Suchthilfestelle in Wien: Neun Punkte gegen Proteste im Neunten

11. November 2014, 12:01
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SP-Bezirksvorsteherin will mit neuen Maßnahmen zeigen, dass sie Anrainerängste im Sobieskiviertel ernst nimmt

Wien - Es ist Tag der offenen Tür in der umstrittenen Drogenberatungsstelle in der Wiener Nußdorfer Straße in Alsergrund. Interessierte lassen sich von Sozialarbeitern durch die Räume führen: Gemeinschaftsraum, Teeküche, Bürozimmer. Neugierige und Befürworter, die Infozettel verteilen, stehen am Eingang. Zwei Polizeibeamte sind anwesend, drei weitere stehen am Gehsteig gegenüber.

Am Sobieskiplatz um die Ecke haben sich einige Dutzend Menschen versammelt. Manche tragen Anstecker der protestierenden Bürgerinitiative, andere FPÖ-Kappen. Am Dienstag, zwei Tage vor der geplanten Eröffnung der Suchthilfestelle, sind die Proteste noch nicht verebbt.

Neun neue Maßnahmen

"Es wird heißer gekocht als gegessen", meint dazu Alsergrund- Bezirksvorsteherin Martina Malyar (SPÖ). Trotzdem präsentierte sie am Dienstag "neun Punkte für den Neunten": Mit den Maßnahmen wolle sie ihrem sozialem Gewissen sowie den politischen Erfordernissen entsprechen, und weder Stadt noch Anrainer im Regen stehen lassen. Nicht weil die Drogenberatungsstelle bedrohlich wäre, sondern um die Ängste ernst zu nehmen, begründete Malyar die Maßnahmen.

Die neun Punkte sehen u.a. vor, dass die Drogenberatungsstelle an Sonn- und Feiertagen geschlossen bleibt, Grünflächen rundherum täglich gereinigt und Sobieskiplatz sowie Himmelpfortstiege besser beleuchtet werden. Damit Suchtkranke und Angehörige nicht wie von Anrainern befürchtet vor der Beratungsstelle herumstehen, wird ein Raucherbereich im Inneren eingerichtet. Streetworker und ein zusätzlicher Polizeiposten werden in der Gegend unterwegs sein.

Gebietsbetreuung führt Erhebungen durch

Auch die Gebietsbetreuung wird eingebunden: Sie soll im Auftrag der Bezirksvorstehung u.a. erheben, wie viele Lokale in der Umgebung leer stehen und wie es momentan um die Kaufpreise von Eigentumswohnungen bzw. die Mieten im Gebiet um die Nußdorfer Straße bestellt ist. Auch damit wolle man geäußerten Sorgen der Anrainer begegnen, so Malyar.

Informationsveranstaltungen sind nicht nur in der Bezirksvertretung, sondern etwa auch in Schulen, Kindergärten oder Seniorenheimen geplant. Dazu werden SPÖ und Grüne am Mittwoch bei der Sondersitzung des Gemeinderates einen Antrag auf die Gründung eines Dialogforums einbringen, das noch vor Weihnachten erstmals tagen soll. Neben Vertretern der Magistratsabteilungen, der Polizei und der Suchthilfe sollen auch Vertreter der Bürgerinitiativen und Anrainer daran teilnehmen. Am Dienstagnachmittag findet zudem ein Tag der Offenen Türe statt.

"Faschistoides Gedankengut"

"Ich werde ein genaues Auge darauf haben, wie die Beratungsstelle funktioniert", sagte die Bezirksvorsteherin. Der Neun-Punkte-Plan könne jederzeit adaptiert und erweitert werden. Sie wolle sich für ein friedliches Miteinander einsetzen: "Hysterie im Bezirk lasse ich nicht zu." Man dürfe nicht auf dem Rücken von Suchtkranken "Vorwahlkampf" betreiben, kritisierte sie ÖVP und FPÖ, die zusätzlich "Öl ins Feuer gießen" und Ängste schüren würden. Der FPÖ warf Malyar "faschistoides Gedankengut" vor, denn diese wolle "alle weggeben", "die Suchtkranken, die Alten, die Behinderten".

Das würde sich negativ auf die Stimmung im Grätzel auswirken, sagte die Bezirksvorsteherin. Sie höre immer wieder von Anrainern, dass ein sozialer Druck herrsche, die Proteste der Bürgerinitiativen und Oppositionsparteien zu unterstützen. Wer nicht unterschreiben wolle, werde als "Junkie" bezeichnet.

"Auch gegen Ganslwirt gab es Proteste"

Zur Unterstützung hatte Malyar auch den Bezirksvorsteher von Mariahilf, Markus Rumelhart (SPÖ), eingeladen. Dort kann man dank Ganslwirt und Jedmayer auf inzwischen jahrzehntelange Erfahrung mit Suchthilfeeinrichtungen in dicht verbautem Wohngebiet zurückgreifen. "Auch gegen den Ganslwirt gab es Proteste. Mithilfe von Aufklärung und der Zusammenarbeit mit den Experten der Zentren kann man diesen Sorgen aber gut begegnen", erklärte Rumelhart. Heute gebe es keinerlei Probleme mehr, man müsse an der Kommunikation aber natürlich "dranbleiben".

Kritik an dem Standort gibt es dagegen weiterhin vor allem von den Wiener Freiheitlichen. Sie hatten sich bereits mehrfach in Pressekonferenzen und bei Kundgebungen gegen die Suchthilfeeinrichtung ausgesprochen. Am Mittwoch findet auf FPÖ-Verlangen zudem ein Sondergemeinderat zu diesem Thema statt. Dort will die FPÖ einen Misstrauensantrag gegen die zuständige Stadträtin Sonja Wehsely (SPÖ) einbringen, sollte diese einer Bürgerbefragung nicht zustimmen. Zuvor werden Vertreter der Bürgerinitiativen der Ressortchefin ihre gesammelten Protestunterschriften übergeben.

Schubert und die Sucht

Für den Klubobmann der ÖVP Alsergrund, Gregor Eitler, sind die präsentierten Maßnahmen ein "Tropfen auf dem heißen Stein". Eine Gegend, in der sich Kindergärten, Schulen, Jugendzentren und Touristenattraktion wie das Schuberthaus befinden, sei "alles andere als prädestiniert".

An der Nähe zum Schuberthaus stören sich übrigens auch die Anrainer: "Drogen vor Schuberts Geburtshaus: eine Kulturschande" steht auf einem Plakat. Dass dem Komponisten nachgesagt wird, alkoholkrank gewesen zu sein, kümmert nicht weiter. (APA/cmi, derStandard.at, 11.11.2014)

  • Die Drogenberatungsstelle in der Nußdorfer Straße soll am Donnerstag eröffnet werden.
    andy urban

    Die Drogenberatungsstelle in der Nußdorfer Straße soll am Donnerstag eröffnet werden.

  • Anrainer protestieren mit Transparenten und symbolisch aus den Fenstern gehängten T-Shirts.
    andy urban

    Anrainer protestieren mit Transparenten und symbolisch aus den Fenstern gehängten T-Shirts.

  • Schubert wird Alkoholismus nachgesagt.
    andy urban

    Schubert wird Alkoholismus nachgesagt.

  • Das Büro in der Suchthilfestelle.
    andy urban

    Das Büro in der Suchthilfestelle.

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