Österreicher sind trotz prekärer Wirtschaftslage großteils zufrieden

11. November 2014, 17:03
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Statistik-Austria-Initiative zur Messung von Wohlstand und Fortschritt mit gemischtem Fazit: Hohes Wohlbefinden trotz teils sinkender Einkommen, mehr Verkehr, weniger Feinstaub und noch immer Geschlechterunterschiede

Wien - "Wie geht's Österreich?" ist der Titel eines Indikatorenvergleichs von Statistik Austria, und zusammengefasst könnte die Antwort der diesjährigen Ausgabe lauten: trotz zuletzt dürftiger Wirtschaftskennzahlen ganz passabel.

Die Bewohner Österreichs bewerten ihr unmittelbares Wohn- und Beziehungsumfeld auf einer Skala von null bis zehn durchschnittlich mit 8,5 beziehungsweise 8,4. Die Erwerbstätigen stufen ihre Arbeitssituation im Mittel bei 8,0 ein. Ihre allgemeine Lebenszufriedenheit beträgt 7,8.

Besonders zufrieden mit den allgemeinen Umständen sind Jugendliche unter 19 Jahren (8,5), Hochschulabsolventen (8,3), Bewohner von Haushalten mit Kindern (8,1) Hauseigentümer (8,1) und Menschen, die in Orten unter 10.000 Einwohnern leben (8,0).

Am unzufriedensten sind demgegenüber Österreicher über 40 Jahren (7,7), Wiener (7,5), Pflichtschulabsolventen (7,4), alleinlebende Männer und Frauen (7,3 respektive 7,4) und Menschen ohne österreichische oder EU/EFTA-Staatsbürgerschft (7,1).

Über alle Gruppen hinweg gilt: Bewohner, die zur untersten Einkommensgruppe zählen, sind signifikant weniger zufrieden (7,2) als jene aus der einkommensstärksten Gruppe (8,5).

Immer mehr Teilzeitjobs

Auf diese relativ hohen Zufriedenheitswerte hatten die Krisenjahre offenbar kaum Auswirkungen. Das reale Bruttoinlandsprodukt pro Kopf ging verglichen mit dem Vorjahr nämlich um 0,4 Prozent zurück, der Konsum um 0,6 Prozent und das verfügbare Einkommen sogar um 2,2 Prozent.

Wie der langfristige Vergleich zeigt, trifft das Minus bei den Einkommen aber nicht alle Bevölkerungsteile gleich hart. Denn das einkommensstärkste Viertel der Haushalte durfte sich zwischen 1998 und 2012 real sogar über ein Gehaltsplus von zwei Prozent freuen, während das einkommensschwächste Viertel in denselben 14 Jahren einen realen Verdienstrückgang von 18 Prozent hinnehmen musste.

Das heißt aber nicht automatisch, dass Vollzeiterwerbstätige heute preisbereinigt weniger verdienen als früher. Denn bei den Vollzeitjobs sanken selbst die niedrigen Einkommen nicht, sondern blieben auf dem Niveau von 2004. Beim einkommensstärksten Quartil stiegen die Vollzeiteinkommen um vier Prozent.

Dass die Haushaltseinkommen insgesamt sinken, ist laut Statistik Austria vielmehr darauf zurückzuführen, dass heute mehr Erwerbstätige in Teilzeitjobs gedrängt werden und viele gar keinen Zugang mehr zu Vollzeitjobs haben. Insgesamt stieg die Erwerbstätigenquote trotz wachsender Arbeitslosenquote seit 2011 leicht.

Zahl der Armutsgefährdeten leicht gestiegen

Die Zahl armuts- oder ausgrenzungsgefährdeter Personen betrug im Vorjahr 18,8 Prozent oder rund 1,57 Millionen Menschen. Das ist ein leichter Anstieg gegenüber 2012, noch liegt der Wert aber unter dem aktuellen Grenzwert des Europa-2020-Pfades.

Insgesamt stufen die Österreicher ihre Zufriedenheit mit der finanziellen Situation des Haushalts auf einer Null-bis-zehn-Skala im Schnitt mit 7,0 ein. Bei niedrigen Einkommen (unter 60 Prozent des Medianeinkommens) liegt der Wert bei 5,8, bei hohen Einkommen (mehr als 180 Prozent des Medianeinkommens) bei 8,4.

Geschlechterlücke schließt sich nur langsam

Der Gender Pay Gap, also die Differenz zwischen den durchschnittlichen Bruttostundenverdiensten der männlichen und der weiblichen Beschäftigten, hat sich von 25,5 Prozent im Jahr 2006 auf 23,4 Prozent leicht geschlossen.

Im EU-Schnitt hat sich diese Lohnschere seit 2010 sogar wieder geöffnet. Dennoch ist sie in Österreich im EU-weiten Vergleich noch immer am zweitgrößten. Nur in Estland verdienen Frauen gemessen am Durchschnittseinkommen der Männer noch weniger als hierzulande.

Bei den privaten Vermögen ist die Schere zwischen Arm und Reich nach wie vor weit geöffnet. Die fünf Prozent reichsten Österreicher besitzen 45 Prozent des Vermögens, die "untere Hälfte" der Haushalte besitzt nur fünf Prozent des Vermögens.

Anstieg bei Hochschulabschlüssen

Teil der Gesamtauswertung von "Wie geht's Österreich" sind nicht nur Werte der subjektiven Zufriedenheit und Einkommensindikatoren, sondern auch Zahlen zu Themenfeldern wie Bildung, Freizeit, Kriminalität oder Umwelt.

So heben die Studienautoren hervor, dass die Zahl der 30- bis 34-Jährigen mit Hochschulabschluss zwischen 2011 und 2013 von 23,8 Prozent auf 27,3 Prozent stieg. Dieser Wert ergibt sich aus 27,9 Prozent Universitätsabsolventinnen bei der weiblichen Bevölkerungshälfte und 26,7 Prozent der Männer, die ein Studium abgeschlossen haben. 2008 haben die Frauen die Männer überholt und den Vorsprung seither noch ausgebaut.

Insgesamt verfügten 2012 15,2 Prozent der Einwohner Österreichs über einen Hochschul- oder äquivalenten Abschluss. 14,7 Prozent hatten als höchsten Abschluss die Matura, 15,4 Prozent absolvierten eine berufsbildende mittlere Schule, 35,6 Prozent eine Lehre und 19,1 Prozent hatten einen Pflichtschulabschluss. 1971 lag diese Quote noch bei 57,8 Prozent.

Nichtstun ist wie Schlafen nicht berücksichtigt

Geschlechterdifferenzen gibt es weiterhin bei der für Freizeitaktivitäten verfügbaren Zeit. Männern stehen dafür im Schnitt 3:58 Stunden täglich zur Verfügung, Frauen nur 3:23 Stunden. Nichtstun wird hier laut den Erhebungsmethoden nicht berücksichtigt - das zählt zum Schlafen.

Die 35 Minuten Unterschied zwischen den Geschlechtern führen die Autoren darauf zurück, dass Frauen nach wie vor mehr Zeit mit Haushalt, Kinderbetreuung und Freiwilligenarbeit verbringen. Die Differenz gleicht sich aber an: Während Frauen für diese Tätigkeiten 1981 noch 5:22 Stunden aufbrachten, waren es 2009 nur mehr 4:53 Stunden. Demgegenüber stieg diese Zeitdauer bei Männern seither von 1:34 Stunden auf 2:41 Stunden.

Verkehr stieg, Feinstaub sank

Bei Umweltthemen stellen vor allem der Flächenverbrauch und das Verkehrsaufkommen Problemfelder dar. Die Flächeninanspruchnahme wuchs von 2001 bis 2012 mit 19,2 Prozent rund viermal schneller als die österreichische Bevölkerung. Der Energieverbrauch des Verkehrs (plus 48,8 Prozent bis 2013) und die Transportleistung des Lkw-Verkehrs auf österreichischem Territorium (plus 65,2 Prozent bis 2012) stiegen im Vergleich zum Wirtschaftswachstum (plus 40,4% beim realen BIP bis 2013) überproportional an.

Die Feinstaubemissionen (PM10) sanken zwischen 1995 und 2012 dennoch um 13 Prozent. Der Anteil erneuerbarer Energieträger erhöhte sich auf 23 Prozent im Jahr 2013. Damit halten die Autoren ein Erreichen des Europa-2020-Ziels von 34 Prozent für wahrscheinlich. Ebenso erfreulich ist der stark gesunkene Wert von Phosphor im Abwasser auf einen Anteil von 18,1 Prozent des 1995er-Wertes.

Detaillierte Informationen zu diesen und den anderen der 30 berücksichtigten Indikatoren stellt Statistik Austria auf der interaktiven Website "Wie geht's Österreich" und im aktuellen 215-seitigen Bericht zur Verfügung. Es ist die zweite Ausgabe der im Vorjahr gestarteten Initiative, "die existierende ökonomische Indikatoren - allen voran das Bruttoinlandsprodukt – sinnvoll ergänzen sollen, um ein angemessenes und vollständiges Bild von Wohlstand und Fortschritt unserer Gesellschaften zu zeichnen". (mcmt, derStandard.at, 11.11.2014)

  • Die meisten Österreicher sind mit ihrem Leben weitgehend zufrieden.
    foto: apa/herbert neubauer

    Die meisten Österreicher sind mit ihrem Leben weitgehend zufrieden.

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