Filme als klingende Zerrbilder

11. November 2014, 17:12
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Das Klangforum Wien beim Festival Wien Modern

Wien - Film und Musik - das ist (wieder einmal) ein Schwerpunkt des Wien-Modern-Festivals, wobei diesmal überhaupt das Sichtbare in der Musik in den Blick genommen wird: ein weites Feld, das mangels genauerer dramaturgischer Ariadnefäden das Publikum dazu einlädt, sich selbst einen Weg durch das Dickicht zu bahnen.

So brachte der Sonntagnachmittag im ORF-Radiokulturhaus beim Projekt "Junge Musik" das Stück neun von Andreas Lindenbaum, das die Bewegungen der jugendlichen Instrumentalisten von der Musikschule Wien und der Johann-Sebastian-Bach-Musikschule in einer Art "Klang- und Gesten-Theater" einbezog. Abends saß der Komponist dann in seiner Rolle als Cellist des Klangforum Wien im Mozart-Saal des Konzerthauses, wo eines der durchdachtesten Programme fast ausschließlich Kompositionen zusammenbrachte, die sich auf Filme beziehen - um am Ende dann doch auf dem Primat der Musik zu beharren.

Doch im Grunde taten dies alle der gewählten Stücke auf ihre Weise: Zwar schrieb Wolfgang Rihm Bild (eine Chiffre) als Musik zum Stummfilm Un chien andalou, die er dann allerdings lieber nicht synchron dazu hören wollte; und auch Olga Neuwirth baute in Diagonal Symphony für den Stummfilm von Viking Eggeling eine Reihe von Stolpersteinen ein. Obwohl bei Morton Feldmans Untitled Film Music nicht mehr rekonstruierbar ist, für welchen Film die Stücke entstanden, haben sie - stilistisch untypisch - ihren illustrativen Reiz. Arnold Schönbergs Begleitungsmusik zu einer Lichtspielszene wirkt hingegen mehr wie das expressive Destillat menschlicher Urängste.

Zufällig bezog sich auch Reinhard Fuchs, der heuer mit dem Kompositionspreis der Erste Bank ausgezeichnet wurde, in seinem Mania auf einen Film, nämlich Blue Velvet von David Lynch - freilich nur als weitläufige Assoziation, an die noch am ehesten die prallen elektronischen Einsprengsel anknüpfen. Ansonsten folgt das Stück vielschichtiger musikalischer Eigenständigkeit: von der Ferne aus betrachtet mit chaotisch anmutenden Klangbändern, im Detail jedoch immer auf mehreren Ebenen präzise durchgestaltet.

Gewissermaßen außer Konkurrenz standen dann die Klangstudien von Giacinto Scelsis Quattro pezzi (su una nota sola) am Ende des Programms, als sollten sie nochmals die Wandlungsfähigkeit und Expertise des Ensembles bekräftigen, das Sylvain Cambreling mit unprätentiöser Souveränität durch den stringenten Stilpluralismus führte. (Daniel Ender, DER STANDARD, 12.11.2014)

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