerte sich Maximilian, überhaupt zu schreiben. Er wechselte die Schule. Seine jetzige Lehrerin ist stolz auf ihn: "Er konnte in der zweiten Klasse Aufsätze schreiben, die ich nie schreiben könnte", sagt Nathalie Rath. Maximilian hat eine Hochbegabung für Sprache.

Rath unterrichtet an der Volksschule St. Ursula im 23. Bezirk in Wien. Die katholische Privatschule ist eine der wenigen, die sich auf Begabungsförderung spezialisiert haben. Als eine von zehn der 260 Wiener Volksschulen hat sie etwa Lehrer, die gelernt haben, wie sie mit besonders guten Schülern umgehen sollen.

Kleine Spitzengruppe

Begabungsförderung ist zwar ein Unterrichtsprinzip, das in allen Fächern umgesetzt werden soll. Kinder, die ein Potenzial zu sehr guten Leistungen haben, kommen trotzdem oft zu kurz. Im österreichischen Regelschulsystem werden vor allem Schwächen ausgebügelt. Zudem sind Hochbegabte immer noch mit Vorurteilen konfrontiert, wonach sie Außenseiter sind und ihnen soziale Kontakte schwerfallen. Es kommt auch vor, dass Eltern ihre Kinder überschätzen und zu viel von ihnen erwarten.

Wie hoch der Anteil an begabten Schülern in Österreich ist, wird nicht erhoben, aber die Pisa-Studie weist sehr gute Leistungen extra aus. Die österreichische Spitzengruppe ist im Vergleich zu anderen Ländern nicht groß: Beim Lesen sind es etwa 5,5 Prozent der Schüler, der OECD-Durchschnitt liegt bei 8,8 Prozent.

Die magische Zahl 130

Schüler gelten als hochbegabt, wenn sie einen Intelligenzquotienten haben, der über 130 liegt. Intelligenz wird dabei auf den kognitiven Bereich eingeschränkt. Diese Kinder haben etwa eine besonders gute Auffassungsgabe oder können außerordentlich gut logisch denken.

Roland Grabner hat seit Oktober den neuen Lehrstuhl für Begabungsforschung an der Universität Graz inne. "Die Grenze bei genau 130 ist willkürlich gesetzt", sagt er. Der Mittelwert der kognitiven Intelligenz der Menschen liegt bei 100, 50 Prozent der Bevölkerung liegen darüber und 50 Prozent darunter. Wer einen IQ zwischen 85 und 110 hat, gilt als durchschnittlich intelligent.

foto: standard/andreas müller
Angewandtes Lernen: Die Schüler in der Volksschule St. Ursula können selbst ausprobieren, anstatt der Lehrerin nur zuhören zu müssen.

Erweitert man die Definition von Intelligenz und orientiert sich nicht nur am IQ, geht die Begabungsforschung davon aus, dass 15 bis 20 Prozent eines jeden Jahrgangs das Potenzial zu sehr guten Leistungen haben. Diese Kinder können zum Beispiel sehr gut malen oder Geige spielen oder sich besonders gut in andere Menschen einfühlen.

Begabungen entdecken

Eine Begabung zu erkennen ist für Lehrer nicht immer leicht. "Manche wollen so sein wie die anderen und verstecken ihre Talente", sagt Rath. Wenn ein Kind hochbegabt ist, lernt es schnell, kann sich Dinge gut merken, erkennt Zusammenhänge leicht und kann sehr gut logisch denken. Rath ist auch mit Eltern konfrontiert, die ihren Sprössling für hochbegabt halten, obwohl er das nicht ist. "Eltern sind sehr stolz auf ihre Kinder und wollen sie natürlich immer fördern." Sie müsse dann überprüfen, ob das Kind tatsächlich begabt sei, und es Mutter oder Vater "diplomatisch" vermitteln, wenn sie eventuell falsch liegen.

Um Talente zu entdecken, bietet die Volksschule St. Ursula ihren Schülern Förderkurse an. Sie können turnen, am Computer arbeiten, musizieren, kochen, malen oder in naturwissenschaftlichen Fächern experimentieren. Einmal pro Woche dürfen sie in zwei Unterrichtsstunden ausprobieren, wofür im Regelunterricht keine Zeit bleibt. Die Kurse dauern vier Wochen, die Schüler können pro Schuljahr an bis zu vier teilnehmen.

An diesem Nachmittag sind die Naturwissenschaften dran. "Wir werden experimentieren, es wird gefährlich, später werden wir auch Schutzmasken tragen müssen", sagt Rath am Anfang der Stunde. Ein achtjähriger Bub lacht und reibt sich bei dieser Nachricht die Hände. Rath unterrichtet gemeinsam mit ihrer Kollegin Linda Lammel. Sie teilen die Schüler in zwei Gruppen. Eine wird künstlichen Schnee aus Windeln herstellen, die andere einen Stromkreis bauen.

derstandard.at/müller
Die Schüler der Volksschule St. Ursula beim Experimentieren. Sie stellen künstlich Schnee her und bauen einen Stromkreis.

Für ihren Stromkreis bekommen die Kinder anfangs nur eine Flachbatterie und ein Lämpchen und den Auftrag, es zum Leuchten zu bringen. Ein Schüler hält die Fassung an den Boden der Batterie, ein Mädchen probiert es, indem sie das Lämpchen an nur einen Kontakt hält, ein etwa siebenjähriger Bub macht es auf Anhieb richtig und hält die Glühbirne so, dass sie beide Kontakte berührt. Sie leuchtet. "Aaaaaaaaahhhh", raunen die Mitschüler und versuchen es ihm gleichzutun.

"Es geht um dieses Aha-Erlebnis", sagt Lammel. Nicht der Lehrer steht vorne am Pult und zeigt vor, sondern die Schüler können selbst ihren Lösungsweg finden. Dieses aktive Lernen ist ein wesentlicher Mechanismus der Begabungsförderung, sagt Forscher Grabner. "Man sollte dem Kind nicht sagen, welche Lösung die richtige ist, sondern die Lösung gemeinsam erarbeiten."

Der Lehrer als Pilot

Eine der wirksamsten Förderungsmöglichkeiten ist für Grabner die sogenannte formative Evaluation. Dabei überprüft der Lehrer regelmäßig, ob die Kinder den Stoff verstanden haben. "Und wenn die Lehrerin feststellt, dass die Inhalte nicht angekommen sind, passt sie den Unterricht an." Derzeit würden die Schüler häufig nach drei Monaten über den Stoff geprüft. Wer ihn nicht verstanden hat, fällt durch. Grabner beschreibt dieses Vorgehen mit einem Bild: "Das ist, wie wenn ein Pilot, der nach London möchte, sich in New York in den Flieger setzt und sechs Stunden lang in dieselbe Richtung fliegt. Wenn er landet, fragt er, ob er jetzt in London ist."

Besonders schlaue Schüler können Pädagogen im Regelunterricht auch fördern, indem sie zusätzliches Material anbieten. Lehrerin Lammel gibt ihnen eigene Zielvorgaben, sie arbeiten an anderen Projekten als ihre Mitschüler. Zudem sollten Lehrer die Geschwindigkeit des Unterrichts an die Schüler anpassen. An der Volksschule St. Ursula können sie etwa in dem Fach, in dem sie besonders gut sind, eine höhere Klasse besuchen. Das ist hier besonders leicht, weil eine Neue Mittelschule und ein Gymnasium zum Campus gehören.

An allen Schulen üblich ist, dass hochbegabte Kinder eine ganze Klasse überspringen. Auch ein Studium schon während der Schulzeit ist möglich.

Beides hat Martin Cvikl gemacht. Der 16-Jährige hat in der Volksschule eine Klasse übersprungen und studiert jetzt parallel zum Unterricht im vierten Semester Wirtschafts- und Sozialwissenschaften als außerordentlicher Student an der Wirtschaftsuniversität Wien. "Wirtschaft interessiert mich schon, seit ich zwölf Jahre alt bin, und deshalb habe ich mich entschlossen zu studieren", sagt er. "Die Förderung bringt mir etwas im Leben, weil ich früher mit dem Studium fertig bin. Das ist ein gutes Element für den Lebenslauf."

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Der Vorteil des Schlauseins: "Man hat einen gewissen Vorsprung im Leben", sagt Martin Cvikl.

Cvikl ist einer von 90 Schülern, die in diesem Semester an österreichischen Unis studieren. Das Programm "Schüler an die Hochschulen" des Österreichischen Zentrums für Begabtenförderung und Begabungsforschung feierte im Herbst sein 15-jähriges Jubiläum. Einzige Voraussetzung für die Teilnahme: ein Motivationsschreiben und die Zustimmung des Direktors.

Cvikl genießt es, an der Universität das zu lernen, was ihn wirklich interessiert. "Ich finde diese Form des Lernens interessanter als die Schule. Es ist wie ein Hobby. Wie wenn jemand in den Fußballklub eingeschrieben ist, bin ich an der Uni eingeschrieben."

Er ist zielstrebig. Nächstes Frühjahr macht Cvikl neben dem Studium seine Matura in einem Gymnasium im 17. Bezirk in Wien und will nach dem Studienabschluss in Wirtschaft Maschinenbau studieren. Dass er an der Universität jünger als die Studienkollegen ist, stört ihn nicht. "Ich bin seit elf Jahren auch in der Schule immer ein Jahr jünger, ich habe mich daran gewöhnt."

Damit sich Universität und Schule parallel ausgehen, belegt Cvikl wenn möglich nur solche Kurse, die neben dem Stundenplan in der Schule möglich sind. Wenn er doch etwas verpasst, borgt er sich die Unterlagen von Klassenkollegen. "Dafür braucht man ein gutes Klassenklima", sagt er. "Man darf nicht auf dem hohen Ross sitzen und sagen, ich bin etwas Besseres."

Probleme mit den Kollegen

Probleme mit den Klassenkollegen kennt Annika Hämmerle. Als die 18-Jährige im vergangenen Jahr ihr Chemiestudium an der Technischen Universität in Wien begann, belegte sie einige Lehrveranstaltungen und verpasste den Unterricht an ihrer HTL. Da Hämmerle sehr leicht lernt, war das kein Problem. Schon in der Volksschule war sie mit dem Stoff für eine ganze Woche am Montag oder Dienstag fertig. Dass sie aufgrund ihres Studiums öfter fehlen darf, haben ihre Mitschüler als unfair empfunden. Jetzt organisiert Hämmerle ihre Vorlesungen an der Uni so, dass sie keinen Unterricht in der Schule verpasst.

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Annika Hämmerle (18) begann ihr Chemie-Studium nach einem USA-Aufenthalt.

Für ein Studium hat sich die Schülerin entschieden, nachdem sie in den USA ein Jahr lang eine Highschool besucht hatte. "Es ist drüben ganz anders, die Leute haben viel mehr ein Ziel vor Augen, jeder arbeitet auf etwas hin", erzählt sie. Zurück in Österreich hat ihr eine solche Herausforderung gefehlt.

Eigene Schulen für Hochbegabte

Wie Hämmerle und Cvikl studiert auch Stefan Maukner parallel zur Schule an der Universität. Im Gegensatz zu den anderen besucht er aber auch eine Schule für Hochbegabte. An der Sir-Karl-Popper-Schule im vierten Bezirk in Wien werden Schüler nur aufgenommen, wenn sie einen Intelligenztest bestehen.

Diese Form der Förderung in der Popper-Schule nennt Grabner "Leistungsgruppierung". Dabei werden hochbegabte Schüler zusammengefasst. "Ich stehe dem skeptisch gegenüber", sagt der Begabungsforscher. Das Ziel, eine homogene Gruppe von Schülern zu schaffen, die alle gleich gut sind, sei unmöglich. Schließlich sei auch der Unterschied von einem Schüler mit dem IQ von 130 und einem mit 160 sehr groß. "Für den Lernerfolg spielt überdies nicht nur die Intelligenz eine Rolle, sondern auch das Vorwissen, die Motivation und die Interessenlage." Er befürwortet Fördermaßnahmen, durch die alle Schüler ihrer Begabung entsprechend gefördert werden.

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Stefan Maukner (18): "Schlau sein ist stigmatisiert."

Maukner geht gerne an die Popper-Schule. Besonders der Umstand, dass er sich auf Fächer spezialisieren und andere abwählen kann, ermöglicht es ihm, auf die Uni zu gehen. In der Unterstufe hatte Maukner viel Freizeit. Während andere für Schularbeiten lernen mussten, konnte er den Stoff meistens alleine dadurch, dass er während des Unterrichts anwesend war. "Wäre es in der Oberstufe so weitergegangen, wäre mir wahrscheinlich langweilig geworden."

Die Schüler und Studenten Cvikl, Maukner und Hämmerle haben eines gemeinsam: Sie sind mit Vorurteilen konfrontiert und bemüht, diese nicht zu erfüllen. Alle drei betonen immer wieder, dass sie sich nicht als etwas Besseres fühlen, dass sie auch Freizeit und Freunde haben. Hämmerle erzählt den Kollegen an der Uni gar nicht, dass sie noch Schülerin ist. "Ich möchte nicht als Streberin abgestempelt werden, weil ich mich selbst nicht als solche sehe."

Hochbegabte als Außenseiter

Die Vorstellung von Hochbegabten, die wie der Wissenschaftler Sheldon Cooper in der Serie "Big Bang Theory" Schwierigkeiten mit sozialen Kontakten haben, ist noch immer verbreitet.

the big bang theory
Sheldon Cooper gesteht Amy seine Liebe. Er ist der Parade-Hochbegabte in der Serie "Big Bang Theory". Dass Menschen wie er wenig soziale Kompetenz haben, ist ein Vorurteil.

Cvikl hat erlebt, dass der Begriff "Hochbegabter" oft mit "sozialer Außenseiter" gleichgesetzt wird. "Das sollte nicht sein, es heißt einfach, dass man bestimmte Fähigkeiten hat." In Kursen für Lehrkräfte würden auch Lehrer oft eine tatsächlich nicht bestehende Verbindung zwischen Hochbegabung und mangelnder sozialer Kompetenz herstellen, sagt Grabner. "Wenn jemand hochbegabt ist, muss er anscheinend auch irgendwo ein Defizit haben. Sonst wäre es ja ungerecht."

Diese Klischees wurden bereits in den 80er-Jahren durch das "Marburger Hochbegabtenprojekt" entkräftet. Die Studie des Marburger Psychologieprofessors Detlef Rost belegte, dass es keine Unterschiede zwischen der sozialen Kompetenz von Hochbegabten und jener von normal begabten Kindern gibt.

Die beiden Lehrerinnen an der Volksschule St. Ursula haben trotzdem die Erfahrung gemacht, dass es begabten Kindern schwerer fällt, sich zu integrieren und ihre Emotionen zu kommunizieren. "Sie haben Schwierigkeiten mit den Gleichaltrigen, weil sie andere Interessen haben", vermutet Lammel.

In ihrem Naturwissenschaftskurs haben die Schüler mittlerweile alle einen Stromkreis gebaut. Jener Schüler, der als Erster die Glühbirne zum Leuchten gebracht hatte, ist auch der Erste, der Batterie und Lämpchen mit Kabeln verbindet und einen Schalter zum An- und Ausknipsen einbaut. Die Pädagoginnen wissen jetzt, dass er schnell begreift. Sie werden seiner Klassenlehrerin davon berichten und darüber beraten, wie sie ihn weiter fördern können. (Lisa Kogelnik, derStandard.at, 1.12.2014)